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Samstag, 23. Mai 2015

Schottlands Ruhrgebiet

Die Erstklässler haben vor einiger Zeit Die Vorstadtkrokodile 2 gesehen. Als Ruhrpottlerin mit Migrationshintergrund habe ich ihnen bei der Gelegenheit eine Präsentation über das Ruhrgebiet gezeigt und dabei festgestellt, dass auch die Umgebung um Glasgow herum eine Bergbau-Vergangenheit hat. Irgendwie ist das logisch. Ich hatte ja von Schiffswerken am Clyde und Stahltransport auf dem Wasser gehört, aber nicht eins und eins zusammengezählt.

Heute Vormittag bin ich nach Coatbridge gefahren und habe mir das Summerlee Museum of Industrial Life, das zur Häfte ein Freilicht- und zur Hälfte ein überdachtes Museum ist. Als ich darauf zulief, erinnerte es mich schon irgendwie an Zollverein, auch wenn der Förderturm, den ich später gesehen habe, sehr viel weniger imposant war, und in die ausgestellte Lore höchstes halb soviel Kohle passt wie in die, die man in Essen sieht. Da wurden mir die Dimensionen von Zollverein noch mal so richtig bewusst. Allerdings sind die meisten Ausstellungsstücke in Summerlee mindestens aus den 1930er Jahren, während Schacht XII von Zollverein jünger ist.
Ein Kran oder ein Kamel?

Das Museum beschäftigt sich aber nicht nur mit Bergbau sondern mit ganz vielen verschiedenen Industrien. Die Stahlproduktion scheint hier noch eine größere Rolle als Kohleabbau gespielt zu haben, aber sogar ein Webstuhl war ausgestellt, weil Weben auch lange eine wichtige Industrie um Glasgow denkt. Paisley, 11 km östlich von Glasgow, war im 19. Jahrhundert das Zentrum der Web-Industrie - und Namensgeber des Paisley-Musters (auch wenn das Muster an sich ursprünglich aus dem persischen Raum kommt).
Man kann einige Maschinen im Museum bewundern und an einer Art Simulator versuchen, ob man das Zeug dafür hat, um an einem Hochofen zu arbeiten (mir ist das Ganze zweimal um die Ohren geflogen). Es wird aber auch sehr viel Wert auf die sozialen Bedingungen gelegt. Es gibt Informationen über Fabrik- und Bergwerkbesitzer, die reich waren und viel Einfluss hatten und sich gegenseitig auf Dinnerpartys unterhalten haben, während die Arbeiter es natürlich längst nicht so gut hatten, zu siebt in einem Raum lebten, die Kinder nicht zur Schule schicken konnten und sich überwiegend von Brot, Kartoffeln und Haferbrei ernährten. Deswegen haben die Arbeiter auch "friendly societies", um sich gegenseitig zu unterstützen. Weil Hausfrauen da nicht aufgenommen wurden, gründeten sie ihre eigene Society, in der sie neue Sachen lernen konnten und mit Politik in Verbindung kamen. Die Frauen von Coatbridge machten zum Beispiel eine Ausstellung, bei der sie ihre Handarbeit-Erzeugnisse zeigten.
Wie auch im Ruhrgebiet sind viele Menschen aus anderen Ländern in die Umgebung von Glasgow gezogen, um in den Fabriken/ Bergbau zu arbeiten. Zuerst waren es vor allem Iren, später auch Asiaten und Osteuropäer. Durch diese Abteilung bin ich aber falschrum gelaufen und war etwas verwirrt, was die traditionelle litauische Tracht in der Vitrine zu suchen hatte, bevor ich das Schild im nächsten Glaskasten las.
Im Open Air-Teil des Museums kann man mit einer alten Tram zu einem Arbeiter-Straßenzug fahren (ich bin aber zu Fuß hingegangen). Jedes Haus in dem Straßenzug stellt ein anderes Jahrzehnt dar und zeigt wie die Menschen damals gelebt haben. Es ist interessant zu sehen, wie innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren die Wohnungen größer und besser eingerichtet werden. Und aus der Wohnung der 1980er kamen mir tatsächlich Sachen bekannt vor - diese komische Puppe mit dem unförmigen Kopf zum Beispiel. Was mich allerdings irritiert hat, war die Wäscheleine zwischen den Häusern. Die Wäsche dort wird nicht lange sauber gewesen sein. 

Umfassend gebildet ging es also wieder nach Hause zum Eurovision Song Contest. Ich habe herausgefunden, dass ich bei meinem Fernseher Untertitel zu den Liedern einstellen und mitsingen kann. Das ist besonders bei den Liedern, deren Sprache ich nicht kann sehr lustig. Ich finde, es sollte die Regel werden, dass alle Teilnehmer in ihrer Landessprache singen sollen und dann die Zuschauert mit Untertiteln zum Mitsingen versorgt werden.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Abschied von den Highlands

Letzten Freitag war ich nochmal auf eigene Faust in Inverness und bin diesmal über Nacht bis Samstag geblieben. Als ich Samstagabend zurückfuhr, fiel mir auf, dass das die letzte Fahrt durch die Highlands während meiner Assistentenzeit sein würde und wurde etwas melancholisch. Glücklicherweise habe ich die zwei Tage in Inverness gut genutzt.
Am Freitag bin ich zuerst ein bisschen durch die Stadt geschlendert und habe zu meiner großen Begeisterung wieder einen Einhorn-Pfeiler entdeckt. Ich glaube, viel mehr als eine allgemeine Liebe zu Einhörnern, ist es einfach die Tatsache, dass das Einhorn das schottische Wappentier ist, die mich immer wieder ausflippen lässt, wenn ich ein Einhorn sehe.
Ich bin auch zum Castle gegangen, aber da sind irgendwelche Büro-Räume und das Gericht drin, deswegen habe ich es gar nicht erst versucht hineinzugehen. Vor dem Castle steht auch eine Statue von Flora MacDonald. Als die Jacobiter 1746 die Schlacht von Culloden nahe Inverness verloren, half Flora MacDonald Bonnie Prince Charlie zur Flucht. Ich hätte mir das Schlachtfeld von Culloden (auch eine wichtige Schlacht in der schottischen Geschichte) ansehen können, allerdings hätte ich dafür wohl am besten ein Auto gebraucht und dachte mir, dass das den Aufwand nicht wert sei.
Danach war im Inverness Musuem and Art Gallery und habe wieder viel Spaß mit den Kinder-Aktivitäten gehabt. Piktische Muster zeichnen, einen Mantel in der Mode des 14. Jahrhunderts anprobieren... Sowas eben. Im Erdgeschoss des Museums ging es vor allem um die frühe und mittelalterliche Geschichte Schottlands und das schottische Wildlife. 
Man durfte ausgestopfte Füchse, Dachse und andere Tiere anfassen. Das habe ich dann aber doch nicht gemacht. Ein bisschen irritierend fand ich auch, dass in den Glaskästen, die den Lebensraum der Tiere darstellten, auch Müll lag. Eine Getränkedose, kleine Plastikteile usw. Ich weiß nicht, ob das auf die Umweltverschmutzung aufmerksam machen sollte oder ob Museumsbesucher es geschafft haben, Müll in die Kästen zu werfen.
In der zweiten Etage habe ich gelernt, dass es ein Tree Alphabet gibt. Ich weiß nicht, wofür das nützlich ist, aber der Baum, der zum Buchstaben R gehört, ist Holunder (Elder im Englischen - ich frage mich, warum im siebten Harry Potter-Buch immer von Elder-Stab gesprochen wird, wenn es doch eigentlich Holunder sein sollte). Auf dem Schild wurde extra erwähnt, dass Holunder häufig mit Magie verbunden wird. Passt also.
Der Kunstteil des Museums beschäftigte sich mit Kurzfilmen, die ich übersprungen habe. Stattdessen bin ich direkt in die Abteilung gegangen, die sich mit Leben und Identität in den Highlands beschäftigte. Es wurden einige Gegenstände aus dem Alltag in Inverness zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ausgestellt. Außerdem gab es Tafeln, die sich mit Liedern, Legenden und Traditionen beschäftigten und zu dem Schluss kamen, den ich schon aus der Uni kannte: Viele Traditionen sind invented traditions und gar nicht so alt wie wir denken.
Als ich aus dem Museum kam, regnete es so stark, dass ich mich entschied, wieder in den schönen Secondhand-Buchladen zu gehen, in dem ich schon bei meinem ersten Besuch in Inverness war. Ich habe den Laden mit drei Büchern wieder verlassen.
Danach habe ich im Hostel eingecheckt. Leider hatten die Leute vor mir ihren Schlüssel nicht abgegeben, deswegen bekam ich keinen. Zum Glück war abends eine andere Frau an der Rezeption, die mir den Schlüssel der Putzfrauen gab, sonst wäre das sehr blöd geworden. Ich habe mich kurz ausgeruht und mich dann wieder auf den Weg gemacht (so einladend war das Zimmer nicht).
Ich bin am Fluss Ness spazieren gegangen, bis anfing zu regnen und ich zurück ins Hostel gegangen bin. Es war noch früh, aber ich war schon müde und fand es ganz nett, alleine im Zimmer zu sein. Ich habe gelesen und ziemlich früh (für meine Verhältnisse) geschlafen. Die Ankunft der zwei Tamilen, die mit mir im Zimmer waren habe ich noch mit bekommen, aber den vierten Zimmermitbewohner habe ich erst am nächsten Morgen kennengelernt.

Der nächste Morgen begann auch viel zu früh. Um Viertel nach fünf wurde ich zum ersten Mal wach, weil jemand aufstand, seine Sachen packte und ging. Eine Weile später wurde gequatscht und jemand versuchte, das Schließfach im Raum zu nutzen. Und um acht sagte der vierte Mann, ein ca. 50-jähriger Alt-Hippie, zu mir: "Are you STILL sleeping?" Ich war kurz davor zu antworten: "It is f*cking eight o'clock on a f*cking Saturday morning. What do you think I'm doing?!" Ich habe mich damit begnügt, ihn darüber zu informieren, dass ich mittlerweile wach sei und die Rezeption und Küche doch eh erst um acht aufmachten. Er sagte, es gäbe aber auch schon im Gemeinschaftsraum Kaffee, und erzählte mir von seiner Thailand-Reise, bei der er immer umsonst im Tempel gegessen habe. Ich tat so, als hörte ich zu und war sehr froh, als er den Raum auf der Suche nach Kaffee verließ. Ich beschloss, nicht im Hostel zu frühstücken und setzte mich in ein Café. Durch das Fenster konnte ich Inverness erwachen sehen. Es ist ja nicht so, dass dort derartig der Bär steppen würde, dass man unbedingt morgens um sechs aus dem Bett springen muss...
Ich bin wieder ein bisschen durch die Stadt gewandert, habe mir den Victorian Market (eine schöne Markthalle aus dem 19. Jahrhundert) und die Kathedrale angesehen und dann mit dem Bus zum Urquhart Castle gefahren. 
Als ich ganz neu in Glasgow war, meinte meine deutsche Mitbewohnerin (mit der ich nur zwei Wochen zusammen gewohnt habe), bis zum Ende meine Assistentenzeit würde ich so oft zum Urquhart Castle fahren, dass es mir irgendwann zum Hals raushinge. Nun ja, ich war jetzt zum ersten Mal. Es ist eine Burgruine direkt am Loch Ness. Schon zum St Columbas Zeiten (6. Jahrhundert) hat ein Pikten-Oberhaupt an dieser Stelle gewohnt und wurde auf dem Sterbebett von St Columba zum Christentum konvertiert (laut der Legende). Im Mittelalter war die Stelle am Ufer des Lochs ein strategisch wichtiger Punkt. Es wurde eine Burg gebaut, die durch verschiedene Hände gegangen ist; nach der Schlacht von Culloden gehörte sie auch zwischendurch den Engländern. Im 16. Jahrhundert hat der MacDonald Clan bei einem Raubzug das Schloss komplett leer geräumt (als ich das gelesen habe, erinnerte ich mich, dass uns im Schottlandseminar erzählt wurde, dass die Clans sich gerne gegenseitig die Rinder geklaut haben). 1690 wurde das Castle aufgegeben und in die Luft gejagt, damit die Jacobiter nicht einziehen konnten.
Samstag war wieder so ein four-seasons-in-one-day-Tag. Innerhalb der zwei Stunden, in denen ich da war, haben Regen und Sonne sich sicher dreimal abgewechselt. Aber dafür habe ich sowohl Fotos vom Loch Ness in der Sonne als auch im Dunst machen können. Und weiterhin habe ich kein Anzeichen von Nessie gesehen...




Ich bin nach Inverness zurückgefahren und hatte eigentlich zu viel Zeit übrig. Um die Zeit zu nutzen, bin ich noch einmal durch die Stadt gebummelt, habe dann aber entschieden, mich einfach in den Busbahnhof zu setzen und zu lesen.


Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein Wochenende mit dem National Trust

Die letzte Woche war komisch. Durch einen Bank Holiday und eine britische Version des pädagogischen Tags hatte ich nur zwei Tage Schule. Ich habe zwar viel Zeit des langen Wochenendes für meine Bewerbung für das Referendariat genutzt - und musste dafür sogar noch Edinburgh zum Konsulat fahren, um mir eine, nennen wir es, Identitätsbescheinigung für den Antrag auf das polizeiliche Führungszeugnis ausstellen zu lassen (was für ein Spaß, aber immerhin habe ich dafür die Station Haymarket kennengelernt, bei der ich dank Ian Rankin und meiner Staatsarbeit immer daran denken muss, dass "getting off at Haymarket" (angeblich) Edinburgher Slang für Coitus interruptus ist...) - aber ich habe mir auch ein paar Häuser des National Trust for Scotland angesehen. Uff, entschuldigt bitte den Bandwurm-Satz.
Kurz vor meinem 26. Geburtstag bin ich schnell dem National Trust und Historic Scotland beigetreten (damit ich noch den Studententarif bekomme). Beides sind Organisationen, die sich für die Erhaltung historischer Gebäude und die Denkmalpflege einsetzen. Bisher habe ich meine Historic Scotland-Mitgliedschaft viel mehr ausgenutzt, weil ich finde, dass die die interessanteren Gebäude haben (viele der Sachen auf Orkney, die Schlösser in Edinburgh, Stirling und Urquhart etc.), aber ich wollte meine National Trust-Mitgliedschaft nicht ungenutzt lassen und eins der Häuser, das Tenement House in Glasgow, wollte ich schon seit meiner Ankunft hier sehen. Leider ist der National Trust ziemlich streng, was das Fotografieren angeht und ich konnte kaum Fotos machen.

Ein Tenement House ist ein Mietshaus. Die meisten tenements in Glasgow stammen aus dem 19./20. Jahrhundert, als die Bevölkerung in Glasgow (und Edinburgh) aufgrund der Industrialisierung boomte. Sie sind aus schönem roten oder gelben Sandstein, was zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aber keine Rolle gespielt haben wird, weil die Luft in Glasgow so dreckig war, dass alles schwarz gefärbt wurde. Es gab sie in zwei Varianten: Küche mit Bettnische für Arbeiterfamilien oder die Luxusvariante mit einem oder zwei Räumen plus Küche für die Mittelklasse. 
Das Tenement des National Trust ist eine dieser Luxusvariante - es hat sogar ein eigenes Bad in der Wohnung. Es wurde von Agnes Toward und ihrer Mutter bewohnt. Das Großartige an der Wohnung ist, dass ihre  Bewohnerin alles aufgehoben und kaum Sachen in der Wohnung geändert hat bis sie 1965 in ein Altenheim umziehen musste. Bis in die 1950er oder so hatte sie nicht einmal Gas in der Wohnung. Sie hat auf einem Kohleofen gekocht, obwohl sie sechs Tage die Woche gearbeitet hat und das mit der Kohle sicher länger gedauert hat als mit Gas. Die Wohnung zeigt also ziemlich gut das Leben der Glaswegian Mittelklasse zu  Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Mini-Ausstellung sowie einen kleinen Shop, aber die eigentliche Wohnung liegt im ersten Stock. Man muss klingeln und wird von einem Mitarbeiter vom National Trust reingelassen. Als ich da war, war die Bude ziemlich voll mit schätzungsweise zehn bis fünfzehn Besuchern und drei Damen vom National Trust, die über das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts plauderten und sogar mir sagten, dass ich, wenn ich weitere Geschichten wüsste, die gerne beisteuern könnte. Das konnte ich zwar nicht, aber dafür wurde mir der Kohleofen erklärt, mir  erzählt, dass Agnes Toward und ihre Mutter einen Untermieter hatten, damit sie sich die Wohnung leisten konnten und selten im Salon waren, um so Heizkosten zu sparen. Irgendwie fragt man sich dann schon, warum sie nicht direkt die Variante genommen habe, die aus Küche mit Bettnische bestand... Vermutlich hätten sie dort das Klavier nicht unterbringen können und das war eins der wenigen Hobbies Agnes Towards.

Einen Tag später habe ich mich auf den Weg in den Pollok Country Park gemacht, den mir Hélène schon stark ans Herz gelegt hatte, und habe mir da auch das Pollok House angesehen. Was für ein Kontrast zum Tenement House! Es ist ein Adelshaus und laut dem National Trust Schottlands Antwort auf Downton Abbey. Abgesehen von alten Möbeln und einem Scrapbook aus dem 18. oder 19. Jahrhundert (ich will übrigens auch ein Scrapbook von Schottland machen, wenn ich zurück komme) konnte ich viele viele Bilder von Goya, El Greco und anderen spanischen Künstlern sehen. Besonders hervorgehoben wurde ein Bild El Grecos, das eine junge Frau mit einem Pelzkragen zeigt. Man ist sich nicht sicher, wer die junge Frau auf dem Bild ist. Die Spekulationen gehen von El Grecos Tochter bis hin zu der spanischen Prinzessin. aber völlig abgesehen von der Frage, wer auf dem Bild abgebildet ist; die größte Überraschung ist vermutlich, dass sich in einem nicht so wichtigen schottischen Haus eine beträchtliche Sammlung spanischer Kunstwerke befindet. Aber einer der Bewohner des Hauses war einer der ersten schottischen Kunsthistoriker, der sich mit Spanien beschäftigt hat und deswegen auch eine Sammlung Gemälde verschiedener Künstler angelegt hat.




Die Gärten des Pollok Houses sind auch toll. Leider waren einige Blumen schon ab- und die nächsten noch nicht aufgeblüht, aber ich fand die Anlage trotzdem sehr schön. Wenn ich Glück gehabt hätte, hätte ich auch Shire Horses sehen können. Die Frau im Pollok House hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Leider standen die Pferde nicht auf der Weide. Dafür habe ich sehr  viele Highland Cows gesehen. Der ganze Pollok Park scheint von ihnen bevölkert zu sein. Das ist schon verrückt. Da haben Amelie und ich uns so verrückt gemacht, auf den ISUK-Touren Highland Cows zu sehen und hätten einfach nur in einen Park in Glasgow fahren müssen... Wer hatte gedacht, dass es so einfach sein könnte?


Da aller guten Dinge drei sind, habe ich am letzten Wochenende noch ein drittes Gebäude des National Trusts besichtigt. Es ist das Hill House in Helensburgh, das von Charles Rennie Mackintosh, Glasgows Lieblingsarchitekten (ich hatte ihn im Oktober schon mal erwähnt) und seiner Frau entworfen wurde. 
Von außen sieht es nicht besonders aus und ich hatte ja schon mal gesagt, dass ich seine Möbel äußerst unpraktisch finde. Mal im Ernst: Was bringt die ein Schreibtisch, der wie ein Triptychon aufgebaut ist und ein japanische Frau im Kimono zeigt, wenn man die Schreibfläche erstmal suchen muss? Was mir aber gut gefallen hat, war eine Art Alkoven, der ein bisschen wie ein Schiff aussah und bei den Kindern, die in dem Haus gelebt haben (verständlicherweise) sehr beliebt war. Außerdem fand ich die Überlegung, die Kinderzimmer nach Osten auszurichten, weil die sowieso morgens schon früh auf den Beinen sein und so das Morgenlicht ausnutzen konnten, sehr logisch. 
Helensburgh an sich ist eine kleine Stadt am Firth of Clyde. Als ich mit der Bahn ankam, dachte ich mir: "Schön ist anders", aber ich glaube, das lag vor allem an der Nachbarschaft des Bahnhofs. Von einer genaueren Erkundung des Orts habe ich aber abgesehen, weil es mal wieder regnete und ich keine Gummistiefel anhatte.

Außerdem habe ich an dem Wochenende zwei Sachen gemacht, die nicht National Trust-bezogen waren. Zum einen war ich im Glasgow Police Museum (ja, was es nicht alles gibt). In einem Raum wird die gesamte Geschichte der Glasgow City Police von 1779 bis 1975 (als sie mit der Strathclyde Police verschmolz) dargestellt. Zunächst bestand die Polizei nur aus einer Art Patrouille oder Nachtwächtern, aber - so berichtete der Museumsführer mit Stolz geschwellter Brust - diese Notwendigkeit einer Polizei und die Einstellung der Constables geschah 50 Jahre bevor in London die Metropolian Police gegründet wurde. Man muss auf jeden Vorsprung den Engländern gegenüber stolz sein, wie es scheint. 
Zuerst hatte ich den Eindruck, das Museum würde jeden einzelnen Fall, den die Polizei je aufgeklärt hat, beschreiben, aber ganz so ausführlich war es dann doch nicht. Man konnte sich verschiedene Schlagstöcke und Uniformen der Polizei im Wandel der Zeiten ansehen. Außerdem gab es Fotos von frühen Police Boxes (Tardis ;-)), wichtigen Polizisten und den ersten Frauen bei der Polizei, die zuerst nur für Verbrechen, in die Frauen oder Kinder irgendwie verwickelt waren, oder für den Begleitschutz von Frauen und Kindern zuständig waren. Einige bekannte Verbrechen wurden auch dargestellt. Darunter war der Bibel John-Fall, der in Ian Rankins Black and Blue erwähnt wird (Über das Buch haben eine Kommilitonin  ich im Schottland-Seminar an der Uni ein Referat gehalten. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich später nochmal von Bible John lesen würde.)

Die andere Nicht-National-Trust-Aktion war das Katzenjammerkonzert im Òran Mór (der Pub, der mal eine Kirche war und der auch einen Club im Keller - oder sollte ich Krypta sagen? - hat). Ich war zwar bei meinem Heimatbesuch im März bei einem Konzert in Bielefeld, aber das Òran Mór-Konzert konnte ich mir schon allein wegen der Venue nicht entgehen lassen. Außerdem stellte ich fest, dass der Rahmen des Konzerts sehr viel kleiner war die in Deutschland, was sehr schön war. Wenn man von den zwei Betrunkenen absieht, die immer mal wieder reingerufen haben, war das Konzert auch wirklich sehr schön. Mittlerweile kann ich mich auch zumindest mit einem Teil der neuen Lieder anfreunden, auch wenn ich die alten nach wie vor besser finde.
Nach dem Konzert bin ich mit ein paar Leuten, von denen ich zwei von Konzerten in Deutschland kannte, noch was trinken gegangen. Wir waren in einem Irish Pub im West End, wo noch Live Musik gespielt wurde und wo wir eine Irin getroffen haben, die die langen Haare eines der männlichen Mitglieder unserer Gruppe sehr toll fand (und unbedingt anfassen musste) und uns alle zum tanzen aufforderte. Muss ich erwähnen, dass sie ziemlich angetrunken war? Ich fand es sehr amüsant. Alles in allem ein sehr gelungener Abend und ein gelungenes Wochenende.

Donnerstag, 30. April 2015

Ein Ort voller Geschichte

Nach den Osterferien stellte ich fest, dass ich nur noch sechs Wochen in Schottland sein würde. Diese Zeit muss natürlich sinnvoll genutzt werden. Deswegen war ich letzte Woche Freitag in Stirling. Ich war zwar schon zweimal da, aber habe es beide Mal nicht geschafft, das Wallace Monument und das Castle zu besuchen.
In früheren Zeiten war Stirling die Hauptstadt von Schottland und zwei wichtige Schlachten in der schottisch-englischen Geschichte fanden in oder nahe Stirling statt. Die Schlacht von Stirling Bridge (1297) und die Schlacht von Bannockburn (1314). Beide Male waren die Schlachten mit den schottischen Unabhängigkeitskriegen verbunden und beide Schlachten wurden von den Schotten gewonnen.
Stirling Bridge
In der Schlacht von Stirling Bridge hat sich William Wallace besonders hervor getan. Rein zahlenmäßig hätten die Engländer gewinnen müssen. Aber die Taktik der Schotten war besser. Die Engländer überquerten die Stirling Bridge, um zum Schlachtfeld zu kommen, aber anstatt dass die Schotten dort auf die Engländer warteten, fingen die Schotten an, sie auf der Brücke zu bekämpfen und ihnen den Rückweg abzuschneiden. Außerdem war mit den Pferden auf sumpfigen Gebiet nicht so viel anzufangen. Die Engländer, die die Brücke noch nicht gesehen hatten, sahen ein, dass sie nicht gewinnen konnten und zogen sich zurück. William wurde zum Guardian of Scotland ernannt. Später hat ihn aber der englische König Edward I. gefangen genommen und wegen Hochverrat ziemlich ausführlich hingerichtet. Eine Schülerin der P5 erklärte es mir vor Ostern folgendermaßen: "They tortured him and then they hung him. And because he wasn't dead, they chopped off his head. And then they sliced his stomach and took out all the stuff inside while he was still alive so he could see himself die. Well... of course that was before they cut his head off..." ("Sie folterten ihn und dann erhängten sie ihn. Und weil er noch nicht tot war, haben sie seinen Kopf abgehackt. Und dann haben sie seinen Bauch aufgeschlitzt und die Innereien rausgenommen, während er noch gelebt hat, damit er sich beim Sterben beobachten konnte. Nun... das war natürlich bevor sie seinen Kopf abgehackt haben..."). Denjenigen, die Braveheart gesehen haben, wird das Ganze bekannt vorkommen.
Die Stirling Bridge steht noch und ich bin darüber gegangen. Bannockburn habe ich aber nicht besucht. Als ich mit Amelie, ihrer Schwester und Freund in Stirling war, sind wir daran vorbei gefahren, aber wir sind nicht ausgestiegen. Der Anführer der Schotten in dieser Schlacht war Robert the Bruce. Sein Denkmal ist natürlich in Bannockburn.
Außerdem hat Stirling neben London (Westminster Abbey) die einzige noch erhaltene Kirche, in der Königskrönungen stattgefunden haben und zwar die Church of the Holy Rude. Ja, genau, das ist die Kirche, bei der ich mich im November-Stirling-Post darüber aufgeregt habe, dass sie meinen Namen nie richtig schreiben. ;-) James VI. von Schottland (Sohn von Mary Stuart) wurde dort im Kindesalter gekrönt.

Genug mit der Geschichte, zurück zu meinem Ausflug. Amelie hatte mir vom Wallace Monument erzählt und dass man von dort eine gute Aussicht habe. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Die Tage vorher hatten wir richtig tolles Wetter, aber dann meinte eine Frau beim Zumba, dass es am Wochenende schlechter werden sollte. Ich guckte mir die Wettervorhersage an und weil das Wetter am Freitag besser sein sollte am Samstag entschied ich mich für Freitag - und fühlte mich hinterher veräppelt, weil es Samstag sehr viel schöner war. Am Freitag war es nicht direkt schlecht, aber recht bewölkt.
Am Bahnhof in Stirling angekommen, nahm ich den Bus zum Monument. Netterweise stand auf einem Plakat, welche Busse man dorthin nehmen konnte. Leider wusste ich, erstmal im Bus,  nicht, wo ich aussteigen sollte. Das altbekannte Problem. Wenn man nicht weiß, wie der Zielort aussieht, ist das Aussteigen wie Lotto spielen. Ich sah irgendwann das Wallace Monument und dachte, wir würden noch näher ran fahren, aber dann war es außer Sicht. Ich weiß nicht, ob der Bus vor der Endhaltestelle nochmal eine Schleife gedreht hätte und bin ausgestiegen und das Stück zurück gelaufen. Dass die hier auch keine Busfahrpläne in den Bussen haben und die Haltestellen vernünftig anzeigen!
Das Wallace Monument ist ein Turm auf einem Hügel. Am Fuß des Hügels kauft man die Eintrittskarte und kann dann entweder mit einem kleinen Bus hochfahren oder laufen. Ich bin gelaufen und habe die Strecke in zehn anstelle der angekündigten fünfzehn bis zwanzig Minuten gebraucht und fühlte mich toll.






Man kann den Turm besteigen. Eine enge Wendeltreppe mit läppischen 294 Stufen führt bis in die Krone. Zum Vergleich: Der Südturm des Kölner Doms hat 533 Stufen. Etwas anstrengend ist das Wallace Monument natürlich auch und man muss immer die Luft anhalten, wenn einem jemand auf der Wendeltreppe entgegen kommt. Auf einem Schild zu Beginn der Treppe steht "Bitte rechts halten" und ich dachte mir nur: "Soll ich auf einem Bein die Stufen hoch hüpfen?" Das Gute ist aber, dass drei Ausstellungsräume über die Höhe des Turms verteilt sind. Da kann man sich, wenn man vom Treppensteigen außer Atem ist, etwas ausruhen und sich informieren oder auch den Gegenverkehr ausweichen. Der erste Raum widmet sich der Geschichte der Schlacht von Stirling und man erfährt dort ungefähr das, was ich weiter oben geschrieben habe. Außerdem gibt es ein Video, in der sich William Wallace mit, ich glaube, Andrew de Morag, dem eigentlichen Heerführer der Schlacht, unterhält.
Andúril! Ups, das ist eine andere Geschichte
Im zweiten Raum wird die Frage gestellt, was eigentlich ein Held ist. Man kommt zu dem unglaublichen Schluss, dass das eine Frage der Perspektive ist. Es werden Büsten verschiedener (schottischer) Helden ausgestellt u.a. Robert Burns, Sir Walter Scott, John Knox und William Ewart Gladstone. Insgesamt habe ich festgestellt, dass die meisten dieser Helden aus dem 18. und 19. Jahrhundert kamen. Ich glaube, nur zwei stammten aus früheren Jahrhunderten. Außerdem kann man ein Schwert sehen, das angeblich William Wallace gehört hat. Das ist größer als ich!

Der letzte Raum informiert über den Bau des Denkmals. Es wurde im 19. Jahrhundert gebaut. Der erste Entwurf zeigte einen schottischen Löwen, der einen englisches Typhon (ein schlangen-/ drachenartiges Wesen aus der griechischen Mythologie), wurde aber abgelehnt, weil es dann doch zu anti-englisch war. Das Wallace Monument ist größer als das Scott Monument in Edinburgh, aber kleiner als die Freiheitsstatue (die wiederum kleiner als Big Ben ist). Und apropos Edinburgh: Sowohl Edinburgh als auch Glasgow hätten gerne das Wallace Monument gehabt. Stirling war dann ein Kompromiss zwischen den beiden Städten. Außerdem  ist die Tatsache, dass die Battle of Stirling Bridge in Stirling stattgefunden hat, natürlich ein starkes Argument.
Die Krone des Monuments ist bei zu viel Wind geschlossen, aber ich hatte Glück und konnte von dort die Aussicht genießen.

Stirling Castle auf dem Hügel
Mein zweites großes Ausflugsziel war Stirling Castle. Es liegt auf einem Hügel über der Altstadt und ich fand es ziemlich beeindruckend. der größte Teil des heutigen Schlosses wurde im 16. Jahrhundert von den Königen James IV. bis VI. gebaut. Kurze historische Information: James IV. war mit Margaret Tudor (Tochter des englischen Königs Henry VII.) verheiratet und starb im Krieg gegen England. England war in Frankreich einmarschiert, was dummerweise mit Schottland verbündet war... Damit war er der letzte König in ganz Großbritannien, der in einer Schlacht ums Leben kam. Sein Sohn, James V., wurde mit 17 Monaten zum König gekrönt. Er heiratete zwei französische Frauen (die eine starb sieben Wochen, nachdem sie nach Schottland gekommen war) und hatte drei Kinder mit Marie de Guise, von denen nur eins überlebte - Mary, Queen of Scots. Die kleine Mary wurde im Alter von sechs Tagen Königin, obwohl ihre Mutter Mary of Guise erstmal die Regierungsgeschäfte übernahm. Wie es mit Mary, Queen of Scot, endete, wissen vermutlich die meisten. Sie musste zugunsten ihres Sohns James VI. abdanken und wurde in England hingerichtet. James VI. wurde dann der erste gemeinsame König von England und Schottland, weil Elizabeth I. keine Kinder hatte. (Ich musste damit jetzt etwas angeben, schließlich hat es etwas gedauert, bis ich bei der Audioguideführung durch die ganzen James und Marys durchgeblickt habe.)
Der Audioguide zum Schloss war ziemlich gut. Während man durch den Königspalast geführt wurde, hörte man nicht nur Informationen über das Gebäude und die historischen Hintergründe, sondern immer auch eine kleine Szene, in der Schauspieler Dialoge sprachen, die die geschichtlichen Begebenheiten untermalten.


Das Schloss ist zumindest teilweise so restauriert worden, dass es wieder wie zu den Zeiten von James V und Marie de Guise aussieht. Dadurch sieht man, wie farbenfroh es damals war. Wenn man sich heute Schlösser anguckt, kommt man nicht auf den Gedanken, dass die Great Hall von außen in einem strahlenden Gelb hätte angestrichen sein können, so dass sie ein bisschen wie ein kitschiges Schloss im Phantasialand aussieht, oder dass die Decke im Schlafzimmer und Audienzzimmer des Königs so bunt angemalt worden sein könnten, dass ich mich fragte, ob das ein schlechter Scherz sei. Die knalligen Farben haben mich etwas an einen Kindergarten erinnert. Vermutlich liegt es daran, dass ich Schlösser anders (ohne die damalige Bemalung) gewöhnt bin. Trotzdem war mir das zu viel Farbe. Die Holzdecke in der großen Halle gefiel mir aber sehr gut und auch die Vorhänge an der Wand passten eher in meine Vorstellung wie ein Königspalast auszusehen hat.
Great Hall

Zimmer des Königs
Die Räumlichkeiten von James V sind nie fertig gestellt worden, weil er vorher starb. Die der Königin aber schon und da ihre Räume architektonisch die des Königs spiegeln, kann man sich schon vorstellen, wie die Räume des Königs ausgesehen hätten. Ich kann mich nicht erinnern, ob die Decken in den Gemächern der Königin auch so knallbunt waren, aber wenn das der Fall war, nahmen die reichbestickten Wandteppiche und die prunkvollen Möbel den Farben die Kraft. In diesen Räumen standen Mitarbeiter von Historic Scotland in  historischen Kostümen und machten dem Audioguide Konkurrenz. 
Das prächtige Bett, so der Mann im Schlafzimmer der Königin, habe nur eine symbolische Bedeutung gehabt und sei zum Kinder gebären da gewesen. Das eigentliche Bett der Königin habe in einem kleinem Nebenraum gestanden. Außerdem ist in diesem intimsten Raum der Königin ein Fußball gefunden worden, was zu der Vermutung geführt hat, dass die kleine Mary noch-nicht-Queen of Scots in den Räumen getobt hat. Sie war später auch eine gute Reiterin und Bogenschützin. Das Audienzzimmer war größer als das Schlafzimmer. Die Wandteppiche zeigten eine Einhornjagd. Dieses Motiv steht metaphorisch für die Passionsgeschichte Jesu, wie ich Freitag gelernt habe. Im ganzen Schloss sieht man ziemlich viele Einhörner, weil der schottische königliche Wappen einen Löwen und ein Einhorn zeigt.
Die Führung des Audioguides endete mit dem Königspalast, aber es gab noch viele verschiedene Stationen und Geschichten, die ich mir anhören und ansehen konnte. Die Küchen (die echt gut nachgestellt sind), Deckenschnitzereien, die einfach alles und jeden (von römischen Kaisern bis Frauen in der aktuellen Mode) zeigen, Mord und Totschlag in einem sonst ziemlich ruhigen Garten, ein Mann, der dachte, er könne sich selbst Flügel basteln und davon fliegen... Aber irgendwann lässt die Aufmerksamkeit nach.
Ich wollte auch eigentlich nicht mehr in das Argyll's Lodging gehen. Das Haus aus dem 17. Jahrhundert gehörte dem neunten Earl of Argyll, Archibald Campbell. Aber es war im Ticket zum Schloss enthalten und die Mitarbeiter haben mich mehr oder weniger reingezogen. Im Vergleich zum Schloss ist das Haus natürlich winzig, aber teilweise fand ich es prächtiger eingerichtet als den Palast. Aber auch das lag vermutlich daran, dass Teile des Königspalast nie fertig gestellt wurden. 
Nach einem langen Tag voller Bildung bin ich dann wieder zurück nach Glasgow gefahren.

Donnerstag, 16. April 2015

Irgendwie gestrandet (Orkney Tag 4)



Am vierten Tag habe ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft Mainland verlassen. Die Orkney Islands bestehen ja aus vielen kleinen Inseln. Allerdings existieren zwischen Mainland, Burray und South Ronaldsay die sogenannten Churchill Barriers, die Winston Churchill während des zweiten Weltkriegs hat errichten lassen, damit die Deutschen nicht die Orkneys erobern und von dort aus Großbritannien angreifen konnten. Die Barrieren waren ursprünglich dafür gedacht, den Seeweg zwischen den Inseln zu schließen. Im Meer um diese Blockaden liegen deswegen auch immer noch Schiffswracks aus dem zweiten Weltkrieg. Mittlerweile kann man aber über Dämme fahren und so von Insel zu Insel kommen, ohne eine Fähre zu nutzen. Allerdings ist es bei bestimmten Wetterlagen zu gefährlich, über die Barriers zu fahren. Auf den Hinweisschildern steht auch eindeutig, dass das Befahren auf eigene Gefahr ist und als Fußgänger kann man das Überqueren sowieso vergessen (zu viele Autos und zu wenig Bürgersteig).
Zum Glück gibt es Busse, wenn auch nicht zu zahlreich. Einer hat mich zu meinem ersten Ziel gebracht: die Italian Chapel. Als ich davon im Reiseführer gelesen habe, war ich ziemlich baff, was denn eine italienische Kapelle auf einer winzigen Insel zwischen Mainland und anderen kleinen Inseln zu suchen hat. Ich dachte, es sei eine Kapelle im italienischen Stil und dass irgendein Laird aus dem 19. Jahrhundert oder so Spaß gehabt hatte, sich so ein Ding in den Garten zu setzen. Knapp daneben ist auch vorbei.

Die Italian Chapel stammt aus der Zeit während und nach dem zweiten Weltkrieg, als die winzige Insel in Lager für italienische Kriegsgefangene war. Sie haben im Lager viele Sachen aus Beton gebaut (u.a. Bänke, damit sie, wenn das Wetter es zuließ, draußen essen konnten) und fanden irgendwann, dass ihnen eine Kapelle fehlte. Also bauten sie eine Kapelle. Von vorne sieht die Fassade wirklich wie eine Kapelle aus, aber von der Seite ist es ein tunnelförmiges Betongebäude. Auch die Statue vom Heiligen Georg vor der Kapelle ist aus Beton. Außerdem haben die Gefangenen Treibgut – vor allem Holz – verwendet. Das Interessante ist aber, dass die Kapelle von innen so ausgemalt wurde, dass sie tatsächlich wie eine Kapelle aussieht. Steinmauer, Altarbild, Säulen… Alles ist sehr realistisch dargestellt. Das ist wirklich sehr beeindruckend.
Allerdings war ich trotzdem nach einer Viertelstunde mit der Besichtigung fertig und musste 45 Minuten auf den Bus warten. Ich hatte mir zwei Spaziergänge aus dem Walking Tour Guide ausgesucht und fuhr bis Burray, um von dort die unbewohnte Insel Hunda zu besuchen. Ich sollte am Littlequoy Workshop den Causeway (Damm) nehmen, um auf die Insel zu kommen. Diesen Workshop musste ich erstmal finden. Ich bin zwanzig Minuten lang zwischen Bauernhöfen rumgelaufen (es gab nur eine Straße, also wusste ich, dass ich irgendwann ankommen würde) und dachte, dass der Workshop doch irgendwann mit einem Schild gekennzeichnet sein müsste, da er ja anscheinend leicht zu erkennen sein sollte. Ich habe ihn dann gefunden, in dem ich die Insel, die ich besuchen wollte, erkannt habe. Man musste fragen, ob man über den Damm gehen darf, weil oft Schafe darüber getrieben werden. Es war aber nichts für den Tag geplant.
Als ich die Insel betrat, wurde ich von verschiedenen Vogelstimmen begrüßt. Man hatte einen tollen Blick auf die Buchten und auf der Insel wechselten sich braune Heide und grünes Gras ab. Teilweise war es etwas matschig und manchmal musste ich mittendurch, weil es keine Möglichkeit gab, außen rumzugehen. Wie gut, dass meine Wanderschuhe sowieso braun sind.




Nach dem Spaziergang auf Hunda wollte ich eigentlich weiter nach South Ronaldsay fahren und dort zu einem Strand laufen, aber ich hatte leider nicht mit der Lücke im Busfahrplan gerechnet. Marit hatte ich gewarnt. Ich hatte sogar morgens den Busfahrplan fotografiert, aber dummerweise nicht drauf geguckt bevor ich auf Burray aus dem Bus gestiegen bin. Somit habe ich den letzten Bus vor der zweieinhalbstündigen Pause knapp verpasst und das zu spät gemerkt als dass ich den letzten Bus in die andere Richtung hätte nehmen können. Also habe ich zuerst eine Stunde am Straßenrand gewartet. Immerhin schien die Sonne, auch wenn es windig war. Danach bin ich ein Stückchen die Straße entlang gelaufen und habe mich dann in das Wartehäuschen an der Bushaltestelle gesetzt. 
Ja, ich hätte irgendwo zur Küste runtergehen können und mich ans Meer setzen; schließlich war ich auf einer Insel. Aber zuerst dachte ich ja, dass ein Bus kommen würde und wollte den nicht verpassen und später war ich der Meinung, dass es sich nun auch nicht mehr lohnen würde. Zu Fuß gehen konnte ich auch nicht, weil es wie gesagt ziemlich gefährlich wäre, die Churchill Barriers ohne Fahrzeug zu überqueren. Ich habe mich ziemlich über mich selbst geärgert. Aber wer nicht hören will, muss fühlen - oder in meinem Fall warten.

Mittwoch, 15. April 2015

Maeshowe und Inganess Bay (Orkney Tag 3)

"Sag dem Busfahrer, dass du bei Maeshowe aussteigen willst und dann hält er da." Wie? Einfach so?

Ja, einfach so. Am dritten Tag meiner Zeit auf Orkney stand das neolithische Grab Maeshowe auf dem Plan. Es gibt keine richtige Bushaltestelle, aber wenn man dem Busfahrer Bescheid sagt, dass man nach Maeshowe möchte, hält der da und lässt einen raus. Ich hatte eine Führung für elf Uhr gebucht (ohne Führung kommt man nicht rein) und kam kurz nach elf an. Eine Mitarbeiterin hatte den Bus ankommen gesehen und hat mich schnell über die Straße gebracht, wo ich mich der Führung anschließen konnte.
Es war gut, dass wir einen Gästeführer hatten. Ansonsten hätte ich vermutlich nur einen Grashügel mit ein paar Schafen, einem Tunnel und drei Grabkammern um einen viereckigen Raum, der mit unserer etwa 20 Leute-starken Gruppe ziemlich gut gefüllt war, gesehen. Man betritt das Grab durch einen sehr niedrigen Gang, in dem sich sogar die Kinder ducken mussten. Im Winter, wenn die Sonne tief steht, scheint sie durch den Tunnel und wirft ihre Strahlen genau auf eine der Grabkammern. 
Und das nicht die einzige architektonische Raffinesse. Eine Art Steintür (ein dicker Stein, der gedreht werden konnte) verschloss den Eingang und unser Gästeführer erzählte uns, dass eine seiner Kolleginnen als Zehnjährige die Tür einmal aus Versehen zugemacht hat, weil ihr langweilig war und sie alles einmal anfassen musste. Ein 5000 Jahre altes Grab und trotzdem kann ein kleines Mädchen die schwere Steintür bewegen. Außerdem hat er das Dach hervorgehoben. Das ist das Einzige an dem Grab, das nicht mehr Original ist. Als die Wikinger einige Jahrhunderte nach den eigentlichen Erbauern von Maeshowe nach Orkney kamen und gerne in das Grab rein wollten, stellten sie fest, dass der Eingang versperrt war und machten kurzerhand ein Loch in das Dach. Das Dach hielt dann noch gut hundert Jahre, bis es komplett einstürzte. Im Victorian Age wurde dann ein neues Dach für das Grab gebaut, allerdings ist das nicht so gut wie das Originaldach.
In den Ecken des Grabs steht jeweils ein Standing Stone, der keine tragende Funktion hat, also wird davon ausgegangen, dass die Erbauer die Kraft der Steinkreise auf das Grab übertragen wollte. Die Steine wurden extra dorthin transportiert, was damals ein großer Aufwand gewesen sein muss. Es stehen auch zwei Standing Stone im Eingang hinter dem Tunnel. Einer der beiden ist zerbrochen und man kann wohl anhand des Musters erkennen, dass er beim Bau zerbrochen sein muss. Unser Gästeführer meinte dazu: "We can only imagine the neolithic swear words..."
Die einzelnen Grabkammern waren begehbar und die Knochen wurden immer mal wieder herausgeholt oder umgeschichtet. Es war keine Bestattung in unserem Sinne, bei der man den Leichnam dauerhaft irgendwo hin legt. In dem Raum in der Mitter wurden vermutlich Zeremonien abgehalten, bei der die Ahnen verehrt wurden. Der Gästeführer meinte, er könne sich vorstellen, dass die Leute bei diesen Zeremonien auch draußen vor dem Grab standen und der Tunnel als eine Art Lautsprecher funktionierte, um die Menschen an der Zeremonie teilhaben zu lassen.
Irgendwann verließen die Menschen die Stätte aber. Man weiß nicht genau warum. Alles, was man weiß, ist, dass die Lebensumstände schwieriger wurden und sich viel in der damaligen Gesellschaft änderte. Sie versperrten den Eingang sehr penibel mit Steinen, also war ihnen die Stätte schon noch wichtig genug, dass niemand sie anderweitig verwenden sollte. Einige Jahrhunderte war da also Ruhe und dann kamen die Wikinger und stiegen wie gesagt durchs Dach ein.
Von den Wikinger stammt auch ganz viel Graffiti, das in die Wände eingeritzt ist. Das meiste sind Runen (futhark), aber es sind auch ein paar Bilder dabei. Der Gästeführer hat uns ein paar der Ritzereien übersetzt und ich kann sagen, dass die Menschen damals auch nicht geistreicher in ihren Botschaften an die Nachwelt war. Mein Favorit ist "Ich (Name) habe diese Inschrift hier ganz oben angebracht". Diese Runen befinden sich in gut zwei Metern Höhe. Ganz viele Runen berichteten auch von Schätzen, die die Verfasser gefunden und mitgenommen hätten. Das sind, laut dem Gästeführer, aber vermutlich Wikinger-Scherze, um andere zu ärgern, denn die ursprünglichen Erbauer des Grabs gaben keine Grabbeigaben. Wenn die Wikinger  tatsächlich etwas gefunden haben, dann müssen andere Wikingerstämme das Grab zwischendurch verwendet haben. Ein Wikinger-Graffiti erwähnt auch Ragnar Lodbrok, "Hairy Breeches" (haarige Hosen), der in der Serie Vikings vorkommt. Der Gästeführer fragte, ob irgendjemand die Serie sehen würde. Es gab niemanden in der Gruppe, was ihn etwas traurig machte, weil er die Touristen so gerne spoilert. Also Achtung Spoilergefahr (zum Lesen bitte markieren): Ragnar Lodbrok hatte den Spitznamen "Hairy Breeches", weil seine Frau ihm eine Fellhose gemacht hatte, die ihn vor allen Waffen schützen sollte. Deswegen war er im Kampf unbesiegbar - bis er in ein Schlangenest gestoßen wurde. Er wurde von einer Schlange gebissen und starb.
Eine weitere Anekdote, die uns der Gästeführer erzählte, ist, dass angeblich eine Gruppe von 100 Wikinger-Kriegern Schutz vor einem Schneesturm suchte und in das Grab ging. Sie verfolgten einen anderen Wikingeranführer, den sie töten wollten. Wie gesagt, sie endeten in dem Grab, dicht gedrängt und mussten dort drei Tage ausharren. Der Gästeführer konnte echt gut erzählen. Er sagte, er könne es sich bildhaft vorstellen, wie die 100 breitschultrigen Krieger sich in der Kammer drängeln und irgendeiner sagt: "Whose great idea was that? We could have just forced our entry into one of the farmhouses!" Als sie das Grab nach drei Tagen verließen, war der Mann, den sie töten wollten, natürlich über alle (nicht vorhandenen) Berge. Aber sie konnten ihn bei einer anderen Gelegenheit töten. "So the story had a happy ending." (O-Ton Gästeführer).

Vom Maeshowe aus ist es nicht weit zu den Standing Stones of Stennes, ein weiterer Steinkreis, bei dem aber nur noch drei Steine überlebt haben. Außerdem gibt es ein paar einzeln stehende Steine. Einer wird als Watchstone bezeichnet. In der Nähe sind die Überreste eines weiteren Steinzeithauses, ähnlich wie die Häuser in Skara Brae, aber längst nicht so gut erhalten.
Als sich am Himmel dunkle Wolken zusammenzogen, beschloss ich, dass es vernünftig sei, nach Kirkwall zurückzufahren und machte mich wieder auf den Weg nach Maeshowe, um den Bus anzuhalten, wenn er vorbei kommen sollte. Ich musste ewig auf den Bus warten (es ist schon doof so ganz ohne Bushaltestelle und Fahrplan), aber zum Glück regnete es nicht und ich kam zum Mittagessen bei Marit an.

Nachmittags habe ich einen Spaziergang gemacht. Marit hatte mir einen Walking Tours Guide geliehen, in dem mir gesagt wurde, ich solle zuerst zum Parkplatz mit Picknickplatz an der Inganess Bay gehen. Es hat länger gedauert, als ich dachte, zu der Bucht zu gelangen, aber sie war sehr schön. Es lag vielleicht auch an der Sonne, aber das blaue-grüne Meer und die grünen Steine (Algen) sahen wirklich toll aus und auch das Schiffswrack hatte irgendwie etwas Malerisches. 
Der sogenannte Parkplatz hat meine Erwartungen allerdings untertroffen. Ich kam am Strand an, sah den Flughafen von Kirkwall und dachte: "Irgendwo muss doch dieser Parkplatz sein!", nur um dann festzustellen, dass die freie Fläche in der Nähe des Strandes der Parkplatz und eine Bank der Picknickplatz war. Aber ich wollte ja auch nicht picknicken. Auf einem Schild stand nochmal die Route, die auch in meinem Guide beschrieben war. Zuerst würde es durch eine Area of Wetland gehen, dann durch Woodland und zum Schluss um einen Bauernhof herum. Klang simpel.
 Durch ein Tor ging ich in die Area of Wetland, die wie der Name schon sagt, ziemlich nass und matschig waren. Der Weg führte an einem Flüsschen entlang und ich sah einige schöne Frühlingsblumen. Danach musste ich eine Straße überquere um in die Area of Woodland zu kommen. Da es in Orkney grundsätzlich sehr wenige Bäume gibt, war ich nicht überrascht, dass auch die Bäume im Woodland recht kleine Vertreter waren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie natürlich gewachsen sind oder gepflanzt wurde. Ich vermute mal letzteres. Auch der Woodland-Weg war sehr matschig. Einige Holzstege lagen scheinbar willkürlich verteilt herum, so dass man nicht komplett im Schlamm versank.




Danach ging es über verschiedene Feldwege und Felder. Dabei sind mir viele Schafe begegnet. Ab und zu musste ich über Stacheldrahtzäume klettern. Aber es gab immer eine Art Trittbrett, das das Überqueren des Zauns möglich gemacht hat. Es ist im Grunde eine Mini-Brücke über den Zaun, die aus zwei Stufen und einer Planke zum Festhalten besteht. Diese Kletterhilfe überzeugte mich auch immer wieder davon, dass ich mich noch nicht ganz verlaufen haben konnte und nicht gerade über private Grundstücke latschte und eventuell im nächsten Moment einem wütenden Bauer Maggot, der glaubt, ich würde seine Pilze stehlen, über den Weg laufen würde.
Irgendwann musste ich dann aber feststellen, dass ich doch irgendwo eine Abzweigung verpasst haben musste. Ich kam einfach nicht da aus, wo ich dem Guide nach hätte landen sollen. Also habe ich die große Straße gesucht und bin von meinem Handy geführt ziemlich lange an dieser Straße entlang gelaufen (nachdem ich vorher erstmal in die falsche Richtung gegangen war). Ich glaube, ich war noch nie so froh, einen (und in diesem Fall den St. Magnus) Kirchturm zu sehen, weil der die letzte Bestätigung war, dass ich die richtige Richtung gewählt hatte. Trotzdem dauerte es nach der Kirchturmsichtung noch recht lange, bis ich Marits Wohnung erreichte. Kirkwall ist größer als ich dachte.