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Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein Wochenende mit dem National Trust

Die letzte Woche war komisch. Durch einen Bank Holiday und eine britische Version des pädagogischen Tags hatte ich nur zwei Tage Schule. Ich habe zwar viel Zeit des langen Wochenendes für meine Bewerbung für das Referendariat genutzt - und musste dafür sogar noch Edinburgh zum Konsulat fahren, um mir eine, nennen wir es, Identitätsbescheinigung für den Antrag auf das polizeiliche Führungszeugnis ausstellen zu lassen (was für ein Spaß, aber immerhin habe ich dafür die Station Haymarket kennengelernt, bei der ich dank Ian Rankin und meiner Staatsarbeit immer daran denken muss, dass "getting off at Haymarket" (angeblich) Edinburgher Slang für Coitus interruptus ist...) - aber ich habe mir auch ein paar Häuser des National Trust for Scotland angesehen. Uff, entschuldigt bitte den Bandwurm-Satz.
Kurz vor meinem 26. Geburtstag bin ich schnell dem National Trust und Historic Scotland beigetreten (damit ich noch den Studententarif bekomme). Beides sind Organisationen, die sich für die Erhaltung historischer Gebäude und die Denkmalpflege einsetzen. Bisher habe ich meine Historic Scotland-Mitgliedschaft viel mehr ausgenutzt, weil ich finde, dass die die interessanteren Gebäude haben (viele der Sachen auf Orkney, die Schlösser in Edinburgh, Stirling und Urquhart etc.), aber ich wollte meine National Trust-Mitgliedschaft nicht ungenutzt lassen und eins der Häuser, das Tenement House in Glasgow, wollte ich schon seit meiner Ankunft hier sehen. Leider ist der National Trust ziemlich streng, was das Fotografieren angeht und ich konnte kaum Fotos machen.

Ein Tenement House ist ein Mietshaus. Die meisten tenements in Glasgow stammen aus dem 19./20. Jahrhundert, als die Bevölkerung in Glasgow (und Edinburgh) aufgrund der Industrialisierung boomte. Sie sind aus schönem roten oder gelben Sandstein, was zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aber keine Rolle gespielt haben wird, weil die Luft in Glasgow so dreckig war, dass alles schwarz gefärbt wurde. Es gab sie in zwei Varianten: Küche mit Bettnische für Arbeiterfamilien oder die Luxusvariante mit einem oder zwei Räumen plus Küche für die Mittelklasse. 
Das Tenement des National Trust ist eine dieser Luxusvariante - es hat sogar ein eigenes Bad in der Wohnung. Es wurde von Agnes Toward und ihrer Mutter bewohnt. Das Großartige an der Wohnung ist, dass ihre  Bewohnerin alles aufgehoben und kaum Sachen in der Wohnung geändert hat bis sie 1965 in ein Altenheim umziehen musste. Bis in die 1950er oder so hatte sie nicht einmal Gas in der Wohnung. Sie hat auf einem Kohleofen gekocht, obwohl sie sechs Tage die Woche gearbeitet hat und das mit der Kohle sicher länger gedauert hat als mit Gas. Die Wohnung zeigt also ziemlich gut das Leben der Glaswegian Mittelklasse zu  Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Mini-Ausstellung sowie einen kleinen Shop, aber die eigentliche Wohnung liegt im ersten Stock. Man muss klingeln und wird von einem Mitarbeiter vom National Trust reingelassen. Als ich da war, war die Bude ziemlich voll mit schätzungsweise zehn bis fünfzehn Besuchern und drei Damen vom National Trust, die über das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts plauderten und sogar mir sagten, dass ich, wenn ich weitere Geschichten wüsste, die gerne beisteuern könnte. Das konnte ich zwar nicht, aber dafür wurde mir der Kohleofen erklärt, mir  erzählt, dass Agnes Toward und ihre Mutter einen Untermieter hatten, damit sie sich die Wohnung leisten konnten und selten im Salon waren, um so Heizkosten zu sparen. Irgendwie fragt man sich dann schon, warum sie nicht direkt die Variante genommen habe, die aus Küche mit Bettnische bestand... Vermutlich hätten sie dort das Klavier nicht unterbringen können und das war eins der wenigen Hobbies Agnes Towards.

Einen Tag später habe ich mich auf den Weg in den Pollok Country Park gemacht, den mir Hélène schon stark ans Herz gelegt hatte, und habe mir da auch das Pollok House angesehen. Was für ein Kontrast zum Tenement House! Es ist ein Adelshaus und laut dem National Trust Schottlands Antwort auf Downton Abbey. Abgesehen von alten Möbeln und einem Scrapbook aus dem 18. oder 19. Jahrhundert (ich will übrigens auch ein Scrapbook von Schottland machen, wenn ich zurück komme) konnte ich viele viele Bilder von Goya, El Greco und anderen spanischen Künstlern sehen. Besonders hervorgehoben wurde ein Bild El Grecos, das eine junge Frau mit einem Pelzkragen zeigt. Man ist sich nicht sicher, wer die junge Frau auf dem Bild ist. Die Spekulationen gehen von El Grecos Tochter bis hin zu der spanischen Prinzessin. aber völlig abgesehen von der Frage, wer auf dem Bild abgebildet ist; die größte Überraschung ist vermutlich, dass sich in einem nicht so wichtigen schottischen Haus eine beträchtliche Sammlung spanischer Kunstwerke befindet. Aber einer der Bewohner des Hauses war einer der ersten schottischen Kunsthistoriker, der sich mit Spanien beschäftigt hat und deswegen auch eine Sammlung Gemälde verschiedener Künstler angelegt hat.




Die Gärten des Pollok Houses sind auch toll. Leider waren einige Blumen schon ab- und die nächsten noch nicht aufgeblüht, aber ich fand die Anlage trotzdem sehr schön. Wenn ich Glück gehabt hätte, hätte ich auch Shire Horses sehen können. Die Frau im Pollok House hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Leider standen die Pferde nicht auf der Weide. Dafür habe ich sehr  viele Highland Cows gesehen. Der ganze Pollok Park scheint von ihnen bevölkert zu sein. Das ist schon verrückt. Da haben Amelie und ich uns so verrückt gemacht, auf den ISUK-Touren Highland Cows zu sehen und hätten einfach nur in einen Park in Glasgow fahren müssen... Wer hatte gedacht, dass es so einfach sein könnte?


Da aller guten Dinge drei sind, habe ich am letzten Wochenende noch ein drittes Gebäude des National Trusts besichtigt. Es ist das Hill House in Helensburgh, das von Charles Rennie Mackintosh, Glasgows Lieblingsarchitekten (ich hatte ihn im Oktober schon mal erwähnt) und seiner Frau entworfen wurde. 
Von außen sieht es nicht besonders aus und ich hatte ja schon mal gesagt, dass ich seine Möbel äußerst unpraktisch finde. Mal im Ernst: Was bringt die ein Schreibtisch, der wie ein Triptychon aufgebaut ist und ein japanische Frau im Kimono zeigt, wenn man die Schreibfläche erstmal suchen muss? Was mir aber gut gefallen hat, war eine Art Alkoven, der ein bisschen wie ein Schiff aussah und bei den Kindern, die in dem Haus gelebt haben (verständlicherweise) sehr beliebt war. Außerdem fand ich die Überlegung, die Kinderzimmer nach Osten auszurichten, weil die sowieso morgens schon früh auf den Beinen sein und so das Morgenlicht ausnutzen konnten, sehr logisch. 
Helensburgh an sich ist eine kleine Stadt am Firth of Clyde. Als ich mit der Bahn ankam, dachte ich mir: "Schön ist anders", aber ich glaube, das lag vor allem an der Nachbarschaft des Bahnhofs. Von einer genaueren Erkundung des Orts habe ich aber abgesehen, weil es mal wieder regnete und ich keine Gummistiefel anhatte.

Außerdem habe ich an dem Wochenende zwei Sachen gemacht, die nicht National Trust-bezogen waren. Zum einen war ich im Glasgow Police Museum (ja, was es nicht alles gibt). In einem Raum wird die gesamte Geschichte der Glasgow City Police von 1779 bis 1975 (als sie mit der Strathclyde Police verschmolz) dargestellt. Zunächst bestand die Polizei nur aus einer Art Patrouille oder Nachtwächtern, aber - so berichtete der Museumsführer mit Stolz geschwellter Brust - diese Notwendigkeit einer Polizei und die Einstellung der Constables geschah 50 Jahre bevor in London die Metropolian Police gegründet wurde. Man muss auf jeden Vorsprung den Engländern gegenüber stolz sein, wie es scheint. 
Zuerst hatte ich den Eindruck, das Museum würde jeden einzelnen Fall, den die Polizei je aufgeklärt hat, beschreiben, aber ganz so ausführlich war es dann doch nicht. Man konnte sich verschiedene Schlagstöcke und Uniformen der Polizei im Wandel der Zeiten ansehen. Außerdem gab es Fotos von frühen Police Boxes (Tardis ;-)), wichtigen Polizisten und den ersten Frauen bei der Polizei, die zuerst nur für Verbrechen, in die Frauen oder Kinder irgendwie verwickelt waren, oder für den Begleitschutz von Frauen und Kindern zuständig waren. Einige bekannte Verbrechen wurden auch dargestellt. Darunter war der Bibel John-Fall, der in Ian Rankins Black and Blue erwähnt wird (Über das Buch haben eine Kommilitonin  ich im Schottland-Seminar an der Uni ein Referat gehalten. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich später nochmal von Bible John lesen würde.)

Die andere Nicht-National-Trust-Aktion war das Katzenjammerkonzert im Òran Mór (der Pub, der mal eine Kirche war und der auch einen Club im Keller - oder sollte ich Krypta sagen? - hat). Ich war zwar bei meinem Heimatbesuch im März bei einem Konzert in Bielefeld, aber das Òran Mór-Konzert konnte ich mir schon allein wegen der Venue nicht entgehen lassen. Außerdem stellte ich fest, dass der Rahmen des Konzerts sehr viel kleiner war die in Deutschland, was sehr schön war. Wenn man von den zwei Betrunkenen absieht, die immer mal wieder reingerufen haben, war das Konzert auch wirklich sehr schön. Mittlerweile kann ich mich auch zumindest mit einem Teil der neuen Lieder anfreunden, auch wenn ich die alten nach wie vor besser finde.
Nach dem Konzert bin ich mit ein paar Leuten, von denen ich zwei von Konzerten in Deutschland kannte, noch was trinken gegangen. Wir waren in einem Irish Pub im West End, wo noch Live Musik gespielt wurde und wo wir eine Irin getroffen haben, die die langen Haare eines der männlichen Mitglieder unserer Gruppe sehr toll fand (und unbedingt anfassen musste) und uns alle zum tanzen aufforderte. Muss ich erwähnen, dass sie ziemlich angetrunken war? Ich fand es sehr amüsant. Alles in allem ein sehr gelungener Abend und ein gelungenes Wochenende.

Montag, 23. Februar 2015

Keep on Dancing

Ich war bei einem Ball. Bei einem richtigen. Mit Live-Musik, Programmheftchen und tollen Kleidern (und Kilts!) - meine Mama hatte mir mein Abiballkleid geschickt, das zu dieser Veranstaltung irgendwie passender wirkte als zu dem ursprünglichen Anlass (ich hatte auch schöneren Schmuck als damals). Ich stand ganz begeistert vorm Spiegel. 
Und habe ich schon erwähnt, dass es ein Maskenball war? Zuerst hatte ich mir Sorgen wegen der Maske und meiner Brille gemacht, aber dann habe ich eine aus einem weichen Material gefunden, die ich gut über meine Brille aufsetzen konnte (Kontaktlinsen wären zu einfach).

Der Ball wurde von der Scottish Country Dance Society der University of Glasgow organisiert. Das sind die, bei denen ich auch den Tanzkurs mache. Im Grunde haben wir uns seit Weihnachten auf diesen Ball vorbreitet und Tänze eingeübt. Es waren nicht nur die Leute aus unserer Society da, sondern auch Studenten aus Edinburgh, Aberdeen und St Andrews und einige ältere Leute, die in einer nicht universitären Scottish Country Dance Vereinigung sind und den totalen Durchblick hatten.
Samstagmittag hatten wir einen "Walk Through", also einer Art Generalprobe. Ich war davon ausgegangen, dass das "walk" wörtlich zu verstehen sei, aber nichts da. Nach den drei Stunden Probe-Durchlauf war ich schon völlig geschafft. Wir hatten kurz Zeit, um nach Hause zu fahren, uns frisch zu machen und umzuziehen, bevor es wieder los ging. Ich habe mich um sieben mit Amelie getroffen, um in einen kleinen Ort namens Bearsden zu fahren. Ich bin mir nicht mal sicher, ob das ein eigenständiger Ort ist oder ob er noch zu Glasgow gehört, jedenfalls fand der Ball da in der Stadthalle statt.

Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen mit der Society waren Amelie und ich davon ausgegangen, dass wir nicht pünktlich anfangen würden (der offizielle Beginn sollte halb acht sein). Ich war dann aber sehr überrascht, als die Band um 19:32 Uhr anfing zu spielen und ich mir schnell einen Tanzpartner suchen musste.
Vor jedem Tanz gab es erst mal eine Trockenübung ohne Musik. Ein Mitglied des Society stand auf der Bühne und erklärte die Bewegungen, während das erste Paar sie nachlief. In den Programmheften stand auch jeder Tanz erklärt. Es hat allerdings etwas gedauert, bis ich hinter die Abkürzungen gekommen bin. Aber ich konnte mir das ohnehin nicht so gut vorstellen, wenn ich das gelesen habe. Trotzdem war das Programm sehr praktisch und Amelie und ich haben es schnell den anderen nachgemacht und haben das Programmheftchen mit einer Sicherheitsnadel an unserer Kleidung befestigt. Die Männer hatten es meistens in ihrer Tasche am Kilt.
Vor dem Ball war ich ziemlich nervös. Ich wusste ja, dass auch Leute von außerhalb unserer Society kommen würden und vor allem Leute, die richtig gut tanzen können. Ich lerne das ja erst seit einem halben Jahr und bin nicht unbedingt die schnellste Lernerin. Es passiert sehr oft, dass ich in die falsche Richtung hüpfe oder auf einmal einfach nicht mehr weiß, wo ich hin muss. Völlig egal, ob mir das vorher logisch erschien, ob ich den Tanz schon mal getanzt habe oder in dem Paar war, das bei der Erklärung die Schritte nachvollzogen hat - ich stehe oft genug auf dem Schlauch und kriege Panik. Wenn ich mit Amelie tanze, zieht sich mich dann öfter mal in die richtige Richtung und beim Kurs sind auch immer Leute dabei, die mir sagen: "This way!" Die Leute in meinem Kurs wissen ja auch, dass ich eher eine Wackelkandidatin bei der Partnerwahl bin. Und viele in meinem Kurs sind auch Anfänger (neben vielen anderen, die das schon ziemlich lange machen). Ich habe mir Sorgen gemacht, dass die Leute von außerhalb genervt sein könnten, wenn ich Fehler mache. Oder dass ich überhaupt nicht mitkomme und allen komplett im Weg rumstehe. Soweit ist es dann aber nicht gekommen.
Ich glaube, die meisten Leute von außerhalb waren recht erfahren. Jedenfalls waren da sehr viele, die uns beim Tanzen in die richtige Richtung gewiesen haben. Wenn ich mal keinen Tanzpartner mit Durchblick hatte, wusste zumindest eins oder zwei der anderen Paare Bescheid und haben zwischendurch Anweisungen gegeben. Und niemand hat mich angemeckert, sondern zumindest gute Miene zum bösen Spiel gemacht und mich in die richtige Richtung geschoben oder soweit Verständnis für mich gehabt, dass es nicht weiter schlimm war, dass ich nicht alles wusste. Zwei Tänze oder so habe ich auch ohne Hilfe geschafft (von insgesamt zwölf, aber psst). Ich bin auch ein bisschen stolz darauf, dass ich "The Kilt Maker", den ich beim Weihnachtsball noch komplett verhauen habe, jetzt ziemlich gut hin kriege. Ein anderer Tanz, den ich inzwischen gut kann und gerne tanze heißt "The Campbells are coming". Die beiden Tänze habe ich aber nicht auf Youtube gefunden. Aber der hier und der hier sind zwei Tänze, die wir am Samstag auch getanzt haben. Dadurch bekommt ihr einen Eindruck, was das eigentlich ist, was ich versuche zu beschreiben.


Allerdings habe ich nicht alle Tänze mitgetanzt. Uns war vorher gesagt worden, dass es ein paar "evil dances" gibt, die zu kompliziert für uns seien. Auch unter dem Gesichtspunkt war das Programmheft sehr hilfreich. Immer, wenn mir der Name eines Tanzes so gar nichts gesagt hat (nicht, dass ich mir die Namen merken könnte) oder die Aufstellung komisch aussah ("Fünf Paare in einem Set? Nichts wie weg hier!"), bin ich schnell an den Rand gegangen und habe staunend zugesehen, wie die erfahrenen Tänzer in einem scheinbaren Chaos immer genau wussten, wo sie hintanzen und wen sie drehen mussten, so dass dann doch irgendwie eine Ordnung im Chaos zu erkennen war. Einfach nur krass. Ein Tanz war sehr amüsant anzusehen. Er hieß "The Bees of Maggieknockater" und zwischendurch trennen sich manche Paare und tanzen alleine zwischen anderen Paaren durch. Einige der Tänzer taten dann so als seien sie Bienen, flatterten mit den Armen und machte "bzzzz". Einen Tanz habe ich übrigens deswegen ausgelassen, weil der mich mittags bei der Generalprobe komplett verwirrt hat. ;-)


Zwischendurch gab es ein Buffet, das die Leute von der Society vorbereitet hatten: Nudelsalate mit viel Mayo, grüner Salat ohne Dressing, Pizza, Suppe und viele leckere Kuchen. Amelie und ich hatten noch mit ein paar Französinnen, Spanierinnen und einer Schweizerin Fotos gemacht und irgendwie nicht mitgekriegt, dass das Buffet schon eröffnet worden war bzw. dass es keine offizielle Eröffnung gab und sich einfach alle schon angestellt hatten. Die Schlange hatte ein U gebildet und führte einmal an den Längsseite der Halle entlang. Wir gehörten dann zu den letzten zehn Leuten, die an den Tischen ankamen. Die Pizza war schon weg.
Außerdem es eine Verlosung und ein Gewinnspiel. Bei dem Gewinnspiel musste man raten, wann das Maskottchen der Society, eine Plüschente, Geburtstag hat. Ich habe bei beidem mein Glück versucht, aber leider nichts gewonnen.
Nochmal zu den Kleidern: Das Motto des Balls war Rot, Schwarz und Weiß, also trugen die allermeisten Kleider in den Farben. Ich hatte wie gesagt meine Abiballkleid (schwarz) an. Meine Maske war rot und dann hatte ich noch eine schwarze und eine weiße Blume für die Haare. Eigentlich hatte ich mir einen Knoten in die Haare gemacht, aber der löste sich schon beim ersten Tanz auf, also hatte ich den Rest des Abends einen Pferdeschwanz. Es waren einige richtig tolle Kleider dabei, teilweise auch sehr lange, dass ich mich gefragt habe, wie die Mädels darin tanzen konnten. Fast alle männlichen Teilnehmer trugen einen Kilt. Der passte dann manchmal nicht mit den Motto-Farben zusammen, aber gut. Ich bezweifele irgendwie, dass die meisten ein breitgefächertes Farbspektrum an Kilts im Schrank hängen haben. Übrigens habe ich einen Mann gesehen, der sogar einen Dolch im Socken stecken hatte! (Laut Wikipedia heißt dieses Messer Sgian-dubh) Das war einer der Älteren, die so gut tanzen konnten. Die brauchten nicht einmal mehr die Erklärung von dem Tanz. Sie wussten beim Namen immer schon, wie der zu tanzen ist. 

Um halb zwölf war der Ball vorbei. Wir nahmen und alle an die Hand und sangen "Auld Lang Syne". Ich dachte mir: "Super, das kann ich!" Haha, aber dann wurde die zweite Strophe gesungen und die konnte ich nicht mehr mitsingen. Bei der ersten Strophe hatten wir uns übrigens noch normal die Hände gereicht, während wir bei der zweiten die Hände dann überkreuzten. Danach spielte die Band nochmal ein schnelles Musikstück und alle schnappten sich einen Partner und bewegten sich im Walzerschritt (glaube ich) durch die Halle, während die Musik immer schneller und schneller wurde. Ich hatte zwischendurch schon Angst, mein Partner und ich würden über unsere Füße stolpern und als die Musik dann endlich stoppte, musste ich erst mal eine Minute stehen bleiben, um nicht beim Laufen umzukippen. Aber trotzdem und trotz des mordsmäßigen Muskelkaters, den ich jetzt habe, war es ein sehr toller Abend und eine klasse Erfahrung.

Samstag, 21. Februar 2015

Karneval

Wenn meine unerwarteten Ferien eine Woche später gewesen wären, wäre ich wohl nach Deutschland geflogen, um Karneval zu feiern. Mir ist erst zu spät klar geworden, dass ich vermutlich die Schule um eine Beurlaubung hätte bitten können. Aber andrerseits hätte ich dann nicht das machen können, was ich Montag und Dienstag getan habe: mit Engelsflügeln in der Schule rumlaufen, mich über die verwirrten Blicke der Schüler amüsieren und ihnen etwas über Karneval erzählen. Nur "Das Fliegerlied" hätte ich vermutlich auch in Deutschland zwanzigmal gehört.

Aber alles von vorne: Amelie und ich hatten beschlossen, am Rosenmontag und Karnevalsdienstag verkleidet zur Schule zu kommen. Für Amelie war das nicht so schwierig, weil sie die unerwarteten Ferien in Deutschland verbracht hat und ein Kostüm mitbringen konnte. Ich hatte nur mein Halloween-Kostüm da und das Kleid ist zu kurz für die Schule. Dann ist mir aber eingefallen, dass Victoria für das Krippenspiel Engelsflügel gekauft hat und habe mir ein Paar davon für die zwei Tage geliehen. Mit zwei Sicherheitsnadeln gesichert passten die Flügel dann auch. Trotzdem bin ich der Meinung, dass sie eher für Kinder gedacht sind, egal was Victoria sagt. Dazu hatte ich meinen (einzigen) Motto-Schal vom Kölner Karneval um. Ja, das war etwas warm.
Und ich flieg, flieg, flieg...
Ich hatte zwei Präsentationen für die Schüler. Eine für die Erst- bis Drittklässler (die Erstklässler mussten im Anschluss daran die Personenbeschreibung üben --> "Er hat kurze, braune Haare.", "Sie hat rote Haare." "Sie sind groß.") und eine für die Viertklässler und Higher, in der mehr Hintergrundinformationen und eine Hörverstehesnübung drin waren. "Das Fliegerlied" war in beiden Präsentationen drin, weil es durch die Wiederholungen schön einfach ist (und weil es auf Hochdeutsch ist). Das war dann auch die Hörverstehensübung für die älteren Schüler. Ich habe ihnen einen unvollständigen Liedtext gegeben und sie mussten die Lücken füllen. Das Video, das ich ausgesucht hatte, zeigt außerdem den Tanz als Cartoon-Version und ab und zu werden ein Flugzeug, ein Tiger, eine Giraffe, ein Känguru und ein Fisch eingeblendet. Die meisten Kinder haben es geliebt und versuchten, den Tanz mitzumachen. Ab und zu haben die Lehrerinnen und ich den Tanz auch mitgetanzt. Laura kannte das Lied schon, Victoria noch nicht, aber es ist ja recht eingängig. Nur ein Schüler sagte mir direkt, dass er das Lied dumm fände. Als ich ihm sagte, dass ich es bereits das zwölfte Mal in zwei Tagen hören würde, erwiderte er. "Your brain must be exploding!" So ganz Unrecht hatte er damit nicht. Die Higher beschwerten sich am Mittwoch übrigens, dass ich meine Flügel nicht mehr tragen würde. Aber am Aschermittwoch ist doch alles vorbei... ;-)
Ich habe übrigens erfahren, dass in Großbritannien am Tag vor Aschermittwoch Pancake Day ist. Man isst Pfannkuchen, bevor die Fastenzeit anfängt. Daraufhin habe ich den Kindern erklärt, dass Karneval eine Mischung aus Halloween (wegen des Verkleidens) und Pancake Day (wegen der Fastenzeit) ist.

Am Dienstag hat die German Society eine Karnevalsfeier gemacht. Als ich das erfahren habe, habe ich mich total gefreut, auch wenn Emily mich vorwarnte, dass es vermutlich nicht so gut wie in Deutschland würde. Ich bin auch nicht mit besonders hohen Erwartungen dahin gegangen, aber es wurde dann sehr nett. Amelie, Eva und Sebastian waren mit von der Partie. Ich hatte mir noch spontan eine Krone gekauft und mich als Prinzessin verkleidet. Es gab ein Karnevalsquiz, das eine andere Gruppe und wir gewannen. Unsere Gruppe hieß übrigens "Fuck Duesseldorf", was bei eineinhalb Kölnern, einer Mainzerin und einem Karnevalsneuling irgendwie unvermeidbar war. :-P Wir bekamen alle ein Strüßje. Gut gelaufen. 
Die Frau mit der goldenen Maske, Batman und Rut I. von Glasgow ;-)
Strüßje!
Vor dem Quiz ging es noch ganz gesittet zu (wir warfen uns im Kreis Luftballons zu - was meine Krone regelmäßig ins Rutschen brachte), aber irgendwann kam dann doch die Karawane, "Cowboy und Indianer" und natürlich auch "Das Fliegerlied" und wir Deutschen (ich gehe davon aus, dass es zumindest überwiegend Deutsche waren) stürmten die Tanzfläche, tanzten all die dämlichen Tänze und sangen lautstark mit. Zwischendurch fragte ich mich, ob das vielleicht der Moment war, in dem die Schotten dachten: "Die spinnen, die Deutschen" und es bereut haben, sich auf den Wahnsinn Karneval eingelassen zu haben. :-D Aber ich hatte Spaß. Viva Caledonia!


Sonntag, 25. Januar 2015

Burns Supper

Am 25. Januar vor fast 300 Jahren (1759, um genau zu sein) wurde der schottisches Nationaldichter Robert Burns geboren. Er wurde wohl deswegen zum National Poet erhoben, weil er viele Gedichte in Scots und im schottischen Dialekt geschrieben habe, was zu seiner Zeit nicht sonderlich viele Dichter getan haben, und so die Sprache der Schotten promoted hat. "Auld Lang syne", das auch immer an Hogmanay gesungen wird, ist von ihm, genauso wie "Scots Wha Hae", das eine Zeit lang die inoffizielle Nationalhymne Schottlands war. Außerdem müssen scheinbar viele Kinder sein Gedicht "To a Mouse" auswendig lernen (ein Vers aus diesem Gedicht "The best laid schemes o' mice an' men / Gang aft agley" wurde übrigens von John Steinbeck als Titel seines Romans Of Mice and Men aufgegriffen). Extrem wichtige Person also.
Um ihren National Poet gebührend zu feiern, wird jedes Jahr in Schottland das Burns Supper an seinem Geburtstag veranstaltet. Wir haben das im Schottland-Seminar mal nachgespielt, aber als ich dann festgestellt habe, dass das hier wirklich eine recht verbreitete Feier ist - auch in Privathaushalten (Laura erinnerte sich Donnerstag daran, dass sie noch Haggis besorgen muss) - wollte ich gerne zu einem Burns Supper gehen. Glücklicherweise hat die Uni Society, bei der ich den Ceilidh-Kurs mache, ein Burns Supper veranstaltet. Allerdings gestern schon. Wir haben sozusagen in den Geburtstag reingefeiert.
Das Supper fand in der Wohnung eines der Komitee-Mitglieder statt, das Komitee hat auch das Kochen übernommen. Es gab natürlich Haggis, Tatties und Neeps (also Haggis mit Kartoffelbrei und Steckrübenbrei). Bevor aber gegessen wurde, musste das Protokoll des Burns Supper eingehalten werden. Es gibt einen recht festgelegten Ablauf dieser Feier. Nach der Begrüßung des Gastgebers wird der Haggis in Begleitung von Dudelsackmusik hereingetragen und es wird das Gedicht "Address to a Haggis" rezitiert. Der Dudelsack wurde bei uns weggelassen, aber eins der Komitee-Mitglieder las das Gedicht vor. Danach durften wir uns alle unsere Portion holen und uns dann einen Platz auf dem Sofa oder dem Fußboden suchen, um diesen zu verspeisen.
Nach dem Essen bekamen wir alle einen Whisky in die Hand gedrückt, denn als nächstes folgte das Immortal Memory. In dieser Rede wird an Robert Burns und sein Leben und Werk erinnert. Zwei Mädels aus dem Komitee hatten die Rede zwischen sich aufgeteilt und erklärten uns Ausländern erst mal, wer Robert Burns überhaupt war, warum man das Burns Supper feierten und überlegten dann, wie Robert Burns wohl wäre, wenn er heute leben würde. Danach wurde auf ihn getrunken.
Als nächstes war der "Toast to the Lassies" an der Reihe. Das bestaussehende männliche Komitee-Mitglied - seinen eigenen Worten nach (danach sagte er, er sei der einzige Junge im Komitee, aber die Rednerin nach ihm, sagte, dass es noch einen zweiten gebe, zählen scheint nicht so seine Stärke zu sein) - hielt eine Rede über die Damenwelt und vor allem darüber, wie er sich auf diese Rede vorbereitet hat und natürlich nicht zu gemein sein darf (das Ganze soll immer eine humorvolle Betrachtung der Geschlechter sein), weil schließlich der größte Teil der Society weiblich ist. Weil das natürlich nicht unbeantwortet bleiben darf, kommt als nächstes immer die Reply to the Laddies (Achtung: laddies = schottisch für Kerle, ladies = Standardenglisch für Damen), bei der sich die Damen dann über die Männerwelt auslassen. Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht mehr genau, was in den beiden Reden vorkam, weil ich mich vor allem daran erinnere, dass sie sehr lustig waren. Ich weiß, dass der Junge am Ende einen Witz über Adam und Gott erzählte, in dem Gott Adam die perfekte Partnerin an die Seite stellen wollte, für die er allerdings einen Arm und ein Bein von Adam forderte. Adam entschied sich dann für das weniger perfekte Model, das er für eine Rippe bekam. Die Antwortrede endete mit der Aufforderung, dass die Männer sich doch daran erinnern sollten, wo sie her kommen - von den Frauen und deswegen etwas Respekt zeigen sollten.
Mit den Reden endete der offizielle Teil. Normalerweise hört man wohl noch ein paar Gedichte von Burns und singt "Auld Lang Syne", aber das haben wir ausgelassen. Stattdessen gab es noch Nachtisch und Getränke. Annabel war auch da und ich habe mich recht viel mit ihr unterhalten. Sie wollte, dass ich ihr ein bisschen Deutsch beibringe. Mal sehen, ob sie bei unserem nächsten Treffen noch bis fünf zählen kann. Gegen halb 12 bin ich nach Hause gegangen, weil ich doch ziemlich müde war.

Da ich euch aber natürlich nicht gehen lassen möchte, ohne euch etwas Dichtung mit auf dem Weg zu geben, folgt nur hier sein Gedicht "A Red, Red Rose", das übrigens auch beim Immortal Memory erwähnt wurde, da Rabbie Burns (wie er auch gerne mal genannt wird) ein ziemlicher ladies man war, der 13 Kinder mit vier verschiedenen Frauen hatte, aber nur mit einer verheiratet war:

A Red, Red Rose
von Robert Burns
O my Luve's like a red, red rose
That’s newly sprung in June;
O my Luve's like the melodie
That’s sweetly play'd in tune.

As fair art thou, my bonnie lass,
So deep in luve am I:
And I will luve thee still, my dear,
Till a’ the seas gang dry:

Till a’ the seas gang dry, my dear,
And the rocks melt wi’ the sun:
I will luve thee still, my dear,
While the sands o’ life shall run.

And fare thee well, my only Luve
And fare thee well, a while!
And I will come again, my Luve,
Tho’ it were ten thousand mile.

Montag, 22. Dezember 2014

Pantomime mit viel Gesang

Manchmal ist die englische Sprache doch komisch. Mince Pies enthalten keinen Krümel Hackfleisch (mince meat) und eine Pantomime ist mitnichten eine Darbietung eines Mannes mit weißem Gesicht, der eine imaginäre Glasscheibe putzt, sondern eine Mischung aus Weihnachtsmärchen und Kasperletheater (von wegen der Zuschauerbeteiligung) mit viel Tanz, Gesang und mindestens einem Travestie-Künstler. Das mag merkwürdig klingen, erfreut sich hier aber sehr großer Beliebtheit.
Eine meiner Dozentinnen in Deutschland hat ein Pantomime-Stück geschrieben, das man in der letzten Stunde vor Weihnachten immer bei ihr im Kurs spielen muss. Ich habe das zweimal miterlebt, habe aber nicht so viele Gedanken daran verschwendet, bis ich hier die ersten Flyer für Cinderella mit John Barrowman (der aus Doctor Who und Torchwood und nein, er spielt nicht Cinderella) gesehen habe.

Am Samstag habe ich es mir angeguckt und ich muss sagen, es war kulturwissenschaftlich sehr spannend und auch so recht unterhaltsam. Etwa die Hälfte des Publikums bestand aus Kindern, von denen 90% ein leuchtendes Spielzeug dabei hatten. Viele Leute trugen einen Christmas jumper, Weihnachtsmannmützen oder weihnachtliche Haarreifen (ja, die Mode zu Weihnachten hier ist etwas gewöhnungsbedürftig).
Die Handlung der Inszenierung ist grundsätzlich die des Märchens (bzw. der Disney-Variante) abgesehen davon, dass John Barrowman als Buttons, der beste Freund von Cinderella, der aber eigentlich in sie verliebt ist, auftritt sowie das schottische Komiker-Duo The Krankies, die eigentlich keine wirkliche Rolle haben (sie spielen Cinderellas Vater und Buttons Bruder Zip), aber für den größten Teil der Komik in dem Stück sorgen. Cinderellas Stiefschwestern werden von zwei Drag Queens gespielt. Es kommt auch eine riesige Spinne drin vor, die an einer Stelle über den ersten Reihen im Publikum schwebte. Das fand ich etwas unangenehm. Ich habe schließlich den Herrn der Ringe geguckt und weiß, wozu diese Viecher fähig sind. ;-)
Die Lieder sind größtenteils Popsongs. Zum Beispiel singen die Stiefschwestern am Anfang "Born this way" von Lady Gaga und zwischendurch schwingt die Frau aus dem Krankie-Duo (die übrigens so winzig ist, dass sie normalerweise einen zehnjährigen Schuljungen spielt) im Miley Cyrus-Stil auf einem "Wrecking Ball" (grauer Gymnastikball an einer Kette) über die Bühne.
Extrem cool fand ich, dass sie viele Bezüge zu Glasgow drin hatten. Es werden Stadtteile mit in die Handlung eingeflochten, die Commonwealth Games, der Ryders Cup und die EMA Avards erwähnt und wir wurden alle im "Sexy" (SECC - entweder spricht man jeden Buchstaben einzeln oder das Ganze als Wort, aber wenn man nur die ersten drei Buchstaben zusammen und das letzte C einzeln spricht, kommt  "Sec-ce" = "sexy" dabei raus) begrüßt. Natürlich wird auch das Referendum erwähnt und "Wee William Wallace" tritt auf und Buttons Bruder erzählt, dass sein Ur-ur-ur...Großvater bei der Schlacht von Bannockburn verwundet wurde (wichtige Schlacht der Schotten gegen die Engländer, bei der sie gewonnen haben), allerdings nicht weil er für die Unabhängigkeit gekämpft hat, sondern weil er nebenan gezeltet hat und sich über den Lärm beschwert hat. Ich nehme an, dass das und andere Sachen die das Komiker Duo erzählt, größtenteils bekannte Witze sind, weil ich einige davon aus anderen Kontexten kannte. Gegen Ende treten John Barrowman und die Krankies in Kilts auf und singen zusammen mit der Fairy Godmother eine... modernisierte und schottische Fassung von "Twelve Days of Christmas". In der Originalversion heißt es immer "On the (x) day of Christmas my true love sent to me..." und dann werden Sachen aufgezählt, der mehr oder weniger Sinn machen: ein Rebhuhn in einem Birnenbaum, zwei Tauben, eine bestimmte Anzahl Tänzer usw. Es wird von eins bis zwölf durchgezählt.
Bei der Version, die am Samstag gesungen wurde,  werden dann zum Beispiel vier Portionen Haggis oder zwölf Dosen Irn Bru verschenkt und anstelle der fünf Goldringe schwingt John Barrowman "Five lavy rolls" (Klopapierrollen), die dann natürlich ins Publikum flogen und er wiederholen musste. Er forderte eine Frau auf, sie ihm zuzuwerfen, er würde sie auffangen, aber sie solle nicht so hoch werfen, er hätte schließlich nicht gesagt, womit er sie auffangen würde... Na ja, er selbst trat am Anfang des Liedes auf, als es hieß "And a fairy in the top of the tree" (also anstelle des "patridge in a pear tree").
Viele der Witze, die gemacht wurden, waren eindeutig zweideutig. Ich fand das schon recht bemerkenswert, da sicher die Hälfte des Publikums Kinder waren. Sonst wird der Kinderschutz hier doch so ernst genommen. Bei Filmen wird nicht nur vor Gewalt und Erotik sondern auch vor "böser" Sprache gewarnt. Und hier interessierte es scheinbar niemanden, dass auf der Bühne Scherze darüber gemacht wurde, dass einer unter dem "Cover" seine "Trumpet" verloren hat. Aber klar, solche Scherze gehen an den Kindern natürlich vorbei. Ziemlich zu Beginn des Stückes wünschte John Barrowman den Eltern schon viel Spaß auf dem Nachhauseweg, wenn sie ihren Kindern im Auto alles erklären müssten. Das war nachdem das erwachsene Publikum über eine Sache gelacht hatte, die nicht mal zweideutig gemeint war. Angeblich. Vermutlich war das meiste, das wie Ausrutscher wirkte, eingeprobt, aber es kam auf jeden Fall spontan über. Ich bin mir nicht sicher, ob das Versingen der Fee beim Weihnachtslied ("eight" anstelle von "four) geplant war oder nicht.
Manche der Scherze waren allerdings schon etwas platt. An einer Stelle treten die Stiefschwestern und Buttons als Showtänzerinnen mit riesigen künstlichen (natürlich, es waren ja alles Männer) und singenden Brüsten auf. Dabei klappten die Brüste wie Münder auf und zu. Das fand ich dann schon etwas verstörend.
Was ich zu Beginn mit einer Mischung aus Weihnachtsmärchen und Kasperletheater meinte, ist, dass das Publikum ganz viel bei der Aufführung eingebunden wird. Sie buhen die bösen Charaktere aus, sagen "Aaaaaaaaaw" wenn der Protagonist über seine Liebe spricht oder das Herz gebrochen bekommt, und immer, wenn ein Charakter etwas wie "Oh, no, I won't!" sagt, ruft das ganze Publikum: "Oh, yes,  you will!". Der Charakter sagt dann wieder "Oh, no, I won't!" und das geht dann ein paarmal hin und her. Außerdem kommt die normale Kinder-/ Kasperletheater-Kommunikation vor, bei dem die Kinder dem Protagonisten erklären müssen, was gerade passiert ist. ("Also Cinderella wurde von den bösen Stiefschwestern in den Keller gesperrt?") Unser Publikum war aber, was das betraf, ziemlich lahm, so dass John Barrowman meinte, er sei froh, dass zumindest die zwei "lassies" (Schottisch für Mädchen) in der ersten Reihe aufgepasst hätten.
Ich saß übrigens in der dritten Reihe. Damit hatte ich mehr ausgegeben, als ich eigentlich wollte, aber ich war froh, überhaupt noch eine Karte bekommen zu haben. Die dritte Reihe war ziemlich gut für die Sicht - ich konnte dem Klavierspieler fast auf das Notenblatt gucken - allerdings auch in der Reichweite der Sachen, die auf der Bühne abgingen. Bei den Twelve Days of Christmas spritzten John Barrowman und die Frau der Krankies mit Wasserpistolen herum und natürlich wurden wir in den ersten Reihen nass. Außerdem schneite es am Ende des ersten Teils Schaumschneeflocken, die Spinne versprühte irgendwelche Kreppbänder und ganz am Ende des Stücks flogen viele bunte Streifen ins Publikum, die die Kinder dann alle einsammelten. Die Kinder waren echt putzig. Vor allem die Kleine neben mir - etwa zwei Jahre alt und sie verfolgte das Stück mit offenem Mund bis zum Schluss dann die bunten Bänder auf dem Boden viel spannender waren. Ich fand es aber schon sehr lustig und ich habe etwas über die britische Kultur gelernt. Also bildungs- und unterhaltungstechnisch ein voller Erfolg. :-D

Dienstag, 11. November 2014

Noch mehr Erinnern

Während zuhause man heute entweder zu denen gehört, die in bunten Kostümen und  Alkohol in Plastikbechern in der Innenstadt schunkeln, um beim Sessionsbeginn warm zu bleiben, oder zu denen, die über die Erstgenannten belustigt bis verärgert den Kopf schüttelt, war heute im Vereinigten Königreich Remembrance Day (auch Poppy Day genannt). Dieser Tag erinnert an die getöteten Soldaten seit dem ersten Weltkrieg. An den Kenotaphen im ganzen Land werden Kränze mit roten Mohnblumen (poppies) niedergelegt. Diese Blume wurde in Bezug auf das Gedicht "In Flanders Fields" von John McCrae gewählt. In diesem Gedicht steht der Mohn gleichzeitig für das Blut der gefallenen Soldaten als auch für die Hoffnung, dass das Leben weitergeht. In allen Supermärkten, Institutionen und teilweise auch auf der Straße kann man für Veteranen spenden und bekommt eine Plastikmohnblume, die man an der Jacke tragen kann. Mindestens jeder zweite, den ich den letzten Tagen gesehen habe, trug so eine Blume. Sonntag gab es in London einen großen militärischen Aufmarsch, die Queen und wichtige Politiker legten Kränze nieder und es gab eine Schweigeminute. Alles im allen also eine ganz andere Stimmung als beim ausgelassenen Karneval und auch anders als St. Martin (den Guten wollen wir ja mal nicht unter den Tisch fallen lassen).
Der Remembrance Day soll, wie ich Donnerstag beim Besuch in der Grundschule gelernt habe, keineswegs den Krieg verherrlichen, sondern den Menschen danken, die ihr Leben für ihr Land riskiert oder verloren haben. Das ist eine ziemliche Gratwanderung, wie ich finde. Im Post über den Ausflug in die Highlands habe ich ja schon meine Skepsis über die War Memorials zur Sprache gebracht. Ähnliche Gefühle habe ich hierbei. Wenn man den Krieg nicht glorifizieren will, warum erinnert man dann nur an die "Kriegshelden" und nicht allgemein an die Grausamkeiten den Krieges und alle jene, die darunter zu leiden hatten? Die Grundschullehrerin hat mir erzählt, dass sie die Kinder immer Gedichte zum Remembrance Day schreiben lässt und dass in den letzten Jahren oft Gedichte dabei waren, die den Krieg als positiv darstellten. Das wundert mich nicht. Aber vielleicht sehe ich das ja zu pessimistisch. In diesem Jahr wollte die Lehrerin diesen Auswüchsen von Gedichten entgegen wirken, in dem sie verschiedene Gedichte über den Krieg mitgebracht hat (u.a. "Dulce et Decorum est" von Wilfried Owen), was zur Folge hatte, dass einer der Jungen in Tränen ausbrach...
In Frankreich erinnert man übrigens auch an die "Armistice" (Waffelstillstand - am 11.11.1918 wurde der Waffenstillstand von Compiègne geschlossen). Hélène war ziemlich überrascht, dass der Tag in Deutschland nicht wichtig ist. Aber wann sollten wir denn sonst die Session eröffnen? Nein, im Ernst, ich denke ja, dass es etwas damit zu tun hat, dass Deutschland den Ersten (und Zweiten) Weltkrieg verloren hat.

Aber da wir gerade beim Erinnern sind - Sonntag war ja der 25. Jahrestag des Mauerfalls. Ich habe im Fernsehen ein paar Bilder aus Berlin gesehen und ein Mädchen aus der German Society war bei den Feierlichkeiten dabei und hat Fotos in die Facebook-Gruppe gestellt. Bei den Beiträgen im Fernsehen hat es mich überrascht, dass die interviewten Deutschen alle Englisch sprachen (auch der kleine Junge im DDR-Museum). Das hat mir nochmal gezeigt, wie verbreitet Englisch ist und vielleicht auch wie gut der Englischunterricht bei uns ist ;-) (wobei die meisten der Befragten doch so alt waren, dass sie vor etwa 40 Jahren in der Schule waren - seitdem hat sich einiges geändert).
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in der Schule nichts zum Mauerfall gemacht habe. Irgendwie hat es sich nicht ergeben und ich war voll mit der Stunde zu St. Martin bei den Erstklässlern beschäftigt. Amelie und ich haben beide eine Laterne gebastelt und wir haben ihnen "Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne" beigebracht. Zu unserer großen Freude haben die Lehrerinnen die Laternen auch beim Tag der offenen Tür den Eltern gezeigt. Das hat uns wiederum gezeigt, dass unsere Arbeit geschätzt wird.

Mittwoch, 5. November 2014

Remember, remember...

1605 beschloss eine Gruppe englischer Katholiken, unter ihnen Guy Fawkes und ihr Anführer Robert Catesby, dass König James I. (von England) bzw. VI. (von Schottland) abgeschafft gehörte und mit ihm zusammen das ganze Parlament. Nachdem König Henry VIII. seine religiöse Ego-Tour durchgezogen hatte (Bruch mit dem Papst aufgrund seiner Ehe mit Anne Boleyn), gab es in England - England und Schottland waren zu diesem Zeitpunkt benachbarte Königreiche - starke Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten/ Anglikanern. Nachdem Elizabeth I. (Henry VIII.s) Tochter kinderlos starb, bestieg ihr Neffe, der schottische König James VI., den englischen Thron und wurde James I. von England. James I./ VI. war Protestant, was den Katholiken nicht besonders gut gefiel, sie bevorzugten einen katholischen König.
Deswegen positionierte Guy Fawkes am 5. November 1605 eine Menge Schießpulver im Keller von Westminster, um das Gebäude in die Luft zu jagen. Unglücklicherweise für Guy Fawkes und seine Mitverschwörer des sogenannten Gunpowder Plots wurde er entdeckt und die Verschwörer wurden gefangen genommen und später hingerichtet.
In Großbritannien wird bis heute am 5. November an den Gunpowder Plot mit einem bonfire (sowohl Freudenfeuer als auch Scheiterhaufen) und einem Feuerwerk gedacht. Auf dem Scheiterhaufen werden dann häufig Guy Fawkes-Puppen verbrannt. In der Vergangenheit kam es dann auch oft zu anti-katholischen Stimmungen, bei denen nicht nur Guy Fawkes sondern auch der Papst in Puppenform ins Feuer geworfen wurde.

Das ist das, was man an der Uni lernt. Heute habe ich eine Bonfire Night selber miterlebt. Ich war sehr gespannt darauf und bin mit Amelie zur Veranstaltung in Glasgow Green gegangen. Eigentlich wollten wir noch andere GETs treffen, aber wir haben sie im Getümmel dann nicht gefunden. Ganz Glasgow schien da zu sein und sich entweder an den Essensständen zu verpflegen, sich auf einem Karussell zu vergnügen und ihr Glück beim Enten/ Pu der Bär/ Tüten-Angeln zu versuchen. Letzteres scheint eine sehr beliebte Attraktion hier zu sein. Wir haben mehrere Stände dazu gesehen.
Ein Bonfire gab es in Glasgow nicht. Ich hätte es interessant gefunden, das zu sehen, hätte das aber auch ziemlich gruselig gefunden. Dafür gab es aber ein schönes Feuerwerk mit musikalischer Untermalung, das tausende Menschen fasziniert betrachtet haben. Hélène meinte später, das Thema des Feuerwerks sei Superhelden gewesen. Das ist mir nicht aufgefallen, aber es hat mir trotzdem gefallen.



 
















Am Ende war mir trotz Strumpfhose unter der Jeans und dicken Socken doch etwas kalt. Amelie und ich sind zurück in Richtung Innenstadt gegangen. Vor der St. Enoch U-Bahn-Haltestelle fand noch ein "Firewalk" statt. Die Scottish Association for Mental Health lud dazu ein, (gegen eine Spende) barfuß über glühende Kohle zu gehen und Ängste zu besiegen. Ich fand es aber eher eine dumme Idee, zuerst die Füße zu Eisklumpen gefrieren zu lassen (die Firewalker warteten ziemlich lange mit nackten Füßen), nur um sie dann unglaublich hohen Temperaturen auszusetzen... Aber gut, ich musste das ja auch nicht machen.

Zum Schluss noch der Kindervers, auf den ich im Titel angespielt habe:

"Remember, remember,
The fifth of November,
Gunpowder, Treason and Plot,
For I see no Reason
Why Gunpowder Treason
Shall ever be forgot" 





Dienstag, 4. November 2014

Halloween

Was Karneval in Deutschland ist, scheint Halloween in Großbritannien zu sein: Süßigkeiten für die Kinder (bei Über-zehnjährigen werden die Trick-or-treat-Rundgänge laut meiner Tandempartnerin als betteln angesehen), Alkohol für die Großen und Verkleidungen für alle. Das ist zumindest die Kurzfassung. Nein, es gibt, soweit ich weiß, keine Halloween-Sitzungen und keine großen Umzüge durch die Stadt - auch wenn ich am Freitag verkleidete Subway-Mitarbeiter ("The transportation, not the fast food") gesehen habe, die in gruseligen Verkleidungen Süßigkeiten verschenkten. Aber es gibt Unmengen Halloweenfeiern und jede Institution und jede Gruppe hat ihre eigenene Feier.
Ich habe zweimal Halloween gefeiert. Im Ceilidh-Kurs gab es einen Halloween-Abend, bei dem wir weniger hart gearbeitet und viel mehr einfach nur getanzt haben. Die meisten kamen verkleidet, das beste Kostüm wurde prämiert und in der Pause gab es orangene Muffins und gruselige Süßigkeiten. Es war lustiger Abend. Mich haben die beiden spanischen Mädels vom Hocker gehauen, die beide im flauschigen Kuhanzug zur Stunde kamen. Sie müssen sowas von geschwitzt haben. Mir war in meinem kurzärmeligen Kleid schon ziemlich warm. Den Preis für das beste Kostüm hat ein Spiderman im Kilt bekommen. Unsere Tanz-Lehrerinnen kamen als Japanerin, blauer Buntstift, Tardis und Anna aus Frozen (der Film ist hier sehr beliebt - bei allen Jahrgangsstufen). Eins der männlichen Komiteemitglieder hatte sich ganz grün angemalt und stellte einen Spielzeugsoldaten dar. Das Problem war allerdings, dass er abfärbte und die Leiter der Society die Pause auf den Knien verbrachten, um die grüne Farbe (und Schuhabdrücke anderer Teilnehmer) vom Turnhallenboden zu wischen. Die taten mir etwas Leid.

Im Grunde hätte ich die ganze Woche hindurch Halloween feiern können, da es offenbar niemand so genau mit dem Datum nahm. Allerdings bin ich nur zu der Party der Uni am Freitag gegangen. Amelie und drei weitere GETs waren auch mit dabei. Da der Eintritt vor neun Uhr frei war, gingen wir frühzeitig hin und mussten ein bisschen warten, bis es richtig los ging, aber mir hat es gut gefallen. Die Musik war gar nicht mal schlecht (auch hier wurde irgendwann "500 miles" gespielt - das war dann der Punkt, an dem Amelie und ich nach Hause gingen, allerdings unabhängig von dem Lied) und die Dekoration war auch schön gruselig. Im großen Disko-Raum der Union gab es einen Blood Bath Corridor, bei dem man mit Kunstblut bespritzt wurde, wenn man sich hindurch wagte. Wir haben es aber lieber sein gelassen. Es hieß zwar, die Farbe sei abwaschbar, aber man weiß ja nie. Später musste ich allerdings feststellen, dass meine Jacke trotzdem irgendwie rote Farbe abbekommen hat. Ich habe sie schon ein bisschen sauber gemacht, muss da am Wochenende aber nochmal richtig in Angriff nehmen (vorzugsweise dann, wenn ich mir einen Wintermantel gekauft habe und meinen Anorak einfach in die Waschmaschine stecken kann).

Rut trinkt Blut ;-)
Bei der Uni-Party habe ich viele tolle Verkleidungen gesehen. Besonders beliebt schien Wally aus Where's Wally? (im Deutschen Walter, der Junge mit dem roten Ringelpulli in den Wimmelbildern) zu sein - auch in einer weiblichen Variante. Aber auch Charaktere aus Filmen und Serien waren häufig zu sehen: Disney-Prinzessinnen rauf und runter, teilweise in knappsten Röcken und/ oder in der Zombie-Variante, einige Pipers aus Orange is the New Black, der Joker natürlich, Alice im Wunderland, der Doctor (ich wäre enttäuscht gewesen, wenn ich keinen gesehen hätte), Mary Poppins (!) und ich habe zwei Mädchen gesehen, die sich als Daenerys Targaryen verkleidet haben. Das Kostüm der einen war echt gut. Sie hatte sogar einen kleinen Drachen auf der Schulter. Leider war ich ein bisschen zu schüchtern, um sie zu fragen, ob sie ein Foto mit mir macht. Ich war übrigens Rut, die Bakterien verschleudernde Vampirkönigin - ich bin immer noch erkältet.
Es waren auch ein paar gruselige Verkleidungen dabei (u.a. zwei Geister, die sich wirklich einfach nur ein Bettlaken übergeworfen hatten), aber eben auch viele ganz normale. Wie gesagt, Halloween scheint der britische Karneval zu sein.

Sonntag, 14. September 2014

Wo die wilden Kerle spielen

Die Fußball-WM habe ich - bis auf ein Spiel - nicht verfolgt. Auch während des Spiels Deutschland-Schottland vor ein paar Tagen habe ich lieber mit meiner Mitbewohnerin gequatscht als überhaupt erst in Erwägung zu ziehen, es mir anzusehen. Allerdings habe ich mir das Ergebnis hinterher angeguckt. Nur für den Fall, dass Schottland gewinnt und die Schüler mir das am nächsten Tag unter die Nase reiben wollten (was dann bekannterweise nicht der Fall war). Gestern habe ich mir dann aber tatsächlich eine Sportveranstaltung freiwillig angesehen und bin dafür auch noch früh aufgestanden! Ich war in Pitlochry bei den Highland Games.
Die Highland Games sind Sportwettbewerbe, die traditionelle schottische Sportarten wie Tossing The Caber (Baumstammwerfen), Putting the Ston (Steinestoßen) oder Tug O' War (Tauziehen) miteinbeziehen und gefühlt in jedem Highland Städtchen Schottlands zwischen Mai und September stattfinden. Ursprünglich wurden sie bei Versammlungen der Clans ausgetragen, um den mutigsten, stärksten, besten, was auch immer Krieger zu küren. Als Sportmittel nahmen sie dann eben das war das war: Steine und Baumstämme. Mittlerweile sind aber auch andere Sportarten dabei. In Pitlochry wurde noch Radgefahren, gelaufen und sowohl Weit- als auch Hochsprung gemacht. Auch Dudelsackmusik gehört zu den Highland Games. Es wird der beste Piper gekürt.

Meine Mitbewohnerin hatte mir von den Spielen erzählt und wollte da gerne hinfahren. Die Spiele in Pitlochry waren die vorletzten in diesem Jahr, am 20.9. sind nochmal welche, aber danach finden erst wieder welche im Mai statt. Deswegen wollte meine Mitbewohnerin auch gerne jetzt zu den Spielen. Ich fand die Idee gut und wollte gerne mit. Dann hat sich meine Mitbewohnerin aber spontan entschieden, doch nicht nach Pitlochry zu fahren. Ich habe beschlossen, dass das ja kein Grund sein muss, dass ich nicht dahin fahren muss und habe Annabel gefragt, ob sie nicht mitkommen möchte und sie hat zugesagt.
Unser Bus von Glasgow aus fuhr morgens um halb acht los - viel zu früh für unseren Geschmack. Etwa zwei Stunden später waren wir am Ziel. Pitlochry ist eine kleine Stadt am Fuße der Highlands. Mir war die Stadt direkt sympathisch. Ich würde zwar eher nicht leben wollen, aber sie ist sehr niedlich. Kleine Häuse, enge Straßen und was ich ganz toll fand, kleine Fähnchen an den Häusern. Ein bisschen wie im Bilderbuch. Im Hintergrund erheben sich die Highlands und auch ein Loch fehlt nicht.

Da es bis zum Referendum nicht mehr weit ist, wurde auch in Pitlochry fleißig Werbung gemacht und auch hier scheint die Bevölkerung die Unabhängigkeit zu favorisieren. Der Stand der Yes-Fraktion war mindestens doppelt so groß wie der von No und die Leute haben sich richtig ins Zeug gelegt: Es gab selbstgebackenen Kuchen und ein gebasteltes Yes, auf denen die Leute unterschreiben konnten. Als Annabel und ich an ihnen vorbei gingen, kam eine Frau auf uns zu und sagte: "Girls, you can't go without a yes-pin!" und machte uns einen an die Jacken. Sie brachte das so charmant rüber, dass ich mich nicht gewehrt habe. Wir haben ihr danach abter trotzdem gesagt, dass wir nicht schottisch sind. Das fand sie aber gar nicht schlimm und wir durften die Anstecker behalten. Am No-Stand gab es übrigens nur Aufkleber und keine Anstecker.

Die Spiele fanden auf einer riesigen Wiese statt, die aber offenbar für sportliche Zwecke gedacht ist, weil eine Arena abgesteckt ist und es an einer Seite Tribünen gibt. Annabel und ich kamen gerade rechtzeitig zum Einmarsch der Dudelsackspielgruppen. Schüler- und Erwachsenengruppen - es war eine bunte Mischung und alle in bestimmte Tartans gekleidet. Jedes Mal, wenn eine Dudelsackgruppe zum Vorspielen auftrat, nannt der Kommentator neben ihrem Namen auch die Art des Tartan, den sie trugen. Mit der Zeit ging mir die Dudelsackmsuik aber auf die Nerven, zumal bei dem Wettbewerb immer das gleiche Lied gespielt wurde.

Trotzdem hat mir die Atmosphäre gut gefallen. Um die Arena herum gab es Stände von örtlichen Organisationen wie den Pfadpfindern oder dem Förderverein der Schule, die Getränke oder Lose verkauften. Es gab auch Stände mit Souveniers bzw. schottischen Produkten. Dazu strahlte die Sonne so, dass es schon fast zuviel war und ich sehr darüber war, dass Annabel an Sonnencreme gedacht hatte. Die "Heavy Events", die traditionellen Sportarten der Games fand ich auch interessant anzusehen. Gut, das Tug o' War, das Tauziehen war eher unspektakulär: Die Männer standen, die Füße in den Boden gerammt, still und hielten das Seil fest, bestimmt zehn Minuten lang passierte nichts und man vergaß, dass da ein Wettbewerb stattfand und sah stattdessen beim Baumstammwerfen oder Staffellauf zu und dann aufeinmal hörte man ein Stöhnen, der Moderator rief etwas, aber wenn man hinguckte, war schon wieder nichts mehr. Das ging dann eine halbe bis dreiviertel Stunde lange so und dann hatte auf mysteriöse Weise, eine der Mannschaften das Seil zu sich rüber gezogen. 
Beim Baumstammwerfen gab es wesentlich mehr zu sehen: Die Männer hoben den Baumstamm hoch und hielten ihn senkrecht, rannten dann damit los und schleuderten ihn dann in die Luft. Beim Hammerwerfen drehten die Sportler sich um die eigene Achse, um Schwung zu holen und der Kilt wehte sehr schön um sie herum. Und bevor jetzt einer fragt: Ja, ich habe gesehen, was sie darunter trugen und nein, es war nichts nichts sondern eine Boxershorts. ;-) Die Heavy Events wurden allesamt nur von Männern absolviert. Bei den Dudelsackgruppen waren dann auch Frauen und Mädchen dabei und Tanzgruppen waren dann fast ausschließlich weiblich. 

Tossing the Caber
In meinem Programmheft wurden die einzelnen Tänze erklärt. Die Anekdoten zu ihrer Entstehung sind sehr nett. Ein Tanz erzählt die Geschichte eines Mannes, der wütend ist, weil die Wäscherin seine Hose hat einlaufen lassen. Von einem anderen wird erzählt, dass die Mitglieder einer Kirchengemeinde ihn erfunden haben, als sie im Schnee frierend auf ihren Pfarrer warteten, der zu spät kam, und sie sich irgendwie warm halten mussten.
Die nicht-traditionellen Sportarten waren für mich weniger interessant. Süß fand ich allerdings die offenen Wettrennen für Kinder. Bei einem Rennen für Mädchen bis 10 Jahre nahmen auch zwei Kinder teil, die vielleicht drei Jahre alt waren. Damit es fair blieb, wurden die Kinder dem Alter nach aufgestellt und die Dreijährigen kamen nach ganz vorne. Der Vater machte der Kleinen vor, dass sie laufen solle und sie begann sofort zu laufen - bevor der Startschuss gefallen war und musste erst mal gestoppt werden. Es war schön zu sehen, wie begeistert alle waren, ein Teil der Spiele zu sein.