Dienstag, 14. April 2015

Mit dem Rad in die Steinzeit (Orkney Tag 2)

Nachdem ich am ersten Tag Kirkwall ausführlich bewundert hatte, bin ich am zweiten Tag nach Stromness gefahren, die zweitgrößte Stadt auf Orkney. Mit dem Bus dauert das ungefähr eine halbe Stunde. Marit hatte mir vorgeschlagen, dass ich mir ein Rad in Stromness mieten und damit nach Skara Brae fahren könnte. Die Idee gefiel mir ganz gut. Besser als ständig auf irgendwelche Busse zu warten. 

Stromness Habour mit Blick auf die Stadt


Es hat etwas gedauert, bis ich gemerkt habe, dass da NICHT Harry Potter steht

Rein theoretisch sind die Orkney Islands ein ganz guter Ort zum Radfahren, weil sie relativ flach sind (übrigens gibt es auch kaum Bäume). Praktisch gibt es aber eine Sache, die das Radfahren deutlich erschweren: Es ist ziemlich windig. Ich hatte mir die Wettervorhersage angesehen; laut der sollte es etwas bewölkt mit ein paar Sonnenstrahlen werden und mit Wind zwischen 20 und 25 Meilen pro Stunde. Marit meinte, das sei gar nicht so stark. Sie habe auch schon mal 70 Meilen pro Stunde gehabt.
Nun ja, die angekündigte Windgeschwindigkeit reichte dann schon, um das Radeln zu einer Herausforderung zu machen. Der Wind war nämlich äußerst unkooperativ und kam immer von der falschen Seite (vorne oder halb vorne). Manchmal hat er mich fast auf die andere Fahrbahn gedrückt. Außerdem war es eine merkwürdige Erfahrung, dass die Nase lief aber der Wind den Schnodder wieder hochdrückte (sorry, wenn das etwas ekelig ist). Ansonsten klappte das mit dem Radfahren aber gut. Ich bin nur einmal aus Versehen auf der rechten Straßenseite gefahren - aber zum Glück auf einer Straße, auf der sonst nichts los war - aber abgesehen davon war der aktive Linksverkehr (als Fußgänger ist es ja recht egal, wo man lang läuft) nicht sonderlich verwirrend. Nur beim Rechtsabbiegen musste ich aufpassen. 
Die Orte, zu denen ich hin wollte, waren auch gut ausgeschildert. Aber manchmal waren die Schilder ein bisschen entmutigend ("Ich habe jetzt doch sicher schon die Hälfte der Strecke hinter mir." *Schild* "Wie? Immer noch vier Meilen?! Verdammt!"). Ab und zu bin ich auch einfach abgestiegen und habe geschoben.



Nach etwa einer Stunde kam ich in Skara Brae an. Laut Google Maps hätte ich nur eine halbe Stunde brauchen sollen, aber die hatten wohl Rückenwind. Skara Brae ist die am besten erhaltene neolithische Siedlung Europas. Sie ist älter als Stonehenge und die Cheops-Pyramide und wurde 1850 bei einem Sturm freigelegt. Man geht davon aus, dass von 3180 bis ca. 2500 vor Chr. Menschen in Skara Brae gelebt haben. Heute liegt die Siedlung direkt am Meer, aber zu dem Zeitpunkt der Besiedlung sah die Landschaft noch anders aus und die Küste war etwas weiter weg. Die Siedlung besteht auch acht Häusern, eins davon eine Werkstatt. Alle Häuser haben eine Feuerstelle in der Mitte, Bettrahmen (abgesehen von der Werkstatt), die früher mit Heide und Schaffellen gepolstert waren, und weiteren Möbeln aus Stein, wie einem Tisch und Regale. 




Ein Haus konnte man als Nachbau von innen besichtigen. Die Verantwortlichen haben sich viel Mühe gegeben, um das Ganze anschaulich zu gestalten und haben einen unechten Hummer und andere Lebensmittel auf den Tisch gelegt, um zu zeigen, was die Menschen damals gegessen haben. Sogar die eingeritzten Zeichen auf einem der Bettrahmen konnte man in der Nachbildung ansehen. Um diese Carvings zu schützen, wurde das entsprechende Haus in der Siedlung wieder mit einem Dach versehen. Zuerst hatte eine Glasplatte das Haus bedeckt, aber dadurch veränderte sich die Temperatur im Haus und die eingeritzten Zeichen begannen zu bröckeln - also das Gegenteil von dem, was man erreichen wollte. Deswegen befindet sich jetzt wieder ein Grasdach über diesem Haus.
In den Häusern hat man außerdem Steinbälle mit eingeritzten Mustern oder Runen gefunden. Allerdings weiß man nicht, wofür diese Bälle verwendet wurden oder war die Zeichen zu bedeuten haben. Kleine Klumpen Hämatit (rote Steine) lassen zudem vermuten, dass die Menschen in Skara Brae Kontakt mit Menschen auf Hoy, einer anderen Orkney Insel, hatten, weil Hämatit nur auf Hoy, aber nicht auf Mainland vorkommt.
Im Eintritt für Skara Brae war auch das Skaill House enthalten. Das ist ein Herrenhaus, dessen Besitzer Skara Brae entdeckt haben. Im Haus kann man Möbel und Habseligkeiten der Bewohner des Hauses bis ins 20. Jahrhundert sehen, u.a. das Geschirr von Captain Cooks Schiff.
Skaill House

Skaill Bay
Eigentlich wollte ich von Skara Brae nach Birsay weiterradeln. Diese Insel kann man bei Ebbe zu Fuß erreichen und muss sehr schön sein, denn sie ist mir von mehreren Leute empfohlen worden. Allerdings sagte Marit auch, dass es Glückssache sei, mit dem Bus dorthin zu kommen. Deswegen hielt ich es für eine gute Idee, auch dort mit dem Rad hinzufahren. Ich war etwas entmutigt, weil ich nach Skara Brae schon doppelt so lange  gebraucht hatte, wie gedacht und Birsay sollte nochmal eine Stunde entfernt sein - also zwei Stunden für mich. Aber entschlossen wie ich war, fragte ich den Mitarbeiter von Historic Scotland in Skara Brae nach dem Gezeitenplan für Birsay. Und stellte fest, dass der sichere Zeitraum, um trockenen Fußes nach Birsay zu kommen, in zwei Minuten enden würde. Der Mitarbeiter meinte dazu: "You could make it - if you are a strong swimmer." Ich kann schwimmen, aber ich bin ja nicht blöd. Also habe ich umgeplant.

Schon auf dem Weg nach Skara Brae hatte ich Schilder zum Ring of Brodgar gesehen und hatte überlegt, dahin zu fahren, aber eigentlich hatte ich das für den nächsten Tag geplant. Da ich jetzt aber überraschend Zeit hatte, habe ich mich dann doch entschieden, das nach vorne zu ziehen. Der Ring of Brodgar ist ein Steinkreis mit einem Durchmesser von etwas mehr als 100m und damit der drittgrößte auf den Britischen Inseln. Von den ursprünglich 60 Steinen haben 27 die Zeit überstanden. Im Gegensatz zu Stonehenge kann man zwischen den Steinen hindurch gehen und sie auch anfassen. Ich fand es faszinierend.
Welche Funktion der Steinkreis hatte, ist nicht ganz klar, aber man vermutet, dass er eine wichtige Rolle für zeremonielle Zwecke gespielt hat. Die Standing Stones of Stennes (ein weiterer Steinkreis) und das Grab Maeshowe befinden sich in der Nähe.


Die Rückfahrt nach Stromness war ziemlich anstrengend. Ich war müde und hatte kein großes Ziel mehr vor Augen. Außerdem beschloss der Wind weiterhin, mein Radfahren zu sabotieren. Ich musste mehrmals absteigen und schieben. Und kennt ihr die Frustration, wenn man bergab trampeln muss?
Völlig k.o. wieder in Stromness
In Stromness habe ich mein Rad abgegeben und hatte noch etwas Zeit, bevor ich den Bus zurück nach Kirkwall nehmen musste. Ich ging ins Pier Art Centre. Das meiste war moderne Kunst, mit der ich mich etwas schwer tue. Aber man hatte eine tolle Sicht auf den Hafen. Außerdem haben mich die Kommentare von Schulkindern über die Bilder, die auf den kleinen Schildern neben den Bildern standen, sehr amüsiert. Ein Mädchen sagte über ein überwiegend braun-graues Bild "a bit of it looks like a sock". Es gab auch einen Raum, in dem Bilder aus dem Kunstunterricht an Orkneys Schulen ausgestellt waren. Das fand ich eine sehr schöne Idee.

Montag, 13. April 2015

Norwegische Verstrickungen (Orkney Tag 1)

Den ersten Tag auf Orkney habe ich in Kirkwall, dem größten Ort der Inseln (ca. 9000 Einwohner) zu verbracht. Aufgrund von Marits Schilderungen hatte ich ihn mir kleiner vorgestellt, als er eigentlich ist, aber gleichzeitig gefürchtet, ich würde mich verlaufen. Na ja, es gibt tatsächlich eine Touristeninformation in Kirkwall und dort konnte man mir zwar keine Postkarten verkaufen, weil die Kasse gestört war, aber doch zumindest einen kostenlosen Stadtplan von Kirkwall und Stromness geben und mir einen Termin für die Besichtigung von Maeshowe organisieren.
Auch ohne Stadtplan hätte ich die St Magnus Cathedral problemlos gefunden. Ich binr schon auf dem Weg zur Touristeninformation an ihr vorbei gelaufen. Es gab eine ganz gute Broschüre, die einen durch die Kathedrale geführt hat. Die ältesten Teile sind aus dem 12., die neusten aus dem 15./16. Jahrhundert (wenn man vom Toilettenanbau aus dem 20. Jh. absieht). St Magnus ist ein norwegischer Heiliger, der von seinem Bruder getötet wurde. Die Kathedrale wurde von seinem Neffen St Rognvald gegründet und Knochen bei der beiden Heiligen befinden sich in der Kirche. 

 
















Ich fand, dass die Kathedrale definitiv Charme hat. Vermutlich wird sie keinen Preis für die eleganteste Kathedrale gewinnen, aber mir hat sie gefallen und es gab auch einige Sachen, die mir ins Auge gefallen sind. Hinter dem Chor befindet sich eine Kapelle mit einem Holzaltar, auf dem ein kleines Wikingerschiff steht. An einer anderen Stelle der Kirche entdeckte ich einen Mann mit Flügelhelm. Außerdem gibt es Haken an den  vier mittleren Säulen, an denen Oliver Cromwell und seine Soldaten ihre Pferde angebunden haben sollen, als sie in Kirkwall waren.

Altar mit Wikingerschiff
Von der Kathedrale aus bin ich zu den Earl's and Bishop's Palaces gegangen - die direkt daneben liegen. Da ich Mitglied bei Historic Scotland bin, konnte ich dort umsonst rein. Die Frau an der Kasse war sehr freundlich und wies mich darauf hin, dass ich nicht aus Versehen in das Gerichtsgebäude gehen solle, weil dort Leute arbeiteten und es nur für "bad boys" sei. Wo die Eingangstür ist, hat sie mir aber nicht gesagt und ich bin erstmal daran vorbei gelaufen. Vermutlich hätte ich ihn schneller gefunden, wenn ich auf den Plan im Guidebook geguckt hätte. Der Palast wurde von Earl Patrick Stewart gebaut. Sein Vater war ein außerehelicher Bruder von Mary Queen of Scots. Beide, Vater und Sohn, waren nicht sonderlich beliebt und ziemlich tyrannisch. Earl Patrick Stewart wurde letztendlich auch wegen Verrat hingerichtet. Vorher aber (ab 1607) hat er sich einen kleinen Palast in Kirwall gebaut; vier Privaträume, einen Saal, ein Zimmer für seinen Stewart, ein Gästezimmer, das als "Doctor's Chamber" bezeichnet wurde. Allerdings wusste niemand genau, wer dieser Doctor war... Wenn das nicht mal eine Steilvorlage für Doctor Who ist. :-D
Earl's Palace
Irgendwann wurde dem Earl der Palast zu klein und er hat noch den Bishop's Palace nebenan annektiert (der war durch die Reformation sowieso schon im Besitz der Familie). Nach seinem Tod ging das Ganze zurück an die Kirche. Heute führt eine Straße zwischen den beiden Palästen hindurch und keiner von beiden hat ein Dach. Auf den Schildern im Earl's Palace stand, dass die Decke früher kunstvoll mit biblischen Motiven bemalt war. Diese Dekoration wurde als bemerkenswert bezeichnet, da die Hinrichtung Patrick Stewarts angeblich verschoben wurde, damit dieser noch Zeit hatte, das Vater Unser zu lernen. Anscheinend fand er die Geschichten wohl spannender als den Rest der Religion.
Der Bishops's Palace wurde im 12. Jahrhundert gebaut und passte damals architektonisch zur Kathedrale. Dreihundert Jahre später ließ der damalige Bischof den Palast renovieren und teilweise neu bauen. König Hakon IV von Norwegen starb 1263 im Bishop's Palace und auch die Leiche der Maid of Norway (Margaret, die siebenjährige Enkelin des schottischen Königs Alexander III. und Prinzessin von Norwegen) wurde dort aufgebahrt. Im Vergleich zum Earl's Palace ist der Bishop's Palace etwas langweilig, aber es gibt einen Turm, von dem man eine gute Sicht über die Stadt hat.

Zum Mittagessen war ich bei Marit. Sie konnte in der Mittagspause nach Hause gehen und hatte noch Suppe im Kühlfach. Danach wollte ich ins Orkney Museum, bin aber mitten in der Mittagszeit da angekommen und habe vorher noch einen Abstecher zum Hafen gemacht. Das Museum widmet sich der Geschichte Orkneys - von der Steinzeit bis heute. Es gab auch tolle Mitmachaktionen für Kinder, auf die ich mich gestürzt habe. Ich habe mich als Archäologin versucht und eine Tasse zusammengeklebt, pitkische Muster mit Wachsmalern von einer Platte auf Papier gerubbelt und meinen Namen in Runen geschrieben. Bei den piktischen Mustern habe ich so viel Papier verbraucht, dass ich fast schon ein schlechtes Gewissen hatte - schließlich war ich nicht die Zielgruppe. Also habe ich etwas in die Spendenbox getan, die die Aufschrift "We cannot promose you a short-cut to heaven but your donation will help keep the museum out of purgatory" trug und - natürlich - in der Mittelalterabteilung stand.
Unter anderem habe ich im Museum gelernt, dass
  • es Igel seit gut 10 mio Jahren gibt und sie damit eine der ältesten Säugetierarten sind
  • Kirkwall ab 1154 zum Erzbistum Trondheim gehörte
  • die Pikten bunte Farben und Designs liebten und Brettspiele mit Vertiefungen hatten, um im Dunkeln oder auf Schiffen spielen zu können
  • Orkney und Shetland 1471 an Schottland annektiert wurden, nachdem Norwegen und Dänemark unter einer Krone vereinigt worden waren
  • "Up to the 15th century some better-off may have imported prefabricated wooden houses from Norway" (meine liebste Erkenntnis) IKEA lässt grüßen! :-D

Sonntag, 12. April 2015

Eine Reise auf dem Wikingerschiff (Orkney Tag 0)

Es ist ein bisschen wie immer weiter ins Innere einer Matroschka zu kriechen, von einer Puppe in die nächst kleiner. Nur, dass ich es mit Inseln mache. Von Deutschland (auf einer groooßen Insel, auch Kontinent genannt) nach Great Britain (im Vergleich zum eurasischen Kontinent ziemlich klein) und von dort weiter auf die Orkney Islands (eine Gruppe noch viel kleinerer Inseln), wo ich Marit besucht habe. 
Und weil ich beschlossen hatte, eine Woche meiner Osterferien auf einer Insel zu verbringen, gab es zwei Optionen: das Flugzeug oder die Fähre. Ich war von der Idee, die Fähre zu nehmen, so begeistert (schließlich wollte ich wenn auch das richtiges Insel-Erlebnis), dass ich gar nicht mehr geguckt habe, wie teuer der Flug gewesen wäre. Allerdings hatte Marit beim Ambassador-Treffen in London auch gesagt, dass es recht teuer sei zu fliegen.

Ich habe die Fähre von Aberdeen nach Kirkwall genommen und weil ich Aberdeen bisher nur von einem gehetzten zwei-Stunden-Aufenthalt im strömenden Regen her kannte, hatte ich beschlossen, mir vor der Abfahrt noch die Stadt anzusehen. Also bin ich früh morgens in Glasgow aufgebrochen, habe nach meiner Ankunft meinen Koffer bei der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof gelassen und bin losgezogen.
Als erstes war ich bei der St Nicholas Kirk, allerdings nur auf dem Friedhof. Die Kirche ist nur von Mai bis September oder nach Vereinbarung geöffnet. Als ich ankam, stand der Gottesdienst kurz bevor, also hätte ich theoretisch doch rein gekonnt, aber weil ich weder am Gottesdienst teilnehmen, noch diesen stören wollte, habe ich es dann doch gelassen.
Marischal Museum
Danach bin ich zur Robert Gordon University gegangen, weil ich in die Kunstgallerie gehen wollte, aber die war leider geschlossen. Stattdessen habe ich gesehen, dass die Statue von General Charles Gordon vor der Uni irgendwie bunt angezogen war. Ich habe mir zunächst gedacht, dass das ein Knitting Guerilla Attacke oder ein Scherz wie bei der Wellington Statue in Glasgow sein würde und bin weiter zum Marischal Museum gegangen, das im Moment auch geschlossen ist, aber uns bei der ISUK-Tour wegen des neogotischen Stils und seines Rufs als zweitgrößtes Granitgebäude der Welt empfohlen. 

Vor dem Museum steht eine Statue von Robert the Bruce. Als ich näher kam, sah ich ziemlich  viele Vögel auf der Statue sitzen. Noch ein Stückchen näher, stellte ich fest, dass die Vögel sich gar nicht bewegten. Und dann entdeckte ich ein gelbes Schild; genauso eins hatte ich auch neben der Statue von Charles Gordon gesehen. Auf dem Schild stand "Look Again".
"Look Again" ist ein Kunstfestival, dass genau in dieser Woche in Aberdeen stattfand. Die Menschen sollten ihre Stadt mit neuen Augen sehen und dafür wurden einige Statuen umdekoriert: Robert the Bruce mit Vögeln; William Wallace, in ein neongelbes und -orangenes Gewand gekleidet, das mich etwas an den Lollypopman (Schülerlotse) vor unserer Schule erinnert hat; Robert Burns in Wollsocken, mit Kopfhörern und einem Ball, der laut Info-Broschüre Merkur darstellen sollte usw. Charles Gordon trug Gewändern aus all den Ländern, die er bereist hat. Diese Entfremdung der Statue fand ich am besten, weil sie immer noch einen Bezug zu der Person, die die Statue zeigt, hat. William Wallace wird zwar auch als "Guardian of the Nation" bezeichnet, von daher passt meine Assoziation mit dem Lollypopman vielleicht noch, allerdings soll er wohl einen futuristischen Krieger darstellen.


Nachdem ich mir die Statuen angeguckt (und die Strecke in einer Zickzack-Strecke abgelaufen bin), war ich im Maritime Museum. Aberdeen ist eine Hafenstadt und durch das Erdöl in der Nordsee reich geworden. Natürlich spielt das Meer da eine wichtige Rolle. Das Museum geht über vier Etagen und in der Mitte steht das Modell einer Ölplattform, das durch ein Loch in alle Etagen reicht. Ansonsten deckt das Museum so ziemlich alles ab, was Schiffbau, Fischfang und Nordseeöl. Ich weiß jetzt, was der Unterschied zwischen einer oil rig und einer oil platform ist (erstere macht nur Probebohrungen und ist dementsprechend kleiner) und habe über das schlimmste Unglück auf einer Ölplattform (Sommer 1988) gelesen. Ich habe mir Fotos von kleinen Fischerbooten, großen Trawlern und Fischfabriken angesehen. Nachdem die Fischer aufgehört hatten, im Familienbetrieb zu fischen und auf die Trawler gewechselt hatten, waren sie oft wochenlang auf dem Schiff und ernährten sich dann größtenteils von Fisch - das wäre auch kein Job für mich. (Ach ja, die Trawler hatten dann auch schon die Möglichkeit, den Fang zu verarbeiten, sonst wäre das Ganze ja auch eine ziemlich ungesunde Angelegenheit geworden.) Außerdem habe ich Schiffbaupläne gesehen und gelernt, dass aber Modelle viel wichtiger waren. In den Werften wurde mit halben Modellen gearbeitet und den Kunden wurde ein ganzes Modell anstelle eines Plans gezeigt, damit sie sich das Ganze besser vorstellen konnten.
An den geschlossen Art Gallery hatte auf dem Schild gestanden, dass einige der Bilder, die eigentlich dort ausgestellt sein würden, im Maritime  Museum zu sehen seien. Ich weiß nicht, welche Bilder jetzt nicht dahin gehört haben, weil ziemlich viele Bilder etwas mit Fischen oder dem Meer zu tun hatten. Gut gefallen hat mir der Quilt mit einem Fischer und die Sonderausstellung (die vermutlich aus der Art Gallery kam) über Bilder mit Bällen: Tennis, Kristallkugeln und der Froschkönig. Lustige Zusammenstellung. 
Von der obersten Etage des Museums konnte ich auch schon die Fähre sehen. Danach war ich vor Aufregung und Vorfreude zu kaum noch etwas zu gebrauchen. Ein bisschen hat es mich beunruhigt, die Rettungsboote auf dem Deck zu sehen, allerdings habe ich mir im gleichen Moment gedacht, dass es doch gut ist, dass es sie gibt.
Mittlerweile war auch Marit in Aberdeen angekommen und wir haben uns getroffen, um zusammen etwas zu essen und dann zur Fähre zu gehen. So ein großes Schiff. Und es ist ein Wikinger drauf. Ich kann mich kaum noch an meine Überfahrt nach England in der neunten Klasse erinnern, deswegen hatte ich das Gefühl, nie auf einem größeren Schiff gewesen zu sein und es hat mich ein bisschen an die Titanic erinnert. Wir haben uns reclining seats am Fenster belegt und sind dann auf das oberste Deck gegangen, um die Abfahrt von dort mitzukriegen und einen letzten Blick auf Aberdeen zu werfen. Ich muss sagen, dass es bei Sonnenschein sehr viel schöner aussieht als bei Regen, allerdings würde ich die Stadt immer noch nicht als schön bezeichnet. Sie ist mir zu grau und sie erinnert mich damit zu sehr an das Setting einer Dystopie...
Nachdem wir den Hafen verlassen hatten, sind Marit und ich wieder zu unseren Plätzen zurück gegangen. Das Meer war recht ruhig, aber die Bewegungen des Schiffs waren ungewohnt und ich musste feststellen, dass ich tatsächlich seekrank werden kann. Es war nicht richtig schlimm, aber so unangenehm, dass ich weder lesen noch schreiben konnte und irgendwann Marits Rat gefolgt bin und mich auf den Boden gelegt habe. So ließ es sich erstaunlich gut aushalten und ich bin immer wieder weggedöst bis wir in Kirkwall ankamen.

Mittwoch, 8. April 2015

Besuche und Abschiede

Ich habe Osterferien. Das finde ich super. Allerdings sind die Osterferien auch meine letzten Ferien als FLA in Schottland. Das finde ich dann direkt weniger super. Ich bin noch knapp zwei Monate hier und habe das Gefühl, dass die Zeit mit der Geschwindigkeit eines ICEs an mir vorbei rast.

In der letzten Woche hatte ich gleich zweimal Besuch. Katharina, eine FLA, die in Südengland arbeitet und die ich beim Ambassador-Treffen in London kennengelernt habe, und Anja und Rebecca aus Deutschland. Katharina kam, als ich noch Schule hatte, aber zum Glück ist sie ja schon groß und konnte sich einen Tag alleine beschäftigen. Ich hatte vor den Ferien noch ein bisschen Stress, weil ich verschiedene Berichte und Präsentationen fertig machen und einen Text für den Schulnewsletter schreiben musste.
An Katharinas letzten Tag in Glasgow hatte ich dann aber frei und bin mit ihr ins West End gegangen. Das Wetter war wunderbar frühlinghaft und wir haben zugesehen, dass wir erstmal viel draußen gemacht haben. Ich habe den Kelvingrove Park neu entdeckt, nachdem ich im Winter gar nicht drin war. Das war wirklich schön. Später sind wir dann noch in die Hunterian Art Gallery und ins Kelvingrove Museum gegangen. Während ich die Art Gallery ja erst noch vor kurzen mit Amelie besucht hatte, ist es schon über ein halbes Jahr her, dass ich zuletzt im Kelvingrove Museum war. Im September hatte ich in der Ägypten-Abteilung ein Computerspiel entdeckt, bei dem man zwischen der Mumie und einem Talisman einen Weg mit Steinen legen musste (so ähnlich wie bei dem Spiel Carcassone) und dabei aufpassen, dass der Weg an keiner Seite offen ist - man bekommt natürlich immer Steine, die nicht passen, bzw. die verzweigen und jede Verzweigung muss entweder zugemacht werden oder zum Talisman führen. Die Seele soll nämlich durch das Talisman befreit werden oder so. Im September war ich zu doof für das Spiel und wollte nicht länger üben, weil Kinder hinter mir anstanden. Diesmal war das Museum leerer und ich hatte mehr Zeit. Ich habe es bis in den vierten Level geschafft und bin sogar in der Highscore-Liste gelandet. Es sind manchmal Kleinigkeiten, auf die man besonders stolz ist. ;-)

Kelvingrove Museum mit blühendem Baum
Kaum war Katharina abgefahren, kamen auch schon Rebecca und Anja. Das war ganz praktisch; ich musste die Gästematratze gar nicht wegräumen. Die beiden sind schon sehr Schottland-erfahren, aber hatten wenig bis gar nichts von Glasgow gesehen. Also habe ich versucht, ihnen in wenigen Tagen zu zeigen, dass Glasgow die schönste Stadt Schottlands ist: West End, Innenstadt, Central Station, der Ausblick vom Lighthouse, Kathedrale, Nekropolis, Clyde... Ich war ganz begeistert davon, meine Lieblingsorte im Sonnenschein zu sehen - die Sonne habe ich in letzter Zeit doch schmerzlich vermisst - und ich glaube, meinem Besuch hat es auch gut gefallen. Sie hatten natürlich auch ihre eigenen Ziele. Das Keksregal im Supermarkt zum Beispiel.

Am Karsamstag haben wir einen Ausflug in Richtung Süden gemacht. Gretna Green, Durham und the Angel of the North. Gretna Green ist die Marriage Capital des UKs. Im 18. Jahrhundert sind minderjährige Paare aus England, die ohne Erlaubnis der Eltern heiraten wollten, nach Gretna Green durchgebrannt, weil es in Schottland nicht nötig war, die Einwilligung der Eltern zu haben. Zu dieser Zeit war eine Eheschließung in Schottland gültig, solange das Eheversprechen vor zwei Zeugen ausgesprochen wurde. So konnte im Grunde jeder eine Eheschließung vornehmen. In Gretna Green war es meistens der Schmied, der "anvil priest", weswegen der Amboss auch das Symbol der Hochzeiten in Gretna Green wurde.  In Stolz und Vorurteil wird der Ort auch erwähnt, weil Wickham und Lydia dort vermutet werden. 
Mittlerweile ist das Örtchen ein Touristenziel, auch wenn da immer noch viele Leute heiraten. Um die berühmte Schmiede herum stehen süße weiße Häuschen und niedliche bis kitschige Skulpturen sowie ein Bogen, unter dem sich ganz viele Pärchen küssend fotografieren ließen.
Durham hatte ich schon mal besucht, aber diesmal hatten wir viel mehr Zeit. Außerdem war es hell als wir da ankamen. Rebecca, Anja und ich sind durch die Innenstadt geschlendert bevor wir zu Kathedrale gegangen sind. Die Kathedrale habe ich mir bei diesem Besuch auch viel genauer angesehen als beim letzten. Aber natürlich sind wir auch in den Kreuzgang gegangen, der aus den Harry Potter-Filmen bekannt ist. Wie im Alnwick Castle bekamen wir von unserem Reiseleiter Fotos, die wir mit der Architektur vor Ort ergänzen sollten. Wir hatten aber mehr Spaß daran, sie nachzustellen und Anja hat einen ganz tollen Snape hingekriegt.
Vom letzten Mal wusste ich ja noch, dass der Rasen verboten ist...

Snape erwischt Ginny und eine andere Schülerin ohne Schuluniform
Außerdem hatten wir Glück und das Chapter House war geöffnet. Professor McGonagalls Klassenzimmer. Normalerweise ist das geschlossen, aber das National Youth Orchestra machte in der ganzen Stadt für sein nächstes Konzert und ein Cello-Quartett spielte im Chapter House. Im November hatte ich durch das Fenster gelinst und gedacht, dass es wirklich wie das Klassenzimmer aussieht. Samstag fand ich es nicht mehr ganz so, vermutlich weil der Tisch und der Stuhl abgedeckt waren. Außerdem ist es merkwürdig, Cellisten im Verwandlungsklassenzimmer zu haben.
Im Gift Shop der Kathedrale habe ich außerdem geguckt, wie weit das Lego-Modell ist und sie sind ein ganzes Stück weiter gekommen. Ich fand es besonders toll, dass sie auch den Fußboden und die Orgel nachgebaut haben. Ich weiß nicht, ob mir das beim letzten Mal nicht aufgefallen ist, oder ob das auch neu war.
Der Angel of the North war nur ein Foto-Stopp und ich muss sagen, ich fand die Kelpies beeindruckender. Die Statue hat - laut Wikipedia - auch eine symbolische Bedeutung von wegen coal miners und der Übergang vom industriellen ins Informationszeitalter, aber ehrlich gesagt konnte ich das darin nicht erkennen. 

An Ostern waren wir drei in der St Mungo's Cathedral zum Gottesdienst. Das fand ich auch sehr schön. Der Pfarrer hat über die drei verschiedenen Wörter gesprochen, die in der Ostergeschichte im Johannesevangelum für "sehen" verwendet werden. Einmal im Sinne von "wahrnehmen", dann "wahrnehmen und verstehen" und zum Schluss "wahrnehmen, verstehen und glauben". Letztes Jahr Ostern in Rom, dieses Jahr in Schottland... Ich muss sagen, dass mir der Gottesdienst hier in der Kathedrale besser gefallen hat, als der auf dem Petersplatz. Aber trotzdem, nach zwei Jahren ohne die bekannten Osterlieder muss ich nächstes Jahr wieder in Deutschland feiern. 

Aber mein Post heute heißt ja nicht nur "Besuche" sondern auch "Abschiede". Die Osterferien bedeuten auch, dass Die GETs wieder nach Hause müssen. Amelie also auch. Ich bin nicht gut im Verabschieden und zögere das immer gerne raus, vor allem, wenn es um die Verabschiedung von Leuten geht, die ich mag. Bisher musste ich nur die GETs verabschieden (abgesehen von meine Besuchern, aber das ist ja was anderes) und die habe ich dann einmal in den Arm genommen und "Gute Fahrt" gewünscht. Ganz so, als würden sie nur zum einwöchigen Osterurlaub an die Ostsee aufbrechen.
Von Amelie gab es einen Abschied auf Raten: Abschiedsessen mit den Kolleginnen (vor ihrer letzten Schulwoche), ein letzter gemeinsamer ISUK-Ausflug, Abschiedstrinken mit anderen GETs, Abschiedspubbesuch mit der Scottish Country Dance Society, letzter gemeinsamer Schultag mit Kuchenessen und gestern bin ich mit Amelie, ihrem Freund und ihrer Schwester nach Falkirk, Edinburgh und Stirling gefahren und abends in einen Comedy Club gegangen. Diesmal war es wirklich ein Abschied.
Ich war schon sowohl in Edinburgh als auch Stirling, aber Edinburgh ist immer wieder schön (ich werde sicher nochmal hinfahren) und es schien die Sonne. Bei meinem letzten Ausflug auf den Calton Hill in Edinburgh bin ich schon um das National Monument herum geschlichen und wollte eigentlich gerne drauf klettern, sah aber ein, dass ich das alleine nicht schaffen würde. Ich bin zu klein. Gestern waren wir aber zu viert da und Amelie und ihre Schwester haben mich hochgezogen, während Amelies Freund am Fuß des Denkmals assistierte. Zuerst habe ich micht etwas geziert, weil ich ziemlich Schiss hatte, nicht hochzukommen und mich endlos zu blamieren, aber dann hat es doch super geklappt. Auf der Royal Mile in Edinburgh war ich auch fast versucht, mir einen Koffer im Tartan-Muster zu kaufen, habe mich dann aber doch dagegen entschieden, weil ich fürchtete, dass er trotz des stolzen Preises von 50 Pfund nicht lange halten würde. Auch die Kelpies in Falkirk kannte ich schon, aber wir waren auch beim Falkirk Wheel, einem irren Schiffshebewerk, das wie ein Reisenrad mit nur zwei Gondeln funktioniert und Schiffe von einem höher liegenden Kanal in einen tiefer liegenden transportiert und umgekehrt.
Falkirk Wheel
National Monument in Edinburgh
Robert the Bruce sonnt sich in Stirling
Im Comedy Club trafen wir dann auch Sebastian und seine Freundin sowie einen schottischen Freund von Amelie und Sebastian. Der Abend im Club war lustig. Es traten einige Nachwuchs-Stand up Comedians auf, einige besser als andere und ein Typ aus Yorkshire, den ich gar nicht verstanden habe. Danach gab es einen längeren Auftritt von einem erfahreneren Comedian, der (männlich) einen ziemlich guten Beitrag über die Menstruation und darüber hielt, dass das NHS kostenlos Kondome verteilt, aber Binden und Tampons als Luxusgüter bezeichnet werden. Ich hatte sehr viel Spaß. Aber leider ging der Abend dann auch zuende und der endgültige Abschied nahte. Amelie sagte etwas wie "Lass von dir hören!" und andere Sachen, die normale Menschen zum Abschied sagen. Ich sagte: "Gute Fahrt!" Wie bereits erwähnt, ich bin nicht gut bei Abschieden. Aber ich hoffe auch darauf, dass wir es schaffen, uns in Deutschland mal zu besuchen.

Donnerstag, 2. April 2015

Hogwarts, Hogwarts, Hoggy Warty Hogwarts

Eigentlich müsste ich meinen Blog jetzt umbenennen, denn am Samstag war es Hogwarts. Ja, ihr habt richtig gelesen: Ich war in Hogwarts, habe das Schloss erkundet, mich in lange Roben geworfen, mit magischen Kräutern hantiert und fliegen gelernt. Ein durch und durch magischer Tag und ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist.

So und jetzt nochmal ausführlich: Am Samstag stand wieder eine ISUK-Tour auf dem Programm, diesmal ging es ins Alnwick Castle (wird übrigens Ahnick ausgesprochen), in dem Teile der ersten beiden Harry Potter-Filme gedreht wurden, so wie zum Bamburgh Castle. Beide liegen in Northumberland, England. Die Tour zum Alnwick Castle war schon einmal angeboten worden, aber an dem Wochenende konnte ich nicht und wartete nur darauf, dass es wieder die Gelegenheit gab, dahin zu fahren. Ende März waren die Chancen auf gutes Wetter auch recht groß. Keine Frage also, dass Amelie und ich dahin fahren würden. Hatte ich schon erwähnt, dass es nach Hogwarts ging?
Viertel vor acht an der Uni, um acht Uhr ging es los, das kennen wir ja mittlerweile schon. Ein bisschen schlafen im Bus, weil wir am Abend vorher mit unseren Kolleginnen essen waren, eine Kaffeepause nach etwa eineinhalb Stunden in Dunbar. Eigentlich wollten wir nur an einer Raststätte an der Autobahn halten, aber die war geschlossen. Wir hatten eine Dreiviertelstunde Aufenthalt in Dunbar, ein nettes Städtchen an der Küste, in dem es etwas windig war. Amelie und ich haben uns die Beine vertreten und haben uns dann einen Tee organisiert.



Wieder in Bus stieg die Spannung, der Reiseleiter war wieder eine Herausforderung, aber wir hatten Spaß und sangen auch bei den ABBA-Liedern mit. :-D Je näher wir Hog... Alnwick Castle kamen, desto größer wurde die Vorfreude. Wir bekamen eine Karte des Schlossgeländes, die sehr liebevoll gezeichnet war. Außerdem verteilte der Reiseleiter Fotos aus den Harry Potter-Filmen und gab uns die Aufgabe, die entsprechende Ecke des Schlosses zu finden.

Wir kamen in Alnwick an und das Wetter war toll. Amelie und ich entschieden uns, nicht direkt das Schloss zu stürmen, sondern erst ein Foto (oder zwei) von der Lion Bridge aus zu machen. Von dieser Brücke hat man eine gute Sicht auf das Schloss. Sie heißt Lion Bridge, weil der Gryffindor-Löwe ein Löwe auf der Mitte der Brücke steht.


Dann gingen wir zum Schloss und ja, ich habe es definitiv als Hogwarts wiedererkannt. Das Alnwick Castle ist (nach Windsor) der zweitgrößte Adelssitz Englands und gehört der Familie Percy (Percy ist diesem Fall der Nachname; es ist also mitnichten so, dass Percy Weasley Karriere im Zaubereiministerium gemacht und ein Schloss gekauft hat), den Earls und Dukes of Northumberland. Bereits im 11. Jahrhundert wurde an dieser Stelle ein Schloss gebaut, das damals aber noch von einer anderen Familie bewohnt wurde und von dem man heute nichts mehr sieht, weil es im 13. und 14. Jahrhundert komplett umgebaut wurde. Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurden viele Änderungen vorgenommen. Die ISUK fassen die Geschichte des Schlosses auf dem Itinerary folgendermaßen zusammen: "over 700 years of drama, intrigue, tragedy and romance". Das trifft es vielleicht besser ein als Abriss über den Rosenkrieg. ;-) Übrigens ist nicht nur Harry Potter im Alnwick Castle gedreht worden, sondern zum Beispiel auch der Robin Hood-Film mit Kevin Costner oder Elizabeth mit Cate Blanchett. Auch Downton Abbey hat mal einen Ausflug in das Schloss gemacht.
Wir betraten also Hogwarts und wandten uns zuerst einmal der Knight's Quest zu. An einer Statue von Sir Henry Percy vorbei gelangten wir ein einen Säulengang, der um einen Innenhof herum führte. Im Säulengang gab es verschiedene Aktivitäten, Gaukler, Alchimisten, Verkleidungen und einen Seifenstand. Unter der fachkundigen Aufsicht von den Professoren Snape und Sprout - oder vielmehr einem Mann und einer Frau in mittelalterlichen Gewändern - wählten wir vier Pflanzen aus, die die Grundlage unserer Seife bildeten. Ich hatte Rosenblätter, Lavendel, Kamille und Echten Eibisch, der auf Englisch im Volksmund Marshmallow genannt wird, weil die Süßigkeiten daraus bestehen, und den ich nur genommen habe, weil ich den Namen so lustig fand. Ich hätte noch Ringelblume, Minze und ein oder zwei andere Pflanzen wählen können. Wir zerkleinerten die Pflanzen in einem Mörser, was bei dem Wind gar nicht so einfach war. Die zerriebenen Blüten wurden dann mit Haferflocken vermischt und damit das Gemisch auch zusammenblieb, verkneteten wir es mit Pflanzenfett (im Mittelalter wurde Tierfett genommen, aber das wollte man den Kindern wohl nicht zumuten) und rollten kleine Kugeln. Die mussten noch ein paar Tage trocken, aber inzwischen könnte ich die Seife benutzen. Sie sieht eher aus wie Müslikugeln, aber riecht ganz anders. Auf dem Bild links sieht man Amelies Mischung.


Nachdem Amelie und ich uns die Hände gewaschen hatten, beschlossen wir, dass wir uns als nächstes als Prinzessinnen verkleiden wollten. Es gab viele schöne Kleider im Kleiderschrank und die beiden Frauen, die darauf aufpassten, halfen uns dabei, das passende auszuwählen. Auch wenn wir Kleider anhatten, waren wir Damsels ganz und gar nicht in distress und posierten mit den gefährlichen Drachen und den Kampfpuppen.



Die Drachen hatte uns dann auch Lust auf die Dragon Quest gemacht, ein kleines Gruselkabinett mit integrierter Geschichte über Kämpfe mit Drachen und einem Quiz für Kinder, bei dem wir schon nach der zweiten Frage wussten, dass das Lösungswort "Percy" sein musste. Trotzdem hatten wir viel Spaß in der Dragon Quest (es gab einen Gang mit rotierenden Totenköpfen und ein Spiegelkabinett inklusive einer Gollum-ähnlicher Figur).
Als wir auf der Knight's Quest kamen, liefen wir einer Hochzeitsgesellschaft (mit Dudelsackspielern!) über den Weg. Ja, in Hogwarts kann man heiraten, aber die Warteliste ist wohl sehr lang. Ich könnte mich jetzt schon mal eintragen... Wir liefen über die Grünflächen von Hogwarts und suchten nach den Teilen, die auf unseren Fotos zu sehen waren. Unterwegs kamen wir an der Besenflugstunde vorbei und beschlossen, die später auch zu besuchen. Außerdem gingen wir ins Fusiliers Museum, verließen das aber auch ganz schnell wieder und liefen in die Richtung der Gärten, weil uns ein sehr großes Baumhaus als Attraktion angepriesen wurde. Für die Gärten hätte man ziemlich viel Eintritt zahlen müssen und obwohl wir das Baumhaus schon beeindruckend fanden, war Hogwarts doch viel interessanter und wir gingen zurück zum Schloss. Dort entdeckten wir dann auch beide Filmkulissen von unseren Harry Potter Bildern. 




Ich wäre gerne noch in die State Rooms, also in die tatsächlichen Gebäude des Schlosses herein gegangen, aber dafür hatten wir keine Zeit mehr, denn wir wollten nicht zu spät zu unserer eigenen Flugstunde kommen. Zwei Mädchen kamen zu spät und wurden von dem strengen Fluglehrer zurecht gewiesen.
Der ganze Besuch in Hogwarts war ein einziges Highlight und ich fand viele der Aktionen richtig toll, deswegen ist es schwierig zu sagen, ob die Besenflugstunde tatsächlich der Höhepunkt des Tages war, aber ich hatte wirklich unheimlich viel Spaß und ich kam mir kein bisschen blöd dabei vor (Ja, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ihr mich für bescheuert erklären könnt).
Wir hatten zwei Lehrer, ich habe leider die Namen beider vergessen, aber der eine war ein ungarischer Weltmeister im Fliegen. Zu Beginn der Stunde mussten wir uns aufwärmen, d.h. das Ticket, mit dem die Teilnehmer beschränkt wurden, in der rechten Hand halten und diese am Handgelenk einklappen, die linke in die Seite stimmen und dann gleichzeitig mit dem Po, den Knien und den Augenbrauen wackeln. Die Lehrer wählten dann vier Leute (u.a. Amelie) aus, die uns die Aufwärmübung nochmal vormachen sollten. 
Dann wurden die Besen verteilt. Wir mussten in die Knie gehen, die Hände ausstrecken und den Besen auffangen. Um das zu demonstrieren, wurde eine Frau aus der Klasse ausgewählt (wir waren eine sehr heterogene Lerngruppe was das Alter angeht), die sich etwas ungeschickt anstellte und danach immer wieder von dem Lehrer aufgezogen wurde. Als alle einen Besen hatten, wurde uns gezeigt, wie wir den Besen besteigen sollten und uns gesagt, dass wir das auf eine angeberische Weise machen sollte. Dafür benutzte der Lehrer in Wort, das ich nicht kannte. Es war auch wohl ungewöhnlich, denn der Lehrer suchte ein williges Opfer, das ihm das Wort erklären sollte. Er fand mich. "Are your a student?" Ich musste mich neben ihn stellen und das Wort definieren. Joa, ich habe auf ganzer Linie versagt. Fünfzehn Punkte Abzug von Ravenclaw.
Endlich waren alle Formalitäten geklärt und wir durften fliegen (für die ohne Fantasie: über die Wiese laufen und "Wuuusch!" rufen). Wir mussten um die Lehrer herum fliegen und sollten "Good afternoon, Sir" sagen, wenn wir an einem von beiden vorbei kamen. Der nächste Schritt war eine Art Ochs am Berge. Wir flogen auf unseren Lehrer zu, wenn er "Go!" rief, und blieben bewegungslos stehen, wenn das Kommando "Stop!" lautete. Diejenigen, die noch wackelten, wenn der Professor uns ansah, mussten wieder zurück an den Anfang. Die Übung haben wir zweimal gemacht. Einmal mit akustischen und einmal mit visuellen Signalen. Im zweiten Durchgang gab es auch das Kommando wie ein Kaninchen zu hoppeln. 
Damit war die Flugstunde beendet und die Lehrer berieten, ob wir bestanden hatten. Wir hörten die Worte "horrible" und "fools", aber ich hatte doch ein ganz gutes Gefühl. Trotzdem war ich die Einzige, die bei der Ansage: "Nobody, not a single one of you has... failed!" gejubelt hat. Ehrlich gesagt, hatte ich schon damit gerechnet, dass zumindest die Frau, die der Lehrer zu Beginn auf dem Kieker hatte, nochmal in die Nachprüfung musste oder so. Und ich fand, dass so ein bestandener Flugschein schon ein Grund zum Jubeln ist. Die Freude meiner Klassenkameraden kam etwas verspätet. Vermutlich brauchten sie einen Moment, um ihr Glück zu fassen. Wir durften noch ein paar Fotos mit den Besen machen und bekamen ein paar Tipps, wir wie uns am besten beim Fliegen fotografieren können. 


Nach dem Fliegen hatten wir noch ein bisschen Zeit, um in den Gift Shop zu gehen, aber ich hätte gerne noch mehr Zeit gehabt. Wir hatten mit dreieinhalb Stunden ziemlich viel Zeit, aber es gab noch so viel mehr zu sehen. Ich wäre gerne noch ins Castle Museum gegangen und hätte gerne die Innenräume oder die Downton Ausstellung gesehen, aber wir wollten den Hogwarts-Express, der uns zurück nach Glasgow bringen würde, nicht verpassen. Die Zeit in Hogwarts geht immer so schnell vorbei.

Es ging aber nicht direkt zurück nach Glasgow, sondern wir fuhren noch zum Bamburgh Castle. Das Schloss war schon geschlossen, aber wir wurden durch die Dünen zu einem wirklich atemberaubenden Strand geführt. Ich weiß nicht, ob gerade Ebbe war, aber das Strand war sehr breit und erstreckte sich so lang wie das Auge reichte. Es war ziemlich windig, und der Sand wirbelte ein paar Zentimeter über den Boden. Ich war ein bisschen übermütig und bin mit nackten Füßen ins Wasser gegangen. Das war eisig, aber hey, ich war dieses Jahr schon im Meer! 

 


Mir hat der Strand sehr gut gefallen, aber ich wäre lieber noch etwas länger in Hogwarts geblieben. Nach Bamburgh ging es zurück nach Hause und dann wurde auch "500 Miles" abgespielt und mitgesungen. Mittlerweile kann ich es schon so gut wie auswendig. Vielleicht wäre es mal eine Idee, dass wir das Lied beim nächsten Mal ganz ohne Unterstützung von der CD singen.

Übrigens vielen Dank an Amelie, die ganz viele von den Fotos hier gemacht hat. Ich war von Hogwarts so geflasht, dass ich selber nicht so viele Fotos gemacht habe. Außerdem drehen Muggelgeräte in Hogwarts ja sowieso durch, weil so viel Magie in der Luft liegt...