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Montag, 13. Juli 2015

Rückblick und Tipps

Ich musste für verschiedene Organisationen einen "end of year survey" ausfüllen und über meine Zeit in Schottland und meine Erfahrungen berichten und Verbesserungsvorschläge machen. Das ist sicher auch ein ganz guter letzter Blogeintrag und weil ich, bevor ich nach Schottland geflogen bin, nach Erfahrungsberichten und Blogs früherer FLAs gesucht habe, dachte ich, ich könnte hier auch noch ein paar Tipps für zukünftige Fremdsprachenassistenten geben.

Rückblick:
Das dreiviertel Jahr in Schottland war auf jeden Fall ein Abenteuer. Ich habe viel erlebt, viele Menschen kennengelernt und viele neue Erfahrungen gemacht. Es war das erste Mal, dass ich länger als drei Wochen in einem englischsprachigen Land verbracht habe, was natürlich dazu geführt hat, dass ich eine ganze andere Perspektive hatte. Ich habe britischen Alltag kennengelernt, viel von Schottland gesehen und mit Sicherheit meine Sprachkenntnisse verbessert.
Wenn ich später Englisch unterrichte, werde ich meinen Schülern viel über Schule in Schottland erzählen können. Aber ich habe auch einen Einblick in das universitäre Leben bekommen, was für mich sehr interessant war. Ich wünschte, wir hätten in Deutschland auch so eine society-Kultur wie ich es an der Glasgow Uni gesehen habe.
In der Schule habe ich gemerkt, wie wichtig Kommunikation, Organisation und Zeitmanagement sind (ja, das wusste ich auch schon vorher, aber habe es doch in der einen oder anderen Situation nochmal vor Augen geführt bekommen) und habe selber auch gemerkt, wo ich noch an mir arbeiten muss. Außerdem habe ich einige Beobachtungen dazu gemacht, wie Klassensituationen den Unterricht beeinflussen, wie Schüler (-gruppen) sich innerhalb eines Schuljahres verändern können und wie vielfältig Schüler-Lehrer-Beziehungen sind. Und ich hoffe doch sehr, dass die Erfahrungen, die ich im Umgang mit den Schülern gemacht haben, mir auch im Referendariat helfen werden.

Ich bin der Meinung, dass es sich auf jeden Fall lohnt, diese Erfahrungen zu machen, auch wenn man Angst hat, dass neun Monate eine ziemlich lange Zeit sind, um von Familie und Freunden getrennt zu sein, und/ oder im Studium zu verpassen. Wenn man eine Fremdsprache studiert, sollte man einige Zeit in einem Land gelebt haben, in dem diese Sprache gesprochen wird. Außerdem bin ich der Meinung, dass jeder Auslandsaufenthalt einen unabhängiger und selbstbewusster macht.

Tipps:

Bewerbung und Interview: 
  • Man muss ziemlich viel einreichen, also sollte man nicht erst kurz vor Bewerbungsschluss anfangen, alle Unterlagen zu sammeln. 
  • Für das Interview kann ich sagen: Macht euch nicht so viele Gedanken! Ich habe das Gefühl, dass es von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist, aber über NRW kann ich sagen, dass es ziemlich entspannt und ist nichts Übermenschliches verlangt wird. Man sollte eine Ahnung des aktuellen Tagesgeschehens haben und ein bisschen was über das Schulsystem des anderen Landes wissen (meine Interviewerin hat aber auch nicht gemerkt, dass ich das englische und nicht das schottische Schulsystem beschrieben habe - mir ist das auch erst aufgefallen, als ich in Schottland war) und in der Lage sein, ein paar halbwegs logische Didaktik-Ideen zu entwickeln (allerdings wissen die Lehrerinnen auch wenig von der wirklichen Situation vor Ort - zumindest ich hatte das Gefühl, dass sie die deutschen Schüler als Maßstab vor Augen hatten). Hier habe ich etwas ausführlicher von meine Bewerbung und dem Interview berichtet.

Vorbereitungen:
  • Spart vorher genug Geld. Das Gehalt bekommt man immer erst am Ende des Monats, d.h. dass man den gesamten ersten Monat vorstrecken muss. Das ist blöd, weil man im ersten Monat viele Ausgaben hat (Miete + Kaution, eventuell Sachen für die Wohnung, Hostel für die ersten Tage etc.). Es werden 1000 bis 1500€ empfohlen. Ich habe nicht so viel gebraucht, aber ich hatte auch Glück, weil ich für mein Zimmer keine Kaution zahlen musste und alles in der Wohnung vorhanden war.
  • Bevor ich geflogen bin, habe ich eine Kiste mit Material gemacht, das ich mitnehmen wollte. Ich muss aber sagen, dass die meisten Ressourcen, die ich wirklich gebraucht habe, digitaler Natur waren. Das Wichtigste, was ihr an Materialien mitnehmen solltet, sind Fotos. Und zwar von allem. Von eurer Stadt, von Deutschland, von Schulen, Weihnachtsmärkten, Pfandautomaten, Laternenumzügen, Karneval, Mülltonnen, Supermärkten - was auch immer euch irgendwie sinnvoll erscheinen könnte. Ich habe zu den verschiedenen (christlichen) Festen Präsentationen gemacht und da eben auch immer Fotos eingefügt und ich glaube, die Schüler fanden es schon cool, wenn sie mich darauf auch entdecken konnten. Ich fand es so persönlicher; die andere Assistentin an meiner Schule wollte das lieber nicht machen, was ich auch verstehen kann, aber ich glaube nicht, dass es irgendwie schädlich für mich war, dass ich die Schüler Foto von mir als 10-jährige gesehen haben. Ansonsten habe ich auch Lieder mit den Präsentationen verbunden (z.B. "Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne"), was den Schülern meistens gefallen hat. Die Lieder gibt es natürlich auf diversen Video-Seiten, aber es ist vielleicht nicht schlecht, euch eine Liste zu machen. Außerdem funktioniert YouTube oft nicht in der Schule. 
  • In der Broschüre vom PAD steht auch was von kleineren Werbegeschenken für Verlosungen o.ä. Das hatte ich nicht dabei, allerdings fand eine Schülerin meinen deutschen Kuli von irgendeiner Bank, glaube ich, so cool, dass sie ihn gegen einen Bleistift eingetauscht hat. Wenn ihr also irgendwie an sowas kommt, könnt ihr das natürlich mitnehmen und da unter's Volk bringen. 
  • Wenn ihr rechtzeitig vorher mit eurer Schule Kontakt habt, könnt ihr auch nach fragen, was ihr mitbringen sollt, allerdings hatte ich bei meiner PT das Gefühl, dass sie sich nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht oder es mit ihren Kolleginnen abgesprochen hatte. 
  • Ich habe ein paar Bücher mitgenommen, aber das hat sich nicht so richtig gelohnt. Zwei Lernkrimis habe ich in der Schule gelassen, aber ich habe gar nicht mit ihnen gearbeitet, weil ich, was das Sprachliche angeht, im Grunde nur sprechen geübt habe oder im Unterricht, den die Lehrerin geplant hatte, dabei war und geholfen habe. Ich hatte auch ein paar Pixi-Bücher dabei, die ich auch in der Schule gelassen habe, aber auch mit ihnen habe ich nicht viel gearbeitet. Was ich zum Lesen vorbereitet habe, war kurze Geschichten in sehr einfachen Sätzen zu schreiben und die mit Bildern zu versehen, so dass die Schüler (Zielgruppe war Grundschule) anhand der Bilder und den Wörtern, die sie kennen, den Text verstehen konnten. Eine Kollegin hat das Ganze weitergeführt und in eine Schreibaufgabe verwandelt, in dem sie Teile aus den Sätzen gelöscht hat und die Schüler eigene Wörter einfügen mussten, um so eine neue Geschichte zu schreiben.
  • WICHTIG: Die meisten Gedanken macht man sich natürlich über die Zeit im Ausland, aber man sollte auch daran denken, dass die Zeit in Deutschland weitergeht. Wenn ihr noch nicht mit dem Studium fertig seid, müsst ihr vielleicht Prüfungen machen, wenn ihr wiederkommt, für die ihr euch vorher anmelden müsste. Oder je nachdem, wohin ihr ins Referendariat geht, fällt die Anmeldefrist in die Zeit, die ihr im Ausland seid. Sucht euch also jemanden, dem ihr eine Vollmacht ausstellt, damit die Sachen für euch geregelt werden. Macht der Person eine Liste mit Fristen und Dokumente, die eingereicht werden müssen, und stellt sicher, dass diese Dokumente bereits zusammen gestellt sind. 
Ankunft:
  • Ich bin knapp eine Woche vor Schulbeginn nach Glasgow geflogen, um eine Wohnung zu suchen. Zwar hatte ich vorher schon auf diversen Seiten im Internet geguckt, ich denke nicht, dass man einen Vertrag abschließen sollte, bevor man sich die Wohnung und die Umgebung mit eigenen Augen angesehen hat. Vermutlich reicht es, sich auf einer Wohnungssuchplatform (wie flatshare oder easyroommate) einen Account zu machen (auf Gumtree kann man übrigens suchen, ohne einen Account zu haben) und im Nachhinein denke ich, dass es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, für eine oder zwei Wochen in einen Bezahl-Account zu investieren. Ich habe auch ohne einen bezahlten Account etwas gefunden, aber auf einige interessante Anzeigen konnte ich nicht antworten, weil wir beide einen kostenlosen Account hatten. FLAs haben einen Studentenstatus und müssen keine Council Tax zahlen (man bekommt eine Bescheinigung vom British Council).
  • Bei der Wohnungssuche wird einem immer geraten, das nicht alleine zu machen. Das kann potenziell problemtisch werden, wenn man nicht wie ich eine Freundin aus Deutschland mitnimmt. Aber ich weiß, dass einige andere FLAs sich über Facebook oder Sonstiges verabredet haben und dann kann man ja auch zusammen gehen. Ansonsten gilt: Wenn einem die Gegend und/ oder der Vermieter komisch vorkommt, lieber was anderes suchen. Ich habe vorher gegooglet, welche Nachbarschaften als problemtisch gelten und im Erfahrungsbericht war mir vom Norden und Osten Glasgows abgeraten worden. Andrerseits habe ich einige kennengelernt, die in Ibrox gewohnt haben (problematisch wegen des Fußballstadions) und damit durchaus zufrieden waren. Am praktischsten, um Studenten zu treffen, ist das West End, aber da ist es auch manchmal etwas teurer. Ich fand es praktisch, in einer WG zu wohnen, weil man so schon mal Leute kennenlernt und es billiger ist.
  • Am Freitag vor dem ersten Schultag bin ich den Weg mit dem Bus schon mal Probe gefahren. Wenn ihr das macht, seht zu, dass ihr zu gleichen Uhrzeit losfahrt, wie am nächsten Tag auch. Ich hatte das Problem, dass der Bus morgens von einer anderen Haltestelle abfuhr als mittags.
  • Eigentlich müsstet ihr ein Treffen mit eurer local authority in den ersten Tagen haben, um den ganzen Papierkram auszufüllen. Es ist nicht schlimm, wenn man bis dahin noch keine Wohnung und kein Konto hat. Allerdings ist es günstig, dann schon zumindest eine Wohnung zu haben (sonst werden die Ergebnisse des ganze Papierkrams ans Hostel/ den Couchsurfer oder wo ihr sonst eure ersten Nächte verbringt, geschickt). Ein Konto kann man erst eröffnen, wenn man eine feste Adresse hat. Eine Bank finden, kann schwierig werden. Manche wollen ein Council Tax-Formular oder eine Rechnung, die an euch in die Wohnung geschickt wurde, sehen. Das Rental Agreement reichte nicht (immer). Wenn ihr bei einer Bank abgewiesen werdet, versucht es einfach bei der nächsten. 
  • Ihr müsst euch auch bei einem Arzt anmelden.
  • Auf alle bürokratischen Sachen werdet ihr aber auch von eurer local authority und dem British Council (mehrfach) hingewiesen.
Transport:
  • Die öffentlichen Verkehrsmittel in Glasgow sind privatisiert, d.h. es gibt mehrere Busunternehmen. Es gibt ein Ticket, um alle Verkehrmittel in Glasgow (Bus, U-Bahn, Zug) zu nutzen: die ZoneCard. Aber die ist teuer und lohnt sich nur, wenn man wirklich jeden Tag verschiedene Verkehrsmittel nutzt (außerdem muss man festlegen, welche Zonen man nutzen will, sie gilt nicht in ganz Glasgow). Ich hatte eine Zehn-Wochen-Ticket für den First Bus und habe kaum einen anderen Bus genutzt, weil First Bus Glasgow schon ziemlich gut abdeckt. Man muss halt nur gucken, in welchen Bus man einsteigt. Außerdem habe ich mir eine Smartcard für die U-Bahn gekauft. Damit sind die U-Bahn-Fahrten günstiger als wenn man sie normal kauft. 
  • Für weitere Wege habe ich mir die Railcard 16-25 geholt. Sie kostet zwar 30 Pfund, aber man zahlt dafür ein Drittel des normalen Zugpreises weniger. Sie gilt ein Jahr und auch dann, wann man während des Jahres 26 wird. Wenn man älter als 25 ist, kann man sich eine Bescheinigung der Uni ausstellen lassen, dass man noch studiert. Wie gut es damit geht, weiß ich nicht. Auch eine Coachcard für die Überlandbusse kann sinnvoll sein, denn auch damit bekommt man Rabatte beim Fahrpreis.
Schule:
  • Der Dresscode an meiner Schule war (für mich) nicht so streng, aber angesichts der Tatsache, dass die Schüler Schuluniformen tragen und die Lehrer doch auch ziemlich gut angezogen zur Schule kommen, habe ich die Jeans und gemusterte T-Shirts (abgesehen von Blümchen) doch im Schrank gelassen. Blusen habe ich nur selten getragen, aber recht häufig einen Rock oder Kleid.  An anderen Schulen war der Dresscode aber auch strenger.
  • Seid nicht enttäuscht, wenn die Schüler nicht das Niveau haben, dass ihr von deutschen Schülern im Englischunterricht kennt. 
  • Meine Kolleginnen waren immer offen für Ideen und haben mich Sachen machen lassen. Von anderen Schulen habe ich leider auch anderes gehört, aber versuchen sollte man es immer, finde ich. Einfach mal mit den Lehrern sprechen, einen Vorschlag machen und gucken, wie der angenommen wird. Man sollte natürlich schon irgendwie realistisch bleiben und Einwände/ Ratschläge ernst nehmen. Amelie und ich hatten z.B. vor St. Martin überlegt, wir könnten mit den Kindern Laternen basteln. Im Goethe-Institut hatte und eine Frau eine Laterne gezeigt, die man ganz einfach aus einer abgeschnittenen Wasserflasche basteln kann. Laura fragte uns daraufhin, ob wir denn die Wasserflaschen alle selber abschneiden würden (sie sah vermutlich mehrere abgeschnittene Finger auf sich zukommen). Da haben wir dann schnell beschlossen, es mit den Laternen sein zu lassen. 
  • Wie oben erwähnt: Kommunikation, Organisation und Zeitmanagement sind sinnvoll. Wenn ihr mit den Schülern etwas Außergewöhnlicheres machen wollt, fragt rechtzeitig bei den Lehrern an und erzählt denen, was ihr euch vorstellt, wie das organisiert werden soll, wie lange ihr dafür braucht und ob ihr eventuell Hilfe dabei braucht.
  • Projekte sind schön, bieten Abwechslung und helfen dabei, die Schüler besser kennenzulernen und eine Funktion an der Schule zu haben. Hilfe gibt es beim British Council (wir haben da eine Liste mit vergangenen Projekten als Inspiration bekommen) oder auch bei UK-German-Connection. Bei Projekten ist ein Zeitplan ganz wichtig. Aber man muss auch flexibel sein und Schritte/ Aufgaben anpassen, für schnelle Schüler in der Hinterhand haben oder streichen können.
  • Klingt vielleicht blöd, aber ich finde das auch wichtig: Unterhaltet euch mit den Lehrern auch mal über andere Sachen als den Deutschunterricht. Dazu müssen natürlich die Gelegenheit und die Bereitschaft der Lehrer da sein. Aber ich fand es immer sehr schön, mit Laura und Victoria zusammen zu Mittag zu essen und dabei über verschiedene Dinge zu quatschen - sei es mein letzter Wochenendausflug oder die Gerüchte, die über die Lehrer in der Schülerschar umher gehen.
Freizeit/ Reisen:
  • Auf jeden Fall reisen! Wenn man Glück hat, hat man einen Tag frei. Wenn man ganz viel Glück hat, ist es der Montag oder der Freitag. Aber es gibt ja auch Ferien und die Zeit solltet ihr nutzen, um euch viel vom Land anzugucken.
  •  In Hostels bekommt man mit dem internationalen Studentenausweis oder eine Jugendherbergskarte Vergünstigungen (das steht dann im Zweifelfall auf der Seite).
  • Ich bin Historic Scotland und dem National Trust für ein Jahr beigetreten. Historic Scotland hat sich gelohnt, der National Trust nicht ganz so. Am besten vorher mal gucken, welche Sehenswürdigkeiten die beiden anbieten. 
  • ISUK Tours an der Uni Glasgow bieten Tages- und manchmal auch Wochenendausflüge zu Studentenpreisen für Studenten in Glasgow und Paisley an. Man muss die Karten an der Uni kaufen. Es gibt eine Facebookseite (und -gruppe), die die Fahrtziele und Ticketverkäufe veröffentlicht.
  • Besucht Assistenten in anderen Städten.
  • Um Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen bieten sich, gerade in Städten mit Unis, die Societies (Clubs) der Unis an. An der Uni Glasgow ist eigentlich für jeden was dabei (von joggen über Harry Potter bis zu religiösen Gruppen). Über die German Society habe ich z.B. meine Tandempartner gefunden - etwas was ich auch sehr empfehlen kann. Man spricht dann zwar auch wieder Deutsch, darf aber auch mal hemmungslos alle Fragen über die englische Sprache stellen, die man sich sonst nicht zu fragen traut. 
Das ist jetzt eine ziemlich lange Liste mit Tipps geworden, aber ich hoffe, dass sie weiter hilft. Ich weiß, dass ich vor meiner Abreise total nervös war, und versucht habe, so viele Informationen wie nur möglich zu bekommen. Es klingt vielleicht doof, aber macht euch keinen Stress. Es wird schon alles klappen. Manchmal muss man Geduld haben; manchmal klappen Sachen nicht auf Anhieb, aber verliert nicht den Mut. Ihr werdet sicher eine tolle Zeit haben!

Sonntag, 31. Mai 2015

Die letzten Tage in Schottland

Denise ist am Sonntag nach Schottland gekommen, um hier ein paar Tage Urlaub zu machen. Am Dienstag fliegt sie zurück - und nimmt mich mit. Es ist schön, dass ich nicht alleine nach Deutschland zurückfliegen muss und jemanden dabei haben werde, die sehr gut versteht, warum ich traurig bin, dieses schöne Land zu verlassen.

Am Montag war Feiertag, also haben Denise und ich ihren Urlaub mit eineinhalb Tagen in Edinburgh begonnen. Mal wieder Edinburgh. Ich war in den letzten neun Monaten jetzt sicher vier oder fünfmal da. Einige Glaswegians würden mir das vermutlich schon als Verrat ankreiden. Glasgow und Edinburgh verbinden ähnliche Gefühle wie Düsseldorf und Köln. Ich kann nicht sagen, welche Stadt mir besser gefällt. Edinburgh ist wunderschön, keine Frage, aber ich finde die Stadt fast schon zu puppenstubenhaft und touristisch. Glasgow ist da irgendwie natürlicher. Ich liebe beide Städte. Deswegen sind Denise und ich Sonntag auch erstmal so durch die Stadt gestreift, bevor wir mit der Literary Pub Tour Bildung und Trinken verbunden haben. Ich habe die Tour schon vor zwei Jahren gemacht. An manche Sachen habe ich mich noch erinnert, andere sind mir wieder eingefallen und wieder andere sind entweder letztes Mal nicht gesagt worden (ganz besonders gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass andere Schriftsteller erwähnt wurden), oder ich habe sie schichtweg nicht verstanden. Vor zwei Jahren hatte einer der beiden Schauspieler einen sehr starken schottischen Akzent. Dieses Mal wäre es mir vermutlich leichter gefallen, ihn zu verstehen, aber die Schauspieler sprachen sehr deutlich und kaum mit Akzent. Was auch anders zum letzten Mal war, war dass wir einen Mann und eine Frau war, was manchen Streitpunkten zwischen ihnen nochmal eine leicht andere Perspektive als beim letzten Mal gab. Ich fand die Tour wieder grandios und habe auch gemerkt, wie viele Sachen ich durch mein Studium und durch meine Staatsarbeit schon wusste und war stolz auf mich.
Montag waren Denise und ich zuerst im Castle. Wir hatten geplant, um halb acht aufzustehen und kamen uns damit sehr früh vor. Aber Jugendherbergen sind mittlerweile offenbar ein Ort für Frühaufsteher. Dass die ersten das Zimmer schon um vier Uhr verließen, bekam ich gar nicht mit. Allerdings waren es die anderen beiden Zimmermitbewohner, mit denen wir unseren Spaß hatten. Sie hatten einen Wecker gestellt, waren aber früher aufgestanden und hatten das Zimmer verlassen. Um sieben oder so klingelte also deren Handywecker und hörte nicht auf. Wir wurden sicher zehn Minuten beschallt, bis die zwei sich erinnerten, dass sie wohl was vergessen hatten...

Das Castle machte um halb zehn auf und als wir um zwanzig nach neun an der Esplanade ankamen, warteten da schon viele Menschen, die auch alle rein wollten. Wir kamen aber erstaunlich schnell voran und haben eine Führung mitgemacht. Auch hier erinnerte ich mich an ein paar Sachen vom letzten Besuch, habe aber auch einiges gehört, was ich vorher noch nicht wusste. Zum Beispiel ist James II. gestorben, weil er bei seiner Frau mit einer Kanone angeben wollte ("He liked the big guns.") und dann beim Abfeuern sich selbst so stark verletzte, dass er daran zugrunde ging. 
Diesmal habe ich auch die schottischen Kronjuwelen und den Stone of Scone gesehen. Schön sind die ja nicht unbedingt. Aber der Hauptzweck ist vermutlich, damit anzugeben. Und bescheiden sind Könige wohl nie.
In der Great Hall gab es ein Re-Enactment von einer Hofdame von Mary Queen of Scots, die die Lebensgeschichte der Königin erzählte und die neue Mode zeigte, die eben diese aus Frankreich mitgebracht hatte. "Shades of Green" waren in Frankreich der neuste Schrei, während unsere schottische Adelige noch in einem gelb-roten Kleid herumlief.
Wir haben noch einige Orte auf der Burg abgelaufen, die ich bei meinem letzten Besuch nicht gesehen hatte, darunter einen Raum mit netten Fensterbuchten, in die man sich bei Partys sicher gut zurückziehen und lästern könnte und die Kerker der Burg. Dort gab es ein paar Audio-Aufnahmen, auf denen Gefangene sprachen. Über den spanischen Akzent des einen mussten wir sehr lachen.
Nach der Burg gingen wir uns Writer's Museum und nach einer Mittagspause, liefen wir - weil wir noch nicht genug gelaufen waren - zum Parlament und Arthur's Seat, beschlossen aber, nicht bis ganz nach oben zu laufen. 

Auf dem Weg zurück zum Hostel kamen wir an einem Bus vorbei, in dem eine Mini Kunst/ Design-Ausstellung war. Ich habe kaum etwas von der Ausstellung gesehen, weil ich mich die ganze Zeit mit einem Videospiel beschäftigte, bei dem man einen Vogel über eine leere Leinwand fliegen lassen und Erdbeeren einsammeln lassen musste. Dort, wo der Vogel lang flog, entstand ein Bild, das im nächsten Level farbig ausgemalt und noch einen Level später weiter ergänzt wurde. Das war wunderbar entspannend und Denise musste mich förmlich davon los reißen.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag hatte ich Schule und Denise musste ich alleine beschäftigen.
Mittwoch war bei mir in der Schule ein internationales Sportfest für die Erstklässler, eine Kooperation von mindestens Sport, Deutsch und Kunst. Die Schüler wurden in verschiedene Ländergruppen unterteilt (u.a. Deutschland, Schottland, Malaysia und Kenia) und traten in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. Ältere Schüler sagten die Disziplinen und die Gewinner auf Deutsch an und eigentlich hätten die Schüler Sätze in den jeweiligen Landessprachen ("Hallo", "Ich komme aus...", "Viel Glück" usw.) lernen sollen, aber unser Suaheli- und Chinesisch-Kenntnisse waren dann doch zu schlecht, um das glaubhaft unterrichten zu können. Stattdessen haben sie die Sätze auf Deutsch gelernt. Die Kunstlehrerin hatte für Fahnen und Plakate gesorgt.
Ich durfte beim Sportfest dabei sein und habe die meiste Zeit bei den Schülern verbracht, die die Ansagen gemacht haben, und habe ihnen geholfen, die Wörter auszusprechen. "800m Mittelstreckenlauf" ist wirklich schwierig. Als Muttersprachlerin habe ich mich dann auch verpflichtet gefühlt, ab und zu etwas Deutsch zu sprechen und habe völlig willkürlich den Schülern "Los! Beeil dich!" oder "Gut gemacht!" zugerufen. Es war schon irgendwie lustig. Weniger lustig war, das auf dem Weg zurück zu Schule der Bus erst nicht ansprang, so dass 30 Schüler aus unserem Bus umgeladen wurden und der Rest auf den Mechaniker warten musste, und der Bus, als er dann endlich fuhr, rauchte und die Schüler aus der letzten Reihe nach vorne zu den Lehrern trieb, weil es hinten so stank, und wir alle froh waren, zur Schule zurückzukehren ohne dabei in die Luft zu fliegen.
Donnerstagabend haben Denise und ich Emily zum Essen getroffen. Ich muss mich schließlich nach und nach von alle den netten Menschen hier verabschieden. Aber ich hoffe ja, sie alle wiederzusehen.

Freitag waren wir in der Burrell Collection. In dem Museum werden Bilder, Statuen und anderer Kram gezeigt, den der reiche Unternehmer William Burrell gesammelt hat. Das Gebäude ist sehr cool, weil es eigentlich ein modernes Gebäude ist, aber immer wieder Torbögen oder Fenster aus alten Gemäuern eingebaut hat. 
Ein Teil der Ausstellung beschäftigt sich auch mit dem Leben im 16. und 17. Jahrhundert. Dort kann man die Handarbeitserzeugnisse junger Mädchen der Zeit sehen. Es war schon krass, was die damals gestickt haben. Nicht nur Kissen, sondern auch z.B. Bezüge für Spiegelrahmen. Und die Stickereien waren dann teilweise noch mit Perlen verziert oder mit speziellem Garn aufgepeppt. Eine Frau auf einem Kissen hatte zum Beispiel lockige Haare aus gekräuseltem Garn. Wahnsinn, wie viel Arbeit da drin steckt. Aber die Mädchen hatten damals wohl auch nicht viel zu tun.
Wir waren auch bei den Ställen und hatten diesmal Glück, denn wir haben die Shire Horses gesehen, die gerade zum Ausritt aufbrachen. Leider zeigte sich das Wetter am Freitag von seiner schottischsten Seite. Der Vormittag war sehr schön, aber gerade als wir zum Bus zurück laufen wollten, fing es an zu regnen. Und zu hageln. Wir liefen zurück zur Burrell Collection und stellten uns da unter.



Abends waren wir im Doctor Who Symphonic Spectacular im SSE Hydro. Ein Konzert, bei dem verschiedene Musik-Stücke vom Soundtrack der Serie von einem Orchester und Chor live vorgetragen wurden und auf einer Leinwand zusammengeschnittene Szenen gezeigt wurden. Außerdem kamen einige der Aliens auf die Bühne! Das Spektakel begann mit einer Durchsage der Cybermen, dass die Menschen gehorchen müssten und Blitzfotografien nicht kompatibel mit der cyber technology seien. Peter Davison, der fünfte Doktor, führte durch das Programm und stellte gleich zu Beginn fest, dass Glasgow  eine besondere Bedeutung für Doctor Who hat, weil mehrere Mitglieder der Produktion in Glasgow geboren seien (wenn man den Großraum Glasgow etwas wohlwollend dehnt, stimmt das sogar) und sagte, dass er einen Algorithmus entwickelt habe und 87 zukünftige Doctors und 149 zukünftige Produzenten im Publikum säßen und Doctor Who somit für die nächsten 200 Jahre gesichert sei. 
Zwischendurch kamen die Daleks auf die Bühne und versuchten, dem Orchester und dem Dirigenten ihren Willen aufzuzwingen, aber zum Glück hatte der Dirigent einen Sonic Baton (baton = Taktstock). Auch die Ood tauchten mehrmals auf der Bühne auf. Genauso wie The Silence und andere Geschöpfe aus der Serie. Das Konzert war unglaublich cool und ich habe mich sehr gefreut, dass auch das Lied der Ood gespielt wurde.
Es war auch lustig, die anderen Zuschauer zu beobachten. Die richtigen Hardcore-Fans hatten Plätze im Parkett und wurden von Daleks und Cybermen umrundet. Ein Dalek fuhr sogar direkt in die Menge. Ich weiß nicht, ob das ein Versehen oder Absicht war. Um uns herum auf den Rängen saßen eher die gemäßigten Fans, die meistens nur Doctor Who T-Shirts trugen, wobei der Fes auch ein beliebtes Fan-Kleidungsstück war.

Für gestern hatten wir eigentlich geplant, ans Loch Lomond zu fahren, aber weil das Wetter im Moment so unberechenbar sind, haben wir uns dann doch entschieden, in Glasgow zu bleiben. Im Endeffekt hatten wir dann so gutes Wetter, dass wir doch zum Loch Lomond hätten fahren können, aber das konnten wir ja nicht wissen. Wir waren stattdessen im West End. Im Kelvingrove Museum haben wir und die Dinosaurier-Ausstellung angesehen und sind dann an der Uni vorbei zum Botanischen Garten gegangen, um da zu Mittag zu essen. In einem Secondhandladen habe ich mir noch einen Ladies Kilt gekauft und von dort sind wir in die Innenstadt geschlendert. Ein Tag mit viel Laufen und gutem Wetter zum Abschied nehmen von einigen der schönsten Ecken Glasgows.

Heute habe ich gepackt und festgestellt, dass ich zu viel Kram habe. Einige Pullis und Bücher (!) habe ich schon zum Charity Shop gebracht und werde auch meinen Anorak und Schuhe hier lassen. Es ist unglaublich, was man in neun Monaten alles so ansammeln kann. Zum Glück ist in Denises Koffer noch ein bisschen Platz für meine Sachen.

Samstag, 23. Mai 2015

Schottlands Ruhrgebiet

Die Erstklässler haben vor einiger Zeit Die Vorstadtkrokodile 2 gesehen. Als Ruhrpottlerin mit Migrationshintergrund habe ich ihnen bei der Gelegenheit eine Präsentation über das Ruhrgebiet gezeigt und dabei festgestellt, dass auch die Umgebung um Glasgow herum eine Bergbau-Vergangenheit hat. Irgendwie ist das logisch. Ich hatte ja von Schiffswerken am Clyde und Stahltransport auf dem Wasser gehört, aber nicht eins und eins zusammengezählt.

Heute Vormittag bin ich nach Coatbridge gefahren und habe mir das Summerlee Museum of Industrial Life, das zur Häfte ein Freilicht- und zur Hälfte ein überdachtes Museum ist. Als ich darauf zulief, erinnerte es mich schon irgendwie an Zollverein, auch wenn der Förderturm, den ich später gesehen habe, sehr viel weniger imposant war, und in die ausgestellte Lore höchstes halb soviel Kohle passt wie in die, die man in Essen sieht. Da wurden mir die Dimensionen von Zollverein noch mal so richtig bewusst. Allerdings sind die meisten Ausstellungsstücke in Summerlee mindestens aus den 1930er Jahren, während Schacht XII von Zollverein jünger ist.
Ein Kran oder ein Kamel?

Das Museum beschäftigt sich aber nicht nur mit Bergbau sondern mit ganz vielen verschiedenen Industrien. Die Stahlproduktion scheint hier noch eine größere Rolle als Kohleabbau gespielt zu haben, aber sogar ein Webstuhl war ausgestellt, weil Weben auch lange eine wichtige Industrie um Glasgow denkt. Paisley, 11 km östlich von Glasgow, war im 19. Jahrhundert das Zentrum der Web-Industrie - und Namensgeber des Paisley-Musters (auch wenn das Muster an sich ursprünglich aus dem persischen Raum kommt).
Man kann einige Maschinen im Museum bewundern und an einer Art Simulator versuchen, ob man das Zeug dafür hat, um an einem Hochofen zu arbeiten (mir ist das Ganze zweimal um die Ohren geflogen). Es wird aber auch sehr viel Wert auf die sozialen Bedingungen gelegt. Es gibt Informationen über Fabrik- und Bergwerkbesitzer, die reich waren und viel Einfluss hatten und sich gegenseitig auf Dinnerpartys unterhalten haben, während die Arbeiter es natürlich längst nicht so gut hatten, zu siebt in einem Raum lebten, die Kinder nicht zur Schule schicken konnten und sich überwiegend von Brot, Kartoffeln und Haferbrei ernährten. Deswegen haben die Arbeiter auch "friendly societies", um sich gegenseitig zu unterstützen. Weil Hausfrauen da nicht aufgenommen wurden, gründeten sie ihre eigene Society, in der sie neue Sachen lernen konnten und mit Politik in Verbindung kamen. Die Frauen von Coatbridge machten zum Beispiel eine Ausstellung, bei der sie ihre Handarbeit-Erzeugnisse zeigten.
Wie auch im Ruhrgebiet sind viele Menschen aus anderen Ländern in die Umgebung von Glasgow gezogen, um in den Fabriken/ Bergbau zu arbeiten. Zuerst waren es vor allem Iren, später auch Asiaten und Osteuropäer. Durch diese Abteilung bin ich aber falschrum gelaufen und war etwas verwirrt, was die traditionelle litauische Tracht in der Vitrine zu suchen hatte, bevor ich das Schild im nächsten Glaskasten las.
Im Open Air-Teil des Museums kann man mit einer alten Tram zu einem Arbeiter-Straßenzug fahren (ich bin aber zu Fuß hingegangen). Jedes Haus in dem Straßenzug stellt ein anderes Jahrzehnt dar und zeigt wie die Menschen damals gelebt haben. Es ist interessant zu sehen, wie innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren die Wohnungen größer und besser eingerichtet werden. Und aus der Wohnung der 1980er kamen mir tatsächlich Sachen bekannt vor - diese komische Puppe mit dem unförmigen Kopf zum Beispiel. Was mich allerdings irritiert hat, war die Wäscheleine zwischen den Häusern. Die Wäsche dort wird nicht lange sauber gewesen sein. 

Umfassend gebildet ging es also wieder nach Hause zum Eurovision Song Contest. Ich habe herausgefunden, dass ich bei meinem Fernseher Untertitel zu den Liedern einstellen und mitsingen kann. Das ist besonders bei den Liedern, deren Sprache ich nicht kann sehr lustig. Ich finde, es sollte die Regel werden, dass alle Teilnehmer in ihrer Landessprache singen sollen und dann die Zuschauert mit Untertiteln zum Mitsingen versorgt werden.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein Wochenende mit dem National Trust

Die letzte Woche war komisch. Durch einen Bank Holiday und eine britische Version des pädagogischen Tags hatte ich nur zwei Tage Schule. Ich habe zwar viel Zeit des langen Wochenendes für meine Bewerbung für das Referendariat genutzt - und musste dafür sogar noch Edinburgh zum Konsulat fahren, um mir eine, nennen wir es, Identitätsbescheinigung für den Antrag auf das polizeiliche Führungszeugnis ausstellen zu lassen (was für ein Spaß, aber immerhin habe ich dafür die Station Haymarket kennengelernt, bei der ich dank Ian Rankin und meiner Staatsarbeit immer daran denken muss, dass "getting off at Haymarket" (angeblich) Edinburgher Slang für Coitus interruptus ist...) - aber ich habe mir auch ein paar Häuser des National Trust for Scotland angesehen. Uff, entschuldigt bitte den Bandwurm-Satz.
Kurz vor meinem 26. Geburtstag bin ich schnell dem National Trust und Historic Scotland beigetreten (damit ich noch den Studententarif bekomme). Beides sind Organisationen, die sich für die Erhaltung historischer Gebäude und die Denkmalpflege einsetzen. Bisher habe ich meine Historic Scotland-Mitgliedschaft viel mehr ausgenutzt, weil ich finde, dass die die interessanteren Gebäude haben (viele der Sachen auf Orkney, die Schlösser in Edinburgh, Stirling und Urquhart etc.), aber ich wollte meine National Trust-Mitgliedschaft nicht ungenutzt lassen und eins der Häuser, das Tenement House in Glasgow, wollte ich schon seit meiner Ankunft hier sehen. Leider ist der National Trust ziemlich streng, was das Fotografieren angeht und ich konnte kaum Fotos machen.

Ein Tenement House ist ein Mietshaus. Die meisten tenements in Glasgow stammen aus dem 19./20. Jahrhundert, als die Bevölkerung in Glasgow (und Edinburgh) aufgrund der Industrialisierung boomte. Sie sind aus schönem roten oder gelben Sandstein, was zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aber keine Rolle gespielt haben wird, weil die Luft in Glasgow so dreckig war, dass alles schwarz gefärbt wurde. Es gab sie in zwei Varianten: Küche mit Bettnische für Arbeiterfamilien oder die Luxusvariante mit einem oder zwei Räumen plus Küche für die Mittelklasse. 
Das Tenement des National Trust ist eine dieser Luxusvariante - es hat sogar ein eigenes Bad in der Wohnung. Es wurde von Agnes Toward und ihrer Mutter bewohnt. Das Großartige an der Wohnung ist, dass ihre  Bewohnerin alles aufgehoben und kaum Sachen in der Wohnung geändert hat bis sie 1965 in ein Altenheim umziehen musste. Bis in die 1950er oder so hatte sie nicht einmal Gas in der Wohnung. Sie hat auf einem Kohleofen gekocht, obwohl sie sechs Tage die Woche gearbeitet hat und das mit der Kohle sicher länger gedauert hat als mit Gas. Die Wohnung zeigt also ziemlich gut das Leben der Glaswegian Mittelklasse zu  Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Mini-Ausstellung sowie einen kleinen Shop, aber die eigentliche Wohnung liegt im ersten Stock. Man muss klingeln und wird von einem Mitarbeiter vom National Trust reingelassen. Als ich da war, war die Bude ziemlich voll mit schätzungsweise zehn bis fünfzehn Besuchern und drei Damen vom National Trust, die über das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts plauderten und sogar mir sagten, dass ich, wenn ich weitere Geschichten wüsste, die gerne beisteuern könnte. Das konnte ich zwar nicht, aber dafür wurde mir der Kohleofen erklärt, mir  erzählt, dass Agnes Toward und ihre Mutter einen Untermieter hatten, damit sie sich die Wohnung leisten konnten und selten im Salon waren, um so Heizkosten zu sparen. Irgendwie fragt man sich dann schon, warum sie nicht direkt die Variante genommen habe, die aus Küche mit Bettnische bestand... Vermutlich hätten sie dort das Klavier nicht unterbringen können und das war eins der wenigen Hobbies Agnes Towards.

Einen Tag später habe ich mich auf den Weg in den Pollok Country Park gemacht, den mir Hélène schon stark ans Herz gelegt hatte, und habe mir da auch das Pollok House angesehen. Was für ein Kontrast zum Tenement House! Es ist ein Adelshaus und laut dem National Trust Schottlands Antwort auf Downton Abbey. Abgesehen von alten Möbeln und einem Scrapbook aus dem 18. oder 19. Jahrhundert (ich will übrigens auch ein Scrapbook von Schottland machen, wenn ich zurück komme) konnte ich viele viele Bilder von Goya, El Greco und anderen spanischen Künstlern sehen. Besonders hervorgehoben wurde ein Bild El Grecos, das eine junge Frau mit einem Pelzkragen zeigt. Man ist sich nicht sicher, wer die junge Frau auf dem Bild ist. Die Spekulationen gehen von El Grecos Tochter bis hin zu der spanischen Prinzessin. aber völlig abgesehen von der Frage, wer auf dem Bild abgebildet ist; die größte Überraschung ist vermutlich, dass sich in einem nicht so wichtigen schottischen Haus eine beträchtliche Sammlung spanischer Kunstwerke befindet. Aber einer der Bewohner des Hauses war einer der ersten schottischen Kunsthistoriker, der sich mit Spanien beschäftigt hat und deswegen auch eine Sammlung Gemälde verschiedener Künstler angelegt hat.




Die Gärten des Pollok Houses sind auch toll. Leider waren einige Blumen schon ab- und die nächsten noch nicht aufgeblüht, aber ich fand die Anlage trotzdem sehr schön. Wenn ich Glück gehabt hätte, hätte ich auch Shire Horses sehen können. Die Frau im Pollok House hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Leider standen die Pferde nicht auf der Weide. Dafür habe ich sehr  viele Highland Cows gesehen. Der ganze Pollok Park scheint von ihnen bevölkert zu sein. Das ist schon verrückt. Da haben Amelie und ich uns so verrückt gemacht, auf den ISUK-Touren Highland Cows zu sehen und hätten einfach nur in einen Park in Glasgow fahren müssen... Wer hatte gedacht, dass es so einfach sein könnte?


Da aller guten Dinge drei sind, habe ich am letzten Wochenende noch ein drittes Gebäude des National Trusts besichtigt. Es ist das Hill House in Helensburgh, das von Charles Rennie Mackintosh, Glasgows Lieblingsarchitekten (ich hatte ihn im Oktober schon mal erwähnt) und seiner Frau entworfen wurde. 
Von außen sieht es nicht besonders aus und ich hatte ja schon mal gesagt, dass ich seine Möbel äußerst unpraktisch finde. Mal im Ernst: Was bringt die ein Schreibtisch, der wie ein Triptychon aufgebaut ist und ein japanische Frau im Kimono zeigt, wenn man die Schreibfläche erstmal suchen muss? Was mir aber gut gefallen hat, war eine Art Alkoven, der ein bisschen wie ein Schiff aussah und bei den Kindern, die in dem Haus gelebt haben (verständlicherweise) sehr beliebt war. Außerdem fand ich die Überlegung, die Kinderzimmer nach Osten auszurichten, weil die sowieso morgens schon früh auf den Beinen sein und so das Morgenlicht ausnutzen konnten, sehr logisch. 
Helensburgh an sich ist eine kleine Stadt am Firth of Clyde. Als ich mit der Bahn ankam, dachte ich mir: "Schön ist anders", aber ich glaube, das lag vor allem an der Nachbarschaft des Bahnhofs. Von einer genaueren Erkundung des Orts habe ich aber abgesehen, weil es mal wieder regnete und ich keine Gummistiefel anhatte.

Außerdem habe ich an dem Wochenende zwei Sachen gemacht, die nicht National Trust-bezogen waren. Zum einen war ich im Glasgow Police Museum (ja, was es nicht alles gibt). In einem Raum wird die gesamte Geschichte der Glasgow City Police von 1779 bis 1975 (als sie mit der Strathclyde Police verschmolz) dargestellt. Zunächst bestand die Polizei nur aus einer Art Patrouille oder Nachtwächtern, aber - so berichtete der Museumsführer mit Stolz geschwellter Brust - diese Notwendigkeit einer Polizei und die Einstellung der Constables geschah 50 Jahre bevor in London die Metropolian Police gegründet wurde. Man muss auf jeden Vorsprung den Engländern gegenüber stolz sein, wie es scheint. 
Zuerst hatte ich den Eindruck, das Museum würde jeden einzelnen Fall, den die Polizei je aufgeklärt hat, beschreiben, aber ganz so ausführlich war es dann doch nicht. Man konnte sich verschiedene Schlagstöcke und Uniformen der Polizei im Wandel der Zeiten ansehen. Außerdem gab es Fotos von frühen Police Boxes (Tardis ;-)), wichtigen Polizisten und den ersten Frauen bei der Polizei, die zuerst nur für Verbrechen, in die Frauen oder Kinder irgendwie verwickelt waren, oder für den Begleitschutz von Frauen und Kindern zuständig waren. Einige bekannte Verbrechen wurden auch dargestellt. Darunter war der Bibel John-Fall, der in Ian Rankins Black and Blue erwähnt wird (Über das Buch haben eine Kommilitonin  ich im Schottland-Seminar an der Uni ein Referat gehalten. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich später nochmal von Bible John lesen würde.)

Die andere Nicht-National-Trust-Aktion war das Katzenjammerkonzert im Òran Mór (der Pub, der mal eine Kirche war und der auch einen Club im Keller - oder sollte ich Krypta sagen? - hat). Ich war zwar bei meinem Heimatbesuch im März bei einem Konzert in Bielefeld, aber das Òran Mór-Konzert konnte ich mir schon allein wegen der Venue nicht entgehen lassen. Außerdem stellte ich fest, dass der Rahmen des Konzerts sehr viel kleiner war die in Deutschland, was sehr schön war. Wenn man von den zwei Betrunkenen absieht, die immer mal wieder reingerufen haben, war das Konzert auch wirklich sehr schön. Mittlerweile kann ich mich auch zumindest mit einem Teil der neuen Lieder anfreunden, auch wenn ich die alten nach wie vor besser finde.
Nach dem Konzert bin ich mit ein paar Leuten, von denen ich zwei von Konzerten in Deutschland kannte, noch was trinken gegangen. Wir waren in einem Irish Pub im West End, wo noch Live Musik gespielt wurde und wo wir eine Irin getroffen haben, die die langen Haare eines der männlichen Mitglieder unserer Gruppe sehr toll fand (und unbedingt anfassen musste) und uns alle zum tanzen aufforderte. Muss ich erwähnen, dass sie ziemlich angetrunken war? Ich fand es sehr amüsant. Alles in allem ein sehr gelungener Abend und ein gelungenes Wochenende.

Mittwoch, 8. April 2015

Besuche und Abschiede

Ich habe Osterferien. Das finde ich super. Allerdings sind die Osterferien auch meine letzten Ferien als FLA in Schottland. Das finde ich dann direkt weniger super. Ich bin noch knapp zwei Monate hier und habe das Gefühl, dass die Zeit mit der Geschwindigkeit eines ICEs an mir vorbei rast.

In der letzten Woche hatte ich gleich zweimal Besuch. Katharina, eine FLA, die in Südengland arbeitet und die ich beim Ambassador-Treffen in London kennengelernt habe, und Anja und Rebecca aus Deutschland. Katharina kam, als ich noch Schule hatte, aber zum Glück ist sie ja schon groß und konnte sich einen Tag alleine beschäftigen. Ich hatte vor den Ferien noch ein bisschen Stress, weil ich verschiedene Berichte und Präsentationen fertig machen und einen Text für den Schulnewsletter schreiben musste.
An Katharinas letzten Tag in Glasgow hatte ich dann aber frei und bin mit ihr ins West End gegangen. Das Wetter war wunderbar frühlinghaft und wir haben zugesehen, dass wir erstmal viel draußen gemacht haben. Ich habe den Kelvingrove Park neu entdeckt, nachdem ich im Winter gar nicht drin war. Das war wirklich schön. Später sind wir dann noch in die Hunterian Art Gallery und ins Kelvingrove Museum gegangen. Während ich die Art Gallery ja erst noch vor kurzen mit Amelie besucht hatte, ist es schon über ein halbes Jahr her, dass ich zuletzt im Kelvingrove Museum war. Im September hatte ich in der Ägypten-Abteilung ein Computerspiel entdeckt, bei dem man zwischen der Mumie und einem Talisman einen Weg mit Steinen legen musste (so ähnlich wie bei dem Spiel Carcassone) und dabei aufpassen, dass der Weg an keiner Seite offen ist - man bekommt natürlich immer Steine, die nicht passen, bzw. die verzweigen und jede Verzweigung muss entweder zugemacht werden oder zum Talisman führen. Die Seele soll nämlich durch das Talisman befreit werden oder so. Im September war ich zu doof für das Spiel und wollte nicht länger üben, weil Kinder hinter mir anstanden. Diesmal war das Museum leerer und ich hatte mehr Zeit. Ich habe es bis in den vierten Level geschafft und bin sogar in der Highscore-Liste gelandet. Es sind manchmal Kleinigkeiten, auf die man besonders stolz ist. ;-)

Kelvingrove Museum mit blühendem Baum
Kaum war Katharina abgefahren, kamen auch schon Rebecca und Anja. Das war ganz praktisch; ich musste die Gästematratze gar nicht wegräumen. Die beiden sind schon sehr Schottland-erfahren, aber hatten wenig bis gar nichts von Glasgow gesehen. Also habe ich versucht, ihnen in wenigen Tagen zu zeigen, dass Glasgow die schönste Stadt Schottlands ist: West End, Innenstadt, Central Station, der Ausblick vom Lighthouse, Kathedrale, Nekropolis, Clyde... Ich war ganz begeistert davon, meine Lieblingsorte im Sonnenschein zu sehen - die Sonne habe ich in letzter Zeit doch schmerzlich vermisst - und ich glaube, meinem Besuch hat es auch gut gefallen. Sie hatten natürlich auch ihre eigenen Ziele. Das Keksregal im Supermarkt zum Beispiel.

Am Karsamstag haben wir einen Ausflug in Richtung Süden gemacht. Gretna Green, Durham und the Angel of the North. Gretna Green ist die Marriage Capital des UKs. Im 18. Jahrhundert sind minderjährige Paare aus England, die ohne Erlaubnis der Eltern heiraten wollten, nach Gretna Green durchgebrannt, weil es in Schottland nicht nötig war, die Einwilligung der Eltern zu haben. Zu dieser Zeit war eine Eheschließung in Schottland gültig, solange das Eheversprechen vor zwei Zeugen ausgesprochen wurde. So konnte im Grunde jeder eine Eheschließung vornehmen. In Gretna Green war es meistens der Schmied, der "anvil priest", weswegen der Amboss auch das Symbol der Hochzeiten in Gretna Green wurde.  In Stolz und Vorurteil wird der Ort auch erwähnt, weil Wickham und Lydia dort vermutet werden. 
Mittlerweile ist das Örtchen ein Touristenziel, auch wenn da immer noch viele Leute heiraten. Um die berühmte Schmiede herum stehen süße weiße Häuschen und niedliche bis kitschige Skulpturen sowie ein Bogen, unter dem sich ganz viele Pärchen küssend fotografieren ließen.
Durham hatte ich schon mal besucht, aber diesmal hatten wir viel mehr Zeit. Außerdem war es hell als wir da ankamen. Rebecca, Anja und ich sind durch die Innenstadt geschlendert bevor wir zu Kathedrale gegangen sind. Die Kathedrale habe ich mir bei diesem Besuch auch viel genauer angesehen als beim letzten. Aber natürlich sind wir auch in den Kreuzgang gegangen, der aus den Harry Potter-Filmen bekannt ist. Wie im Alnwick Castle bekamen wir von unserem Reiseleiter Fotos, die wir mit der Architektur vor Ort ergänzen sollten. Wir hatten aber mehr Spaß daran, sie nachzustellen und Anja hat einen ganz tollen Snape hingekriegt.
Vom letzten Mal wusste ich ja noch, dass der Rasen verboten ist...

Snape erwischt Ginny und eine andere Schülerin ohne Schuluniform
Außerdem hatten wir Glück und das Chapter House war geöffnet. Professor McGonagalls Klassenzimmer. Normalerweise ist das geschlossen, aber das National Youth Orchestra machte in der ganzen Stadt für sein nächstes Konzert und ein Cello-Quartett spielte im Chapter House. Im November hatte ich durch das Fenster gelinst und gedacht, dass es wirklich wie das Klassenzimmer aussieht. Samstag fand ich es nicht mehr ganz so, vermutlich weil der Tisch und der Stuhl abgedeckt waren. Außerdem ist es merkwürdig, Cellisten im Verwandlungsklassenzimmer zu haben.
Im Gift Shop der Kathedrale habe ich außerdem geguckt, wie weit das Lego-Modell ist und sie sind ein ganzes Stück weiter gekommen. Ich fand es besonders toll, dass sie auch den Fußboden und die Orgel nachgebaut haben. Ich weiß nicht, ob mir das beim letzten Mal nicht aufgefallen ist, oder ob das auch neu war.
Der Angel of the North war nur ein Foto-Stopp und ich muss sagen, ich fand die Kelpies beeindruckender. Die Statue hat - laut Wikipedia - auch eine symbolische Bedeutung von wegen coal miners und der Übergang vom industriellen ins Informationszeitalter, aber ehrlich gesagt konnte ich das darin nicht erkennen. 

An Ostern waren wir drei in der St Mungo's Cathedral zum Gottesdienst. Das fand ich auch sehr schön. Der Pfarrer hat über die drei verschiedenen Wörter gesprochen, die in der Ostergeschichte im Johannesevangelum für "sehen" verwendet werden. Einmal im Sinne von "wahrnehmen", dann "wahrnehmen und verstehen" und zum Schluss "wahrnehmen, verstehen und glauben". Letztes Jahr Ostern in Rom, dieses Jahr in Schottland... Ich muss sagen, dass mir der Gottesdienst hier in der Kathedrale besser gefallen hat, als der auf dem Petersplatz. Aber trotzdem, nach zwei Jahren ohne die bekannten Osterlieder muss ich nächstes Jahr wieder in Deutschland feiern. 

Aber mein Post heute heißt ja nicht nur "Besuche" sondern auch "Abschiede". Die Osterferien bedeuten auch, dass Die GETs wieder nach Hause müssen. Amelie also auch. Ich bin nicht gut im Verabschieden und zögere das immer gerne raus, vor allem, wenn es um die Verabschiedung von Leuten geht, die ich mag. Bisher musste ich nur die GETs verabschieden (abgesehen von meine Besuchern, aber das ist ja was anderes) und die habe ich dann einmal in den Arm genommen und "Gute Fahrt" gewünscht. Ganz so, als würden sie nur zum einwöchigen Osterurlaub an die Ostsee aufbrechen.
Von Amelie gab es einen Abschied auf Raten: Abschiedsessen mit den Kolleginnen (vor ihrer letzten Schulwoche), ein letzter gemeinsamer ISUK-Ausflug, Abschiedstrinken mit anderen GETs, Abschiedspubbesuch mit der Scottish Country Dance Society, letzter gemeinsamer Schultag mit Kuchenessen und gestern bin ich mit Amelie, ihrem Freund und ihrer Schwester nach Falkirk, Edinburgh und Stirling gefahren und abends in einen Comedy Club gegangen. Diesmal war es wirklich ein Abschied.
Ich war schon sowohl in Edinburgh als auch Stirling, aber Edinburgh ist immer wieder schön (ich werde sicher nochmal hinfahren) und es schien die Sonne. Bei meinem letzten Ausflug auf den Calton Hill in Edinburgh bin ich schon um das National Monument herum geschlichen und wollte eigentlich gerne drauf klettern, sah aber ein, dass ich das alleine nicht schaffen würde. Ich bin zu klein. Gestern waren wir aber zu viert da und Amelie und ihre Schwester haben mich hochgezogen, während Amelies Freund am Fuß des Denkmals assistierte. Zuerst habe ich micht etwas geziert, weil ich ziemlich Schiss hatte, nicht hochzukommen und mich endlos zu blamieren, aber dann hat es doch super geklappt. Auf der Royal Mile in Edinburgh war ich auch fast versucht, mir einen Koffer im Tartan-Muster zu kaufen, habe mich dann aber doch dagegen entschieden, weil ich fürchtete, dass er trotz des stolzen Preises von 50 Pfund nicht lange halten würde. Auch die Kelpies in Falkirk kannte ich schon, aber wir waren auch beim Falkirk Wheel, einem irren Schiffshebewerk, das wie ein Reisenrad mit nur zwei Gondeln funktioniert und Schiffe von einem höher liegenden Kanal in einen tiefer liegenden transportiert und umgekehrt.
Falkirk Wheel
National Monument in Edinburgh
Robert the Bruce sonnt sich in Stirling
Im Comedy Club trafen wir dann auch Sebastian und seine Freundin sowie einen schottischen Freund von Amelie und Sebastian. Der Abend im Club war lustig. Es traten einige Nachwuchs-Stand up Comedians auf, einige besser als andere und ein Typ aus Yorkshire, den ich gar nicht verstanden habe. Danach gab es einen längeren Auftritt von einem erfahreneren Comedian, der (männlich) einen ziemlich guten Beitrag über die Menstruation und darüber hielt, dass das NHS kostenlos Kondome verteilt, aber Binden und Tampons als Luxusgüter bezeichnet werden. Ich hatte sehr viel Spaß. Aber leider ging der Abend dann auch zuende und der endgültige Abschied nahte. Amelie sagte etwas wie "Lass von dir hören!" und andere Sachen, die normale Menschen zum Abschied sagen. Ich sagte: "Gute Fahrt!" Wie bereits erwähnt, ich bin nicht gut bei Abschieden. Aber ich hoffe auch darauf, dass wir es schaffen, uns in Deutschland mal zu besuchen.

Sonntag, 22. März 2015

Ein schöner Frühlingstag

Ich hatte es ja schon geschrieben: So langsam kommt der Frühling. Gestern hatten wir zum gefühlten ersten Mal in diesem Jahr richtig tolles Wetter.
Amelie und ich hatte uns verabredet, um ins Hunterian Musuem zu gehen. In der Kunstabteilung gab es eine Sonderausstellung zum Buchdruck, die wir uns ansehen wollten. Zuerst sind wir durch die reguläre Bilderausstellung gegangen. An einige Bilder habe ich mich auch direkt wieder erinnert. Ich war ja vor Weihnachten schon mal mit Annabel in diesem Museum. An dem Tag fand ich die Art Gallery irgendwie nicht so gut. Gestern hat sie mir deutlich besser gefallen und ich war froh, nochmal hingegangen zu sein. 
Die Sonderausstellung war richtig toll. Es gab eine Nachbildung von Gutenbergs Druckpresse und ganz viele schöne alte Bücher (oft in Deutschland gedruckt). Früher waren Bücher ja schon nochmal was anderes. Ich hätte kaum eins mit einer Hand halten können. Und die Buchmalereien sind wirkliche Kunstwerke. Manche solcher Bücher hätte ich auch gerne gehabt. Völlig egal, ob sie auf Latein sind und ob ich die Schrift lesen kann oder nicht.
In einigen Büchern waren handschriftliche Anmerkungen zu sehen, was Amelie und mich zu der Diskussion brachte, ob man in Bücher reinschreiben darf. Normalerweise tue ich das ja auch nicht - nur, wenn ich mit den Büchern arbeite und dann mit Bleistift oder Buntstift. Aber die Menschen, denen diese Bücher gehörten, arbeiteten ja auch damit. Ich musste an die Glossen denken, die uns in der spanischen Linguistik hin und wieder mal über den Weg gelaufen sind: Anmerkungen auf Spanisch, wie der lateinische Bibeltext zu verstehen ist. Amelie war der Meinung, dass die Bücher viel zu schön seien, um reinzuschreiben. Ganz Unrecht hat sie damit nicht, aber immerhin haben die Leute nicht auf die Bilder geschrieben.
Nach dem Besuch der Sonderausstellung gingen wir noch schnell ins Hunterian Museum, um uns ein wenig zu gruseln (sezierte Augen und achtbeinige Ferkel in Einmachgläsern - so muss es in Snapes Büro aussehen) und kamen mit der Feststellung wieder heraus, dass wir sehr froh sind, dass die Medizin inzwischen weiterentwickelt ist und die Ärzte nicht mehr mit den ausgestellten Instrumenten in uns herum werkeln.
Dann gingen wir wieder nach draußen und stellten fest, dass ein wunderschöner Tag war. Ich hatte mir morgens schon mutig, wie ich war, meine Jeansjacke angezogen und auf gutes Wetter gehofft. Dass es aber so schön würde, hätte ich nicht gedacht.
Ganz spontan beschlossen Amelie und ich, uns ein Sandwich zu holen und im botanischen Garten zu Mittag zu essen. Während Amelie nach dem Mittagessen aber weiter musste, entschied ich, im Garten zu bleiben und zu lesen. Der Missstand, dass ich kein Buch dabei hatte, konnte schnell behoben werden, schließlich gibt es um den botanischen Garten herum mehrere Second Hand-Buchläden. Und so saß ich wenig später wieder in der Sonne und las den ersten Band der Power of Five-Reihe (eine Empfehlung von Amelie). Wenn das mal nicht ein gelungener Samstag ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Freitag, 13. März 2015

Frühlingsboten

Letztes Wochenende war ich zu einer Familienfeier in Deutschland. Es war ein sehr schönes Wochenende und ich konnte sehr viele nette Menschen auf einmal sehen und ich habe es auch geschafft, mich mit ein paar Freundinnen zu treffen.
Ich brauchte ja nicht viel über das Wochenende, aber die Gelegenheit war gut, schon mal ein paar Sachen mit nach Deutschland zu nehmen, die ich hier nicht mehr brauche. Ausgelesene Bücher, ein paar Souvenirs etc. Allerdings stellte mich das vor ein Problem: Was brauche ich nicht mehr? Das Wetter ist noch nicht so gut, dass ich meine Wollpullis weggeben wollen würde, wer weiß, ob ich diese DVD nochmal sehen möchte und überhaupt, so eine Highland-Plüschkuh wiegt doch nicht so viel... Ja, ich gebe zu, ich konnte mich auf deswegen von manchen Sachen nicht trennen, weil damit das absehbare Ende meiner Zeit in Schottland noch absehbarer wird.

Aber das mit den Winter-Sachen ist tatsächlich ein Problem. Während es in Deutschland so warm war, dass ich im T-Shirt im Garten sitzen und lesen konnte (gut, das war in der Sonne) und nur in Jeans-Jacke mit meinen Eltern Fahrrad gefahren bin, brauche ich hier immer noch meinen Wintermantel und als ich mittags in Glasgow gelandet bin, war es kälter als fünf Stunden vorher in Deutschland.
Allerdings gibt es auch hier schon ein paar Frühlingsboten. Mitte/ Ende Februar habe ich die ersten Schneeglöckchen gesehen. Seit gut zwei Wochen blühen auch die Krokusse. An einem der ersten Märztage dachte ich mir: "Frühling ist hier!" Ich war auf dem Weg zur Schule, die Sonne schien und mein Blick fiel auf ein paar lila und weiße Krokusse. Im gleichen Moment fing es an zu regnen, zu stürmen und zu schneien. Schottland - four seasons in one day. Immer mal wieder. 
Heute Mittag war das Wetter so schön, dass mir auf dem Rückweg vom Supermarkt mein Mantel viel zu warm war und ich zuhause meinen Pulli gegen ein T-Shirt getauscht habe. Zwei Stunden später war mir das zu kalt und noch zwei Stunden später war es eine ganz schlechte Idee, im Anorak und nicht im Mantel rauszugehen. Der Frühling kommt, aber er schleicht sich an.

Samstag, 28. Februar 2015

Glasgows Museen

Auch wenn ich viel in anderen Städten unterwegs bin, habe ich in Glasgow längst noch nicht alles entdeckt. Allerdings bin ich schon dabei, mit verschiedenen Leuten (oder alleine) nach und nach die Museen in Glasgow abzuklappern. Und so langsam öffnen auch verschiedene Häuser/ Museen wieder, die über den Winter geschlossen waren. Es gibt also in den nächsten Monaten noch einiges zu entdecken.

Mit Annabel war ich im Dezember im Hunterian Museum. Das befindet sich in der Glasgow University und zeigt eine bunte Mischung von allem möglichen Kram. Ursprünglich waren die Ausstellungsstücke die private Sammlung eines Mannes namens William Hunter, der im 18. Jahrhundert lebte und scheinbar alles gesammelt hat, was ihm zwischen die Finger kam: Münzen, Bilder, ethnographische Gegenstände, Kniescheiben... Das Übliche eben. Als er starb vermachte er seine Schätze der Universität, die ein Museum dafür baute und die Sammlung erweiterte. Mittlerweile ist das Museum auf vier Gebäude aufgeteilt. Annabel und ich waren nur in der eigentlichen Sammlung Hunters und in der Hunterian Art Gallery.
Das Gebäude der Hunter Ausstellungsstücke ist wunderschön (wie so viele Gebäude der Uni). Schon allein dafür hat es sich gelohnt, in das Museum zu gehen. Manche Gegenstände der Sammlung waren zugegeben etwas gruselig, aber es gab auch schöne Porzellan-Teller, Musikinstrumente und Inuit Schneestiefel. Hatte ich schon erwähnt, dass der Typ einfach alles gesammelt hat?
Die Hunterian Art Gallery fand ich nicht ganz so überzeugend. Es gab eine Sonderausstellung zu Mackintosh und zwei oder drei Räume mit anderen Bildern. Ich fand es ganz nett, dass zu ein paar der Bildern auch Möbel dekoriert waren.

An gleichen Tag waren Annabel und ich auch in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens. Wenn es kalt ist, ist es immer eine gute Idee, sich die anzusehen, weil es drinnen schön warm ist. Mit Annabel war ich aber nicht (nur) wegen der Temperatur in den Gewächshäusern, sondern auch, weil ich es vorher nur in eins von den beiden geschafft hatte. Auch mit Nina und Sahla war ich in den Gewächshäusern. Sie sind immer wieder einen Besuch wert.
Von außen sehen sie schon schön aus und wenn man rein geht, vermischt sich manchmal die Architektur mit den Pflanzen. In einem der beiden Gewächshäuser stehen Skulpturen von überwiegend biblischen Gestalten. Rut(h) ist auch dabei. Natürlich haben sie meinen Namen mal wieder falsch geschrieben.
Nicht nur wegen des untragbaren Rechtschreibfehlers gefällt mir das andere Gewächshaus besser. Es wirkt irgendwie verwunschener als das erste, obwohl auch hier die Pflanzen in den dafür vorgesehenen Beeten wachsen. Außerdem gefällt es mir in diesem zweiten Gewächshaus sehr gut, dass zwischen den Pflanzen Verse aus einem Gedicht zu finden sind.
Ruth und Rut





Mit Emily war ich Anfang Februar in der Gallery of Modern Art (GOMA). Allerdings hatten wir etwas Pech. Abgesehen von der Ausstellung über Alasdair Gray waren alle Galerien geschlossen. Aber wir konnten einen Blick auf die seekrankmachende Tapete werfen, die die Wände der Treppenabsätze unterhalb der Kuppel ziert. Ich weiß gar nicht, ob man durch die Türen in andere Galerien gekommen wäre. Aber vermutlich schon.

Den Tag heute habe ich genutzt, um ins Riverside Museum zu gehen. Das ist ein Museum für Transport und liegt - mit ein bisschen gutem Willen - in Laufnähe meiner Wohnung. Es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar geworden ist, dass das das Museum ist, von dem meine Schüler gesprochen haben, wenn sie sagten: "Es gibt ein Transport-Museum in Glasgow."
Vom Thema her hat es mich nicht direkt gereizt, aber Hélène war schon mal da und hat gesagt, dass es echt gut sei, außerdem ist es Museum des Jahres 2013 geworden und wird in Glasgow auch recht groß auf Wegweisern angekündigt. Es liegt direkt am Clyde und ein Segelschiff im Fluss gehört ebenfalls dazu. Auf dem Schiff war ich aber nicht, weil mir das Wetter zu schlecht war.
Die Idee, an einem Samstagmittag in das Museum zu gehen, war eher suboptimal. Es waren sehr viele Leute da. Überwiegend Familien mit kleinen Kindern (d.h. mindestens ein Kinderwagen/ Buggy). Aber gut, damit hätte ich rechnen müssen.
Ganz viele Transportmittel
Wie gesagt, mit Transport an sich kann ich nicht so viel anfangen. Deswegen hatte ich wenig Augen für die ausgestellten Autos und Motorräder. Etwas interessanter fand ich die Züge und Trams vom Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich habe gelernt, dass Glasgow die drittälteste U-Bahn hat (nach London und Budapest) und diese zuerst als Kabelbahn betrieben wurde. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut - 1897 oder so.
Viele der Ausstellungsstücke waren nicht nur technisch dargestellt, sondern wurden auch mit ihren sozialen Folgen in Verbindung gebracht. Das hat mir gut gefallen. Hinter den ausgestellten Autos von 1908 und 1930 gab es einen Schaukasten mit der Mode der Autofahrer und mehrere Tafeln widmeten sich der Problematik, in einem offenen Auto zu fahren und dabei passend gekleidet zu sein. Ob es nur Staub, Insekten oder Regen ist - irgendetwas erschwerte die Autofahrt immer. Die Schutzkleidung sah teilweise lächerlich aus, bis die Mode sich der Sache annahm und es gerade für Frauen eine Auto-Mode gab, die sich saisonbedingt auch änderte.
In einem Teil des Museums (im Grunde ist das eine große Halle, die durch ein paar Raumteiler unterteilt ist) kann man einen nachgebauten Straßenzug von vor etwa 100 Jahren betreten. Darin stehen dann verschiedene Fahrzeuge, z.B. eine von Pferden gezogene Tram und ein Leichenwagen. Aber man kann auch in die Geschäfte gehen. Es gibt einen Fotoladen, einen Sattler, einen Pub, einen Schuhmacher, ein Bekleidungsgeschäft. Nebenbei erfährt man, dass bereits die Menschen im 19. Jahrhundert Fotos von berühmten Persönlichkeiten (wie der Königsfamilie) gesammelt haben, gerne auch mit Unterschrift, dass kleinen Kindern beim Fotografieren ein Gürtel umgebunden wurde, der einerseits dekorativ war und sie andrerseits auf ihrem Stuhl halten sollte, dass die U-Bahn die "coolest and quickest means of travelling" ist, dass die Sauchiehall Street schon im 19. Jahrhundert die Mode-Straße war, und dass der Pub der Ort war, wo die Arbeiter der Schiffswerken nach der Arbeit einkehrten, rauchten und tranken, und Frauen oder Kinder nur geduldet waren, wenn diese ein Bier "to go" kauften (oder vermutlich auch ihren Ehemann/ Vater nach Hause holen wollten...). 
Apropos Schiffswerke: Im 18. und 19. Jahrhundert war der Schiffbau die Hauptindustrie in Glasgow. Außerdem war Port Glasgow ein wichtiger Handelshafen für das britische Empire. Dazu kam noch, dass in Lanarkshire, das Gebiet östlich von Glasgow, Kohleabbau betrieben wurde und der Clyde sowie verschiedene Kanäle wichtige Wege waren, um die Kohle zu transportieren. Dadurch wurde Glasgow die "Second City of the Empire", was sich aber nach dem ersten Weltkrieg änderte. 
Wegen der Schiffbau-Vergangenheit waren auch sehr viele Schiffsmodelle ausgestellt. Und ich habe zum ersten Mal von der Athenia gehört. Das war ein britisches Passagierschiff, das am 3. September 1939 auf dem Weg nach Amerika von einem deutschen U-Boot versenkt wurde, weil die Besatzung des U-Boots dachte, es sei Kriegsschiff. Die Athenia wurde in Glasgow gebaut und dorthin wurden auch die Überlebenden gebracht.
Es gibt aber auch neuere Ausstellungsstücke, z. B. ein Hippie-Van (ohne Elektrizität und fließendem Wasser), bei dem dann auch die Problematik angesprochen wurde, dass alles im Wagen klamm wurde und gelüftet werden musste, wenn die Menschen zu lange darin lebten. Auch ein anderer Van ist zu sehen. Der wurde von einem pakistanischen Künstler und drei Studenten der Glasgow School of Art in pakistanischen Stil angemalt. Außerdem gibt es eine Ecke, die sich dem Dreirad  und den verschiedenen Personengruppen, die ein Dreirad fahren (nicht nur Kleinkinder) widmet. Wegen der Mode im 19. Jahrhundert fuhren die Frauen auf Dreiräden, damit sich der Rock nicht in den Rädern des Hochrads verfing und die Fahrrad-Rischkas sind ja auch Dreiräder.
Ihr seht, ich habe ziemlich viel Zeit in dem Museum verbracht. Als ich gehen wollte, regnete es ziemlich heftig. Ja, mit sowas muss man rechnen. Schottland im Februar und so. Es hat mich trotzdem genervt. Ich bin noch etwas im Museumsshop geblieben und habe einen tollen Untersetzer mit der Aufschrift "Ye canny shuv yer granny aff a bus!" (auf Deutsch: "Du kannst deine Omma nich vom Bus schubsen tun!") gekauft. Leider wurde der Regen nicht weniger, also bin ich auf dem Rückweg zurück geschwommen. Natürlich hatte ich meine Gummistiefel nicht an...

Mr Weasleys Auto wurde auch ausgestellt! :-)