Donnerstag, 21. Mai 2015

Abschied von den Highlands

Letzten Freitag war ich nochmal auf eigene Faust in Inverness und bin diesmal über Nacht bis Samstag geblieben. Als ich Samstagabend zurückfuhr, fiel mir auf, dass das die letzte Fahrt durch die Highlands während meiner Assistentenzeit sein würde und wurde etwas melancholisch. Glücklicherweise habe ich die zwei Tage in Inverness gut genutzt.
Am Freitag bin ich zuerst ein bisschen durch die Stadt geschlendert und habe zu meiner großen Begeisterung wieder einen Einhorn-Pfeiler entdeckt. Ich glaube, viel mehr als eine allgemeine Liebe zu Einhörnern, ist es einfach die Tatsache, dass das Einhorn das schottische Wappentier ist, die mich immer wieder ausflippen lässt, wenn ich ein Einhorn sehe.
Ich bin auch zum Castle gegangen, aber da sind irgendwelche Büro-Räume und das Gericht drin, deswegen habe ich es gar nicht erst versucht hineinzugehen. Vor dem Castle steht auch eine Statue von Flora MacDonald. Als die Jacobiter 1746 die Schlacht von Culloden nahe Inverness verloren, half Flora MacDonald Bonnie Prince Charlie zur Flucht. Ich hätte mir das Schlachtfeld von Culloden (auch eine wichtige Schlacht in der schottischen Geschichte) ansehen können, allerdings hätte ich dafür wohl am besten ein Auto gebraucht und dachte mir, dass das den Aufwand nicht wert sei.
Danach war im Inverness Musuem and Art Gallery und habe wieder viel Spaß mit den Kinder-Aktivitäten gehabt. Piktische Muster zeichnen, einen Mantel in der Mode des 14. Jahrhunderts anprobieren... Sowas eben. Im Erdgeschoss des Museums ging es vor allem um die frühe und mittelalterliche Geschichte Schottlands und das schottische Wildlife. 
Man durfte ausgestopfte Füchse, Dachse und andere Tiere anfassen. Das habe ich dann aber doch nicht gemacht. Ein bisschen irritierend fand ich auch, dass in den Glaskästen, die den Lebensraum der Tiere darstellten, auch Müll lag. Eine Getränkedose, kleine Plastikteile usw. Ich weiß nicht, ob das auf die Umweltverschmutzung aufmerksam machen sollte oder ob Museumsbesucher es geschafft haben, Müll in die Kästen zu werfen.
In der zweiten Etage habe ich gelernt, dass es ein Tree Alphabet gibt. Ich weiß nicht, wofür das nützlich ist, aber der Baum, der zum Buchstaben R gehört, ist Holunder (Elder im Englischen - ich frage mich, warum im siebten Harry Potter-Buch immer von Elder-Stab gesprochen wird, wenn es doch eigentlich Holunder sein sollte). Auf dem Schild wurde extra erwähnt, dass Holunder häufig mit Magie verbunden wird. Passt also.
Der Kunstteil des Museums beschäftigte sich mit Kurzfilmen, die ich übersprungen habe. Stattdessen bin ich direkt in die Abteilung gegangen, die sich mit Leben und Identität in den Highlands beschäftigte. Es wurden einige Gegenstände aus dem Alltag in Inverness zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ausgestellt. Außerdem gab es Tafeln, die sich mit Liedern, Legenden und Traditionen beschäftigten und zu dem Schluss kamen, den ich schon aus der Uni kannte: Viele Traditionen sind invented traditions und gar nicht so alt wie wir denken.
Als ich aus dem Museum kam, regnete es so stark, dass ich mich entschied, wieder in den schönen Secondhand-Buchladen zu gehen, in dem ich schon bei meinem ersten Besuch in Inverness war. Ich habe den Laden mit drei Büchern wieder verlassen.
Danach habe ich im Hostel eingecheckt. Leider hatten die Leute vor mir ihren Schlüssel nicht abgegeben, deswegen bekam ich keinen. Zum Glück war abends eine andere Frau an der Rezeption, die mir den Schlüssel der Putzfrauen gab, sonst wäre das sehr blöd geworden. Ich habe mich kurz ausgeruht und mich dann wieder auf den Weg gemacht (so einladend war das Zimmer nicht).
Ich bin am Fluss Ness spazieren gegangen, bis anfing zu regnen und ich zurück ins Hostel gegangen bin. Es war noch früh, aber ich war schon müde und fand es ganz nett, alleine im Zimmer zu sein. Ich habe gelesen und ziemlich früh (für meine Verhältnisse) geschlafen. Die Ankunft der zwei Tamilen, die mit mir im Zimmer waren habe ich noch mit bekommen, aber den vierten Zimmermitbewohner habe ich erst am nächsten Morgen kennengelernt.

Der nächste Morgen begann auch viel zu früh. Um Viertel nach fünf wurde ich zum ersten Mal wach, weil jemand aufstand, seine Sachen packte und ging. Eine Weile später wurde gequatscht und jemand versuchte, das Schließfach im Raum zu nutzen. Und um acht sagte der vierte Mann, ein ca. 50-jähriger Alt-Hippie, zu mir: "Are you STILL sleeping?" Ich war kurz davor zu antworten: "It is f*cking eight o'clock on a f*cking Saturday morning. What do you think I'm doing?!" Ich habe mich damit begnügt, ihn darüber zu informieren, dass ich mittlerweile wach sei und die Rezeption und Küche doch eh erst um acht aufmachten. Er sagte, es gäbe aber auch schon im Gemeinschaftsraum Kaffee, und erzählte mir von seiner Thailand-Reise, bei der er immer umsonst im Tempel gegessen habe. Ich tat so, als hörte ich zu und war sehr froh, als er den Raum auf der Suche nach Kaffee verließ. Ich beschloss, nicht im Hostel zu frühstücken und setzte mich in ein Café. Durch das Fenster konnte ich Inverness erwachen sehen. Es ist ja nicht so, dass dort derartig der Bär steppen würde, dass man unbedingt morgens um sechs aus dem Bett springen muss...
Ich bin wieder ein bisschen durch die Stadt gewandert, habe mir den Victorian Market (eine schöne Markthalle aus dem 19. Jahrhundert) und die Kathedrale angesehen und dann mit dem Bus zum Urquhart Castle gefahren. 
Als ich ganz neu in Glasgow war, meinte meine deutsche Mitbewohnerin (mit der ich nur zwei Wochen zusammen gewohnt habe), bis zum Ende meine Assistentenzeit würde ich so oft zum Urquhart Castle fahren, dass es mir irgendwann zum Hals raushinge. Nun ja, ich war jetzt zum ersten Mal. Es ist eine Burgruine direkt am Loch Ness. Schon zum St Columbas Zeiten (6. Jahrhundert) hat ein Pikten-Oberhaupt an dieser Stelle gewohnt und wurde auf dem Sterbebett von St Columba zum Christentum konvertiert (laut der Legende). Im Mittelalter war die Stelle am Ufer des Lochs ein strategisch wichtiger Punkt. Es wurde eine Burg gebaut, die durch verschiedene Hände gegangen ist; nach der Schlacht von Culloden gehörte sie auch zwischendurch den Engländern. Im 16. Jahrhundert hat der MacDonald Clan bei einem Raubzug das Schloss komplett leer geräumt (als ich das gelesen habe, erinnerte ich mich, dass uns im Schottlandseminar erzählt wurde, dass die Clans sich gerne gegenseitig die Rinder geklaut haben). 1690 wurde das Castle aufgegeben und in die Luft gejagt, damit die Jacobiter nicht einziehen konnten.
Samstag war wieder so ein four-seasons-in-one-day-Tag. Innerhalb der zwei Stunden, in denen ich da war, haben Regen und Sonne sich sicher dreimal abgewechselt. Aber dafür habe ich sowohl Fotos vom Loch Ness in der Sonne als auch im Dunst machen können. Und weiterhin habe ich kein Anzeichen von Nessie gesehen...




Ich bin nach Inverness zurückgefahren und hatte eigentlich zu viel Zeit übrig. Um die Zeit zu nutzen, bin ich noch einmal durch die Stadt gebummelt, habe dann aber entschieden, mich einfach in den Busbahnhof zu setzen und zu lesen.


Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein Wochenende mit dem National Trust

Die letzte Woche war komisch. Durch einen Bank Holiday und eine britische Version des pädagogischen Tags hatte ich nur zwei Tage Schule. Ich habe zwar viel Zeit des langen Wochenendes für meine Bewerbung für das Referendariat genutzt - und musste dafür sogar noch Edinburgh zum Konsulat fahren, um mir eine, nennen wir es, Identitätsbescheinigung für den Antrag auf das polizeiliche Führungszeugnis ausstellen zu lassen (was für ein Spaß, aber immerhin habe ich dafür die Station Haymarket kennengelernt, bei der ich dank Ian Rankin und meiner Staatsarbeit immer daran denken muss, dass "getting off at Haymarket" (angeblich) Edinburgher Slang für Coitus interruptus ist...) - aber ich habe mir auch ein paar Häuser des National Trust for Scotland angesehen. Uff, entschuldigt bitte den Bandwurm-Satz.
Kurz vor meinem 26. Geburtstag bin ich schnell dem National Trust und Historic Scotland beigetreten (damit ich noch den Studententarif bekomme). Beides sind Organisationen, die sich für die Erhaltung historischer Gebäude und die Denkmalpflege einsetzen. Bisher habe ich meine Historic Scotland-Mitgliedschaft viel mehr ausgenutzt, weil ich finde, dass die die interessanteren Gebäude haben (viele der Sachen auf Orkney, die Schlösser in Edinburgh, Stirling und Urquhart etc.), aber ich wollte meine National Trust-Mitgliedschaft nicht ungenutzt lassen und eins der Häuser, das Tenement House in Glasgow, wollte ich schon seit meiner Ankunft hier sehen. Leider ist der National Trust ziemlich streng, was das Fotografieren angeht und ich konnte kaum Fotos machen.

Ein Tenement House ist ein Mietshaus. Die meisten tenements in Glasgow stammen aus dem 19./20. Jahrhundert, als die Bevölkerung in Glasgow (und Edinburgh) aufgrund der Industrialisierung boomte. Sie sind aus schönem roten oder gelben Sandstein, was zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aber keine Rolle gespielt haben wird, weil die Luft in Glasgow so dreckig war, dass alles schwarz gefärbt wurde. Es gab sie in zwei Varianten: Küche mit Bettnische für Arbeiterfamilien oder die Luxusvariante mit einem oder zwei Räumen plus Küche für die Mittelklasse. 
Das Tenement des National Trust ist eine dieser Luxusvariante - es hat sogar ein eigenes Bad in der Wohnung. Es wurde von Agnes Toward und ihrer Mutter bewohnt. Das Großartige an der Wohnung ist, dass ihre  Bewohnerin alles aufgehoben und kaum Sachen in der Wohnung geändert hat bis sie 1965 in ein Altenheim umziehen musste. Bis in die 1950er oder so hatte sie nicht einmal Gas in der Wohnung. Sie hat auf einem Kohleofen gekocht, obwohl sie sechs Tage die Woche gearbeitet hat und das mit der Kohle sicher länger gedauert hat als mit Gas. Die Wohnung zeigt also ziemlich gut das Leben der Glaswegian Mittelklasse zu  Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Mini-Ausstellung sowie einen kleinen Shop, aber die eigentliche Wohnung liegt im ersten Stock. Man muss klingeln und wird von einem Mitarbeiter vom National Trust reingelassen. Als ich da war, war die Bude ziemlich voll mit schätzungsweise zehn bis fünfzehn Besuchern und drei Damen vom National Trust, die über das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts plauderten und sogar mir sagten, dass ich, wenn ich weitere Geschichten wüsste, die gerne beisteuern könnte. Das konnte ich zwar nicht, aber dafür wurde mir der Kohleofen erklärt, mir  erzählt, dass Agnes Toward und ihre Mutter einen Untermieter hatten, damit sie sich die Wohnung leisten konnten und selten im Salon waren, um so Heizkosten zu sparen. Irgendwie fragt man sich dann schon, warum sie nicht direkt die Variante genommen habe, die aus Küche mit Bettnische bestand... Vermutlich hätten sie dort das Klavier nicht unterbringen können und das war eins der wenigen Hobbies Agnes Towards.

Einen Tag später habe ich mich auf den Weg in den Pollok Country Park gemacht, den mir Hélène schon stark ans Herz gelegt hatte, und habe mir da auch das Pollok House angesehen. Was für ein Kontrast zum Tenement House! Es ist ein Adelshaus und laut dem National Trust Schottlands Antwort auf Downton Abbey. Abgesehen von alten Möbeln und einem Scrapbook aus dem 18. oder 19. Jahrhundert (ich will übrigens auch ein Scrapbook von Schottland machen, wenn ich zurück komme) konnte ich viele viele Bilder von Goya, El Greco und anderen spanischen Künstlern sehen. Besonders hervorgehoben wurde ein Bild El Grecos, das eine junge Frau mit einem Pelzkragen zeigt. Man ist sich nicht sicher, wer die junge Frau auf dem Bild ist. Die Spekulationen gehen von El Grecos Tochter bis hin zu der spanischen Prinzessin. aber völlig abgesehen von der Frage, wer auf dem Bild abgebildet ist; die größte Überraschung ist vermutlich, dass sich in einem nicht so wichtigen schottischen Haus eine beträchtliche Sammlung spanischer Kunstwerke befindet. Aber einer der Bewohner des Hauses war einer der ersten schottischen Kunsthistoriker, der sich mit Spanien beschäftigt hat und deswegen auch eine Sammlung Gemälde verschiedener Künstler angelegt hat.




Die Gärten des Pollok Houses sind auch toll. Leider waren einige Blumen schon ab- und die nächsten noch nicht aufgeblüht, aber ich fand die Anlage trotzdem sehr schön. Wenn ich Glück gehabt hätte, hätte ich auch Shire Horses sehen können. Die Frau im Pollok House hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Leider standen die Pferde nicht auf der Weide. Dafür habe ich sehr  viele Highland Cows gesehen. Der ganze Pollok Park scheint von ihnen bevölkert zu sein. Das ist schon verrückt. Da haben Amelie und ich uns so verrückt gemacht, auf den ISUK-Touren Highland Cows zu sehen und hätten einfach nur in einen Park in Glasgow fahren müssen... Wer hatte gedacht, dass es so einfach sein könnte?


Da aller guten Dinge drei sind, habe ich am letzten Wochenende noch ein drittes Gebäude des National Trusts besichtigt. Es ist das Hill House in Helensburgh, das von Charles Rennie Mackintosh, Glasgows Lieblingsarchitekten (ich hatte ihn im Oktober schon mal erwähnt) und seiner Frau entworfen wurde. 
Von außen sieht es nicht besonders aus und ich hatte ja schon mal gesagt, dass ich seine Möbel äußerst unpraktisch finde. Mal im Ernst: Was bringt die ein Schreibtisch, der wie ein Triptychon aufgebaut ist und ein japanische Frau im Kimono zeigt, wenn man die Schreibfläche erstmal suchen muss? Was mir aber gut gefallen hat, war eine Art Alkoven, der ein bisschen wie ein Schiff aussah und bei den Kindern, die in dem Haus gelebt haben (verständlicherweise) sehr beliebt war. Außerdem fand ich die Überlegung, die Kinderzimmer nach Osten auszurichten, weil die sowieso morgens schon früh auf den Beinen sein und so das Morgenlicht ausnutzen konnten, sehr logisch. 
Helensburgh an sich ist eine kleine Stadt am Firth of Clyde. Als ich mit der Bahn ankam, dachte ich mir: "Schön ist anders", aber ich glaube, das lag vor allem an der Nachbarschaft des Bahnhofs. Von einer genaueren Erkundung des Orts habe ich aber abgesehen, weil es mal wieder regnete und ich keine Gummistiefel anhatte.

Außerdem habe ich an dem Wochenende zwei Sachen gemacht, die nicht National Trust-bezogen waren. Zum einen war ich im Glasgow Police Museum (ja, was es nicht alles gibt). In einem Raum wird die gesamte Geschichte der Glasgow City Police von 1779 bis 1975 (als sie mit der Strathclyde Police verschmolz) dargestellt. Zunächst bestand die Polizei nur aus einer Art Patrouille oder Nachtwächtern, aber - so berichtete der Museumsführer mit Stolz geschwellter Brust - diese Notwendigkeit einer Polizei und die Einstellung der Constables geschah 50 Jahre bevor in London die Metropolian Police gegründet wurde. Man muss auf jeden Vorsprung den Engländern gegenüber stolz sein, wie es scheint. 
Zuerst hatte ich den Eindruck, das Museum würde jeden einzelnen Fall, den die Polizei je aufgeklärt hat, beschreiben, aber ganz so ausführlich war es dann doch nicht. Man konnte sich verschiedene Schlagstöcke und Uniformen der Polizei im Wandel der Zeiten ansehen. Außerdem gab es Fotos von frühen Police Boxes (Tardis ;-)), wichtigen Polizisten und den ersten Frauen bei der Polizei, die zuerst nur für Verbrechen, in die Frauen oder Kinder irgendwie verwickelt waren, oder für den Begleitschutz von Frauen und Kindern zuständig waren. Einige bekannte Verbrechen wurden auch dargestellt. Darunter war der Bibel John-Fall, der in Ian Rankins Black and Blue erwähnt wird (Über das Buch haben eine Kommilitonin  ich im Schottland-Seminar an der Uni ein Referat gehalten. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich später nochmal von Bible John lesen würde.)

Die andere Nicht-National-Trust-Aktion war das Katzenjammerkonzert im Òran Mór (der Pub, der mal eine Kirche war und der auch einen Club im Keller - oder sollte ich Krypta sagen? - hat). Ich war zwar bei meinem Heimatbesuch im März bei einem Konzert in Bielefeld, aber das Òran Mór-Konzert konnte ich mir schon allein wegen der Venue nicht entgehen lassen. Außerdem stellte ich fest, dass der Rahmen des Konzerts sehr viel kleiner war die in Deutschland, was sehr schön war. Wenn man von den zwei Betrunkenen absieht, die immer mal wieder reingerufen haben, war das Konzert auch wirklich sehr schön. Mittlerweile kann ich mich auch zumindest mit einem Teil der neuen Lieder anfreunden, auch wenn ich die alten nach wie vor besser finde.
Nach dem Konzert bin ich mit ein paar Leuten, von denen ich zwei von Konzerten in Deutschland kannte, noch was trinken gegangen. Wir waren in einem Irish Pub im West End, wo noch Live Musik gespielt wurde und wo wir eine Irin getroffen haben, die die langen Haare eines der männlichen Mitglieder unserer Gruppe sehr toll fand (und unbedingt anfassen musste) und uns alle zum tanzen aufforderte. Muss ich erwähnen, dass sie ziemlich angetrunken war? Ich fand es sehr amüsant. Alles in allem ein sehr gelungener Abend und ein gelungenes Wochenende.

Dienstag, 12. Mai 2015

Harry Potter und die Versammlung der Botschafter

Am ersten Mai-Wochenende war ich wieder in London. Die FLA/ ELA Ambassadors haben sich getroffen, um über ihre Projekte zu sprechen und die Zeit als Botschafter zu evaluieren. Meine Projektpartnerin Amy und ich wurden sogar gefragt, ob wir unser Projekt als Beispiel für eins der besonders Gelungenen vorstellen wollten. Das hat uns sehr gefreut. Ich hatte vorher gar nicht das Gefühl gehabt, dass unser Projekt so herausragend war. Wir haben viel positives Feedback bekommen und nachdem, was ich von anderen Projekten gehört habe, hatten Amy und ich einerseits viel Glück mit unseren (Betreuung-) Lehrerinnen, die uns bei dem Projekt unterstützt aber nicht zu sehr bemuttert oder eingeschränkt haben, und haben andrerseits auch gut zusammengearbeitet.
Außer uns beiden haben noch fünf andere Projektgruppen vorgestellt. Die ersten vier haben am Freitag vorgestellt, die anderen beiden (dazu gehörten Amy und ich) am Samstag. So hatte ich genug Zeit, mir Gedanken zu machen, dass die bereits vorgestellten Projekte alle viel besser seien als unseres. Die restliche Zeit des Evaluationseminars haben wir in Kleingruppen darüber gesprochen, welche Probleme aufgetreten sind, wie wir die gelöst haben, wie nachhaltig unsere Projekte sind usw. Es war schön, die anderen wiederzusehen. Allerdings waren einige auch nicht mehr dabei. Ich weiß nicht, ob sie einfach keine Zeit hatten oder ausgestiegen sind.
Freitagabend war ich mit mehreren FLAs und ELAs was trinken. Es hat etwas gedauert, bis unsere große Gruppe sich entschieden hatte, wo wir hin wollten, aber letztendlich haben wir einen Pub gefunden. Eine Gruppe ELAs hat es sich einfacher gemacht und hat einfach Alkohol im Supermarkt gekauft. Wir fühlten uns aber zu alt, um wie Schüler auf Klassenfahrt heimlich irgendwo Alkohol zu trinken - wobei mich die Vorstellung, die Ambassador-Beauftragte von UK-German Connection würde wie die Lehrer Zimmerkontrolle machen, amüsiert hat. Aber wir haben es auch nicht übertrieben (wir sind ja vernünftig) und waren am nächsten Morgen wieder einsatzbereit.
Wir haben sogar so hart gearbeitet, dass wir kaum etwas von der Geburt der kleinen Prinzessin mitbekommen haben. Denise hatte mir morgens geschrieben, dass es so unfair sei, dass ich in London sei (und sie nicht), da doch die Geburt kurz bevor stünde. Meine Zimmermitbewohnerin und ich haben kurz darüber gescherzt, dass wir zum Krankenhaus gehen könnten, aber das war es dann auch. In der Tee-Pause machte es dann die Runde, dass Prince George eine Schwester habe. Alle holten ihre Handys raus. Bilder der rosa-angestrahlten Tower Bridge, der Seeleute der Royal Navy, die das Wort "sister" bilden und des BT Towers, der "It's a girl" verkündete, wurden herumgezeigt. Aber sonst? Nichts. Gut, die ELAs diskutierten direkt, ob man die Monarchie nicht abschaffen sollte, aber angesehen davon wurde die Geburt von Platz vier der britischen Thronfolge nicht erwähnt. Wir hätten doch wohl mal zum Buckingham Palace gehen und ein Gruppenfoto mit der Verkündigung machen können...
Eigentlich wollte ich mit ein paar anderen nach Ende des Seminars zur Tower Bridge. Angelina, Lena, Melanie und ich hatten beschlossen, am Sonntag in die Harry Potter Studios zu gehen. Also hatten wir Zeit. Allerdings wollten wir erst zum Hostel, um unsere Koffer wegzubringen, und bekamen dann von Katharina eine SMS, dass die Brücke mittlerweile nicht mehr angestrahlt wurde. Schade.
Ursprünglich hatte wir, die Harry Potter-Gruppe, Katharina und Elisabeth (die Gruppe, mit der ich im November Mockingjay gesehen habe), auch überlegt, uns ein Musical am Samstagabend anzusehen. Leider kamen wir mit der Planung nicht in die Pötte und haben keine Karten mehr bekommen. Im Endeffekt sah es dann so aus, dass Katharina und Elisabeth sich mit einer Freundin von Katharina trafen, Lena sich mit einer anderen FLA Matilda ansah und Angelina, Melanie und ich Karten für Miss Saigon kauften. Es handelt von einer Vietnamesin, die sich in den letzten Wochen des Vietnamkriegs in einen amerikanischen Soldaten verliebt und ein Kind von ihm bekommt. Sie werden aber durch den Abzug der Soldaten getrennt und er weiß nichts von seinem Sohn... Sehr dramatisch das Ganze. Aber die Sänger waren gut. Ab und zu hätte ich mir ein bisschen mehr geschichtliches Wissen über den Vietnamkrieg gewünscht. An einer Stelle war ich total verwirrt, es klärte sich aber alles durch einen Rückblick auf.

Sonntag ging es dann nach Hogwarts! Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten neun Monaten schon geschrieben habe. :-D Hogwarts ist an so vielen Orten. Die Harry Potter-Studios nehmen da nochmal einen besonderen Stellenwert ein, denn sie sind sozusagen die Essenz von Harry Potter (also der Filme). Aber andrerseits hatte ich in Alnwick Castle oder Durham eher das Gefühl, wirklich in Hogwarts zu sein. Die Studios sind riesige Hallen, in die Szenenbilder und Requisiten gestopft sind. Man kann den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, den Jungenschlafsaal, Dumbledores Büro, die Zaubertränke-Kerker und das Haus der Weasleys sehen. Überall stehen Statuen, Porträts und Puppen mit den Kostümen der Schauspieler. Die Zauberstäbe, der Feuerkelch, die Horkruxe, eine Tafel mit Quidditch-Taktiken, Umbridges Kätzchenteller, der Stein der Weisen und vieles mehr sind ausgestellt. Auf mich wirkten die Studios wie der Raum der Wünsche. Aber gleichzeitig werden die Filme entzaubert, wenn erklärt wird, wie bestimmte Szenen gedreht wurden, wie der computergesteuerte Seidenschnabel entstanden ist, und welche Tricks angewandt wurden, um Harry unsichtbar zu machen oder auf einem Besen fliegen zu lassen. Trotzdem fand ich die Tour toll. Es gab nur auch Abteilungen, die ich mich weniger interessiert haben.
Obwohl wir früh aufgestanden waren, kamen ziemlich spät in Euston am Bahnhof an und verpassten den Zeitpunkt, für den wir eigentlich die Führung gebucht hatte. Aber das war zum Glück kein Problem und wir konnten an der nächsten teilnehmen. Wir mussten ohnehin anstehen. Die Führung war aber gar nicht soooo spektakulär. Im Grunde war es ein Herzlich Willkommen und eine Erklärung, wie das Ganze aufgebaut ist und wie wir uns verhalten sollen. Es gab einen Film, in dem die Schauspieler erzählten, was die Studios für sie bedeuten und was es heißt, einen Film zu sehen. Zum Schluss gab es eine Überraschung, die ich hier natürlich nicht beschreiben werden und danach wurden wir in die große Halle geführt.
Dort waren zwei Haustische aufgebaut und verschiedene Hogwartskostüme aller Häusers und einiger Lehrer ausgestellt. Faszinierend fand ich, dass der Fußboden aus echten Steinen war und im Stil der mittelalterlichen Kathedralen gebaut worden ist. Die Gästeführerin sagte, dass die Setbauer wussten, dass diese Boden lange würde halten müssen und sich deswegen entschieden haben, etwas Dauerhaftes zu bauen und nicht irgendwelche weniger stabile Materialien zu nehmen, die man leichter aufbauen kann und die vermutlich billiger sind. Es gab keine verzauberte Decke oder fliegenden Kerzen, die wurden beim Filmen später digital ergänzt.


Ich kann nicht sagen, was mein Highlight des Studios Tour ist. Die Überraschung zum Beginn war schon ziemlich großartig. Genauso wie der Gryffindor Schlafsaal und Gemeinschaftsraum. Und Dumbledores Büro. Und der Fuchsbau... Über Knöpfe konnte man das Strick selber stricken und das Gemüsemesser selber schneiden lassen. Und im Regal waren Cheeri Owls!
Es waren viele Kleinigkeiten, die man im Film nicht unbedingt gesehen hat, die ich ganz toll fand. Im Gryffindorgemeinschaftsraum hängt ein Porträt der jungen Minerva McGonagall. Überhaupt waren die Porträts ganz toll. Ich habe mir da keine Gedanken darüber gemacht, dass die ja auch alle gemalt werden mussten. Einige der Abgebildeten waren Leute, die hinter den Kulissen am Film mitgewirkt haben.
Rons Bett
Der Schlafsaal war mit persönlichen Gegenständen der Jungen dekoriert. Ein Fußballschal und -fahne für Dean, Chudley Cannons Fanartikel und eine bunte Strickdecke für Ron. In Dumbledores Büro  konnten wir die Porträts der schlafenden Schulleiter und Schränke voller merkwürdiger Gegenstände bewundern. Das Büro konnte man tatsächlich betreten. Zumindest mehr oder weniger. Mit ein bisschen Fantasie war es tatsächlich so, als wäre man in seinem Büro - wenn die gesichtslose Puppe im Dumbeldore-Kostüm einen nicht auf so merkwürdige Art und Weise ohne Augen angestarrt hätte.


Young McGonagall







Tolle Details gab es auch im Zaubertränkeklassenzimmer, auch wenn man lieber nicht allzu genau wissen wollte, was sich in den Gläsern mit den eingelegten Tieren befindet, und den Ausbildungserlassen von Umbridge. Besonders schön fand ich "Boys must be seen to keep their hands on the outside of their school capes." Ohne Worte. Allerdings fand ich schon im Film die scheinbare Fixierung Umbridges auf "sexuelle" Handlungen etwas übertrieben. Ich glaube, sie hatte ganz andere Sachen zu beanstanden. Auch das Heuler-Verbot fand ich etwas out of character. Wenn Umbridge drakonische Strafen wie Sätze mit dem eigenen Blut schreiben gutheißt, sollte eine Demütung vor der ganzen Schule im Form einen schreienden Briefs ihr doch eigentlich gut ins Konzept passen. Vor allen, weil sie sich dann nicht die Mühe machen muss, den Brief vorher zu lesen. Außerdem fand ich den Glasschaukasten mit den für den Film angefertigten Schriftstücken faszinierend. Bücher, Zeitungen, Briefe... Was hätten wir nicht für eine Ausgabe des Tagespropheten gegeben! Aber vermutlich wäre der, genau wie die Karte des Rumtreibers, völlig überteuert gewesen. In dem Schaukasten konnte man auch Umbridges "Letter of Concern" über Harry an McGonagall lesen. Der war sowas von großartig: "I would like to bring to your attention the insolent behaviour in class of Mr Potter." und eine Auflistung seiner Vergehen. Ich habe keine Briefe gelesen, die meine Kolleginnen an die Eltern unserer Schüler schreiben, aber so in etwa stelle ich mir das vor. Das passt auch so gut zu dem, was einer der Regisseure über die Harry Potter Bücher gesagt hat; nämlich, dass sie trotz Drachen und Magie immer noch eine britische Schulgeschichte sind. Ich fand das beim ersten Lesen etwas herablassend und habe mich gefragt, warum er dann überhaupt als Regisseur für die Filme angefangen hat (es war entweder der vom fünften oder vom sechsten Film und dem habe ich eh nicht verziehen, was er aus den Büchern gemacht hat), aber irgendwie stimmt es ja schon. Ich kann doch recht viel Schulalltag aus meiner Schule mit Hogwarts verbinden (oder zumindest mehr als mit meinem eigenen Schulalltag in Deutschland) - auch wenn Hogwarts natürlich viel cooler ist - und dieser Brief zeigt das trotz rosa Katzenbriefpapier sehr gut.

Für die Snape-Fans und Slytherins unter euch

Ein weiteres Highlight war natürlich auch der Hogwartsexpress. Ja, der Zug wurde ausgestellt! Es gibt immer einen wechselnden Teil der Ausstellung und wir haben eben den Hogwartsexpress gesehen.
Eigentlich wollte ich schon in Kings Cross ein Foto am Gleis 9 3/4 machen, aber mittlerweile machen die das Foto da professionell und man muss 10 Pfund bezahlen. Das habe ich nicht eingesehen, zumal ich ja auch eins aus den Anfangszeiten habe. Allerdings hätte ich gerne eins mit meinem Ravenclaw-Schal gemacht. In den Studios hatten sie auch Gepäckkarren in einer langen Reihe in der Wand stecken und Leute, die Fotos von einem machen. Ich habe auch eins von mir machen lassen, aber ein Foto kostet 12 Pfund. Vier bekommt man für 24, aber auch das fand ich extremst übertrieben. Zum Glück hat Melanie auch ein Foto von mir am Gleis gemacht, auch wenn ich nicht in ihre Richtung gucke.
Der Hogwartsexpress beendete den ersten Teil der Ausstellung. Als wir dort fertig waren, hatten wir schon drei oder vier Stunden in den Studios verbracht. Wir stärkten uns mit einem Sandwich und Butterbier, süßer Eischnee auf einer Art Apfelschorle. Butterbier ist überhaupt nicht empfehlenswert und ich bezweifele ernsthaft, dass das auch nur irgendwie an JKR Idee ran kommt. Es fängt schon damit an, dass es nicht heiß ist.
Nach dem Essenstop gab es ein paar Ausstellungsstücke draußen u.a. den fahrenden Ritter und die Brücke, auf der Harry und Lupin über Lily sprechen. Für ein Gruppenfoto stürmten Melanie, Angelina und ich fröhlich die Brücke und wurden von einer Aufseherin zurecht gewiesen, weil wir durch den Ausgang reingegangen waren. Ups. Die lustigsten  Fotos draußen sind aber im Ford Anglia und auf Hagrids Motorrad samt Beiwagen entstanden.


Eine Attraktion, die auf jeden Fall ein heißer Favourit für das ultimative Highlight des Ausflugs hat, ist die Winkelgasse. Das Schöne an ihr ist, dass man tatsächlich durchlaufen kann. Bei vielen anderen Orten wie dem Fuchsbau, Hagrids Hütte oder dem Schlafsaal kann man nur hinter einer Absperrung stehen und reingucken. In der Winkelgasse konnten wir tatsächlich zwischen den Läden her spazieren und die Schaufenster betrachten. Das war unheimlich cool. Die Geschäfte konnte man nicht betreten, aber das wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Ich habe mich vor Flourish & Blotts fotografieren lassen und habe dann festgestellt, dass nur Lockhartbücher im Schaufenster liegen... Die Apotheke informiert darüber, dass der Handel mit Einhornblut illegal ist und Weasleys Zauberhafte Zauberscherze ist natürlich auch ein Hingucker.


Nachdem wir die Winkelgasse hinter uns gelassen hatten, kamen wir in Räume, in denen die Planungen ausgestellt waren. Skizzen und Modelle der Gebäude und gemalte Bilder, mit deren Hilfe Filmszenen geplant wurden. Manche fand ich besser gelungen als die eigentliche Szene. Außerdem gab es ein niedliches Bild von einem Plüschtier-Hippogreifen.
Den Schluss der Ausstellung bildet ein sehr großes Modell von Hogwarts. Es ist "nur" ein Modell, aber die Stimmung im Raum war toll und deswegen ist das auch ein Highlight-Anwärter. Zuerst ist man allein von der Größe des Modells fasziniert. Dazu gibt es eine ruhige Musik und es wird abwechselnd Tag und Nacht. Bei Nacht leuchten kleine Lämpchen an den Wegen. Ich hatte Gänsehaut. Es war auch einfach so toll, Teile von Hogwarts nicht nur aus den Filmen sondern auch von den Drehorten wiederzuerkennen. Den Kreuzgang der Durham Cathedral habe ich sofort entdeckt und nach kurzer Suche auch Alnwick Castle. Das Film-Hogwarts existiert komplett ja nur als Modell, weil es in vielen verschiedenen alten Gebäuden gefilmt wurde.



Unser Besuch endete im Souvenirladen. Wo sonst? Ich habe mich aber zurückgehalten und mir kein T-Shirt gekauft. Ich war versucht, aber Ravenclaw hat im Film die falschen Farben, ein anderes Haus wollte ich nicht, die Pixies waren mir zu verspielt und irgendwie habe ich es bezweifelt, dass ich tatsächlich in einem Chudley Cannons T-Shirt herumlaufen würde. Ein T-Shirt hat mir ziemlich gut gefallen. Es war schwarz mit einem roten Thestral (ja, etwas merkwürdige Farbwahl) und Lunas Zitat, dass Harry genauso wenig verrückt wie sie selber ist. Aber das T-Shirt gab es nur noch in S und damit hatte sich die Überlegung ganz schnell erledigt. Aber ich habe mir eine tolle Ravenclaw-Tasse und Postkarten gekauft.

Mein Zug nach Glasgow fuhr um zehn vor elf zurück. Die anderen haben noch lange mit mir am Bahnhof gewartet und ich war nicht sehr lange alleine, bis ich einsteigen konnte. Die Rückfahrt war allerdings eine Katastrophe. Ich hatte einen reclining chair im Nachtzug gebucht, konnte aber kaum schlafen, weil es kalt und unbequem war. In Edinburgh wurden wir morgens um sieben vor die Wahl gestellt, umzusteigen oder eine halbe Stunde Verspätung in Kauf zu nahmen (zusätzlich zu der Zeit, die wir planmäßig im Bahnhof rumstehen würden) und ich habe mich fürs Umsteigen entschieden. Ich dann letztendlich sogar eine Viertelstunde früher in Glasgow als ich ohne Verspätung mit dem anderen Zug gewesen wäre. Ich war total zerschlagen und am Ende, aber das war es definitiv wert.

Donnerstag, 30. April 2015

Ein Ort voller Geschichte

Nach den Osterferien stellte ich fest, dass ich nur noch sechs Wochen in Schottland sein würde. Diese Zeit muss natürlich sinnvoll genutzt werden. Deswegen war ich letzte Woche Freitag in Stirling. Ich war zwar schon zweimal da, aber habe es beide Mal nicht geschafft, das Wallace Monument und das Castle zu besuchen.
In früheren Zeiten war Stirling die Hauptstadt von Schottland und zwei wichtige Schlachten in der schottisch-englischen Geschichte fanden in oder nahe Stirling statt. Die Schlacht von Stirling Bridge (1297) und die Schlacht von Bannockburn (1314). Beide Male waren die Schlachten mit den schottischen Unabhängigkeitskriegen verbunden und beide Schlachten wurden von den Schotten gewonnen.
Stirling Bridge
In der Schlacht von Stirling Bridge hat sich William Wallace besonders hervor getan. Rein zahlenmäßig hätten die Engländer gewinnen müssen. Aber die Taktik der Schotten war besser. Die Engländer überquerten die Stirling Bridge, um zum Schlachtfeld zu kommen, aber anstatt dass die Schotten dort auf die Engländer warteten, fingen die Schotten an, sie auf der Brücke zu bekämpfen und ihnen den Rückweg abzuschneiden. Außerdem war mit den Pferden auf sumpfigen Gebiet nicht so viel anzufangen. Die Engländer, die die Brücke noch nicht gesehen hatten, sahen ein, dass sie nicht gewinnen konnten und zogen sich zurück. William wurde zum Guardian of Scotland ernannt. Später hat ihn aber der englische König Edward I. gefangen genommen und wegen Hochverrat ziemlich ausführlich hingerichtet. Eine Schülerin der P5 erklärte es mir vor Ostern folgendermaßen: "They tortured him and then they hung him. And because he wasn't dead, they chopped off his head. And then they sliced his stomach and took out all the stuff inside while he was still alive so he could see himself die. Well... of course that was before they cut his head off..." ("Sie folterten ihn und dann erhängten sie ihn. Und weil er noch nicht tot war, haben sie seinen Kopf abgehackt. Und dann haben sie seinen Bauch aufgeschlitzt und die Innereien rausgenommen, während er noch gelebt hat, damit er sich beim Sterben beobachten konnte. Nun... das war natürlich bevor sie seinen Kopf abgehackt haben..."). Denjenigen, die Braveheart gesehen haben, wird das Ganze bekannt vorkommen.
Die Stirling Bridge steht noch und ich bin darüber gegangen. Bannockburn habe ich aber nicht besucht. Als ich mit Amelie, ihrer Schwester und Freund in Stirling war, sind wir daran vorbei gefahren, aber wir sind nicht ausgestiegen. Der Anführer der Schotten in dieser Schlacht war Robert the Bruce. Sein Denkmal ist natürlich in Bannockburn.
Außerdem hat Stirling neben London (Westminster Abbey) die einzige noch erhaltene Kirche, in der Königskrönungen stattgefunden haben und zwar die Church of the Holy Rude. Ja, genau, das ist die Kirche, bei der ich mich im November-Stirling-Post darüber aufgeregt habe, dass sie meinen Namen nie richtig schreiben. ;-) James VI. von Schottland (Sohn von Mary Stuart) wurde dort im Kindesalter gekrönt.

Genug mit der Geschichte, zurück zu meinem Ausflug. Amelie hatte mir vom Wallace Monument erzählt und dass man von dort eine gute Aussicht habe. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Die Tage vorher hatten wir richtig tolles Wetter, aber dann meinte eine Frau beim Zumba, dass es am Wochenende schlechter werden sollte. Ich guckte mir die Wettervorhersage an und weil das Wetter am Freitag besser sein sollte am Samstag entschied ich mich für Freitag - und fühlte mich hinterher veräppelt, weil es Samstag sehr viel schöner war. Am Freitag war es nicht direkt schlecht, aber recht bewölkt.
Am Bahnhof in Stirling angekommen, nahm ich den Bus zum Monument. Netterweise stand auf einem Plakat, welche Busse man dorthin nehmen konnte. Leider wusste ich, erstmal im Bus,  nicht, wo ich aussteigen sollte. Das altbekannte Problem. Wenn man nicht weiß, wie der Zielort aussieht, ist das Aussteigen wie Lotto spielen. Ich sah irgendwann das Wallace Monument und dachte, wir würden noch näher ran fahren, aber dann war es außer Sicht. Ich weiß nicht, ob der Bus vor der Endhaltestelle nochmal eine Schleife gedreht hätte und bin ausgestiegen und das Stück zurück gelaufen. Dass die hier auch keine Busfahrpläne in den Bussen haben und die Haltestellen vernünftig anzeigen!
Das Wallace Monument ist ein Turm auf einem Hügel. Am Fuß des Hügels kauft man die Eintrittskarte und kann dann entweder mit einem kleinen Bus hochfahren oder laufen. Ich bin gelaufen und habe die Strecke in zehn anstelle der angekündigten fünfzehn bis zwanzig Minuten gebraucht und fühlte mich toll.






Man kann den Turm besteigen. Eine enge Wendeltreppe mit läppischen 294 Stufen führt bis in die Krone. Zum Vergleich: Der Südturm des Kölner Doms hat 533 Stufen. Etwas anstrengend ist das Wallace Monument natürlich auch und man muss immer die Luft anhalten, wenn einem jemand auf der Wendeltreppe entgegen kommt. Auf einem Schild zu Beginn der Treppe steht "Bitte rechts halten" und ich dachte mir nur: "Soll ich auf einem Bein die Stufen hoch hüpfen?" Das Gute ist aber, dass drei Ausstellungsräume über die Höhe des Turms verteilt sind. Da kann man sich, wenn man vom Treppensteigen außer Atem ist, etwas ausruhen und sich informieren oder auch den Gegenverkehr ausweichen. Der erste Raum widmet sich der Geschichte der Schlacht von Stirling und man erfährt dort ungefähr das, was ich weiter oben geschrieben habe. Außerdem gibt es ein Video, in der sich William Wallace mit, ich glaube, Andrew de Morag, dem eigentlichen Heerführer der Schlacht, unterhält.
Andúril! Ups, das ist eine andere Geschichte
Im zweiten Raum wird die Frage gestellt, was eigentlich ein Held ist. Man kommt zu dem unglaublichen Schluss, dass das eine Frage der Perspektive ist. Es werden Büsten verschiedener (schottischer) Helden ausgestellt u.a. Robert Burns, Sir Walter Scott, John Knox und William Ewart Gladstone. Insgesamt habe ich festgestellt, dass die meisten dieser Helden aus dem 18. und 19. Jahrhundert kamen. Ich glaube, nur zwei stammten aus früheren Jahrhunderten. Außerdem kann man ein Schwert sehen, das angeblich William Wallace gehört hat. Das ist größer als ich!

Der letzte Raum informiert über den Bau des Denkmals. Es wurde im 19. Jahrhundert gebaut. Der erste Entwurf zeigte einen schottischen Löwen, der einen englisches Typhon (ein schlangen-/ drachenartiges Wesen aus der griechischen Mythologie), wurde aber abgelehnt, weil es dann doch zu anti-englisch war. Das Wallace Monument ist größer als das Scott Monument in Edinburgh, aber kleiner als die Freiheitsstatue (die wiederum kleiner als Big Ben ist). Und apropos Edinburgh: Sowohl Edinburgh als auch Glasgow hätten gerne das Wallace Monument gehabt. Stirling war dann ein Kompromiss zwischen den beiden Städten. Außerdem  ist die Tatsache, dass die Battle of Stirling Bridge in Stirling stattgefunden hat, natürlich ein starkes Argument.
Die Krone des Monuments ist bei zu viel Wind geschlossen, aber ich hatte Glück und konnte von dort die Aussicht genießen.

Stirling Castle auf dem Hügel
Mein zweites großes Ausflugsziel war Stirling Castle. Es liegt auf einem Hügel über der Altstadt und ich fand es ziemlich beeindruckend. der größte Teil des heutigen Schlosses wurde im 16. Jahrhundert von den Königen James IV. bis VI. gebaut. Kurze historische Information: James IV. war mit Margaret Tudor (Tochter des englischen Königs Henry VII.) verheiratet und starb im Krieg gegen England. England war in Frankreich einmarschiert, was dummerweise mit Schottland verbündet war... Damit war er der letzte König in ganz Großbritannien, der in einer Schlacht ums Leben kam. Sein Sohn, James V., wurde mit 17 Monaten zum König gekrönt. Er heiratete zwei französische Frauen (die eine starb sieben Wochen, nachdem sie nach Schottland gekommen war) und hatte drei Kinder mit Marie de Guise, von denen nur eins überlebte - Mary, Queen of Scots. Die kleine Mary wurde im Alter von sechs Tagen Königin, obwohl ihre Mutter Mary of Guise erstmal die Regierungsgeschäfte übernahm. Wie es mit Mary, Queen of Scot, endete, wissen vermutlich die meisten. Sie musste zugunsten ihres Sohns James VI. abdanken und wurde in England hingerichtet. James VI. wurde dann der erste gemeinsame König von England und Schottland, weil Elizabeth I. keine Kinder hatte. (Ich musste damit jetzt etwas angeben, schließlich hat es etwas gedauert, bis ich bei der Audioguideführung durch die ganzen James und Marys durchgeblickt habe.)
Der Audioguide zum Schloss war ziemlich gut. Während man durch den Königspalast geführt wurde, hörte man nicht nur Informationen über das Gebäude und die historischen Hintergründe, sondern immer auch eine kleine Szene, in der Schauspieler Dialoge sprachen, die die geschichtlichen Begebenheiten untermalten.


Das Schloss ist zumindest teilweise so restauriert worden, dass es wieder wie zu den Zeiten von James V und Marie de Guise aussieht. Dadurch sieht man, wie farbenfroh es damals war. Wenn man sich heute Schlösser anguckt, kommt man nicht auf den Gedanken, dass die Great Hall von außen in einem strahlenden Gelb hätte angestrichen sein können, so dass sie ein bisschen wie ein kitschiges Schloss im Phantasialand aussieht, oder dass die Decke im Schlafzimmer und Audienzzimmer des Königs so bunt angemalt worden sein könnten, dass ich mich fragte, ob das ein schlechter Scherz sei. Die knalligen Farben haben mich etwas an einen Kindergarten erinnert. Vermutlich liegt es daran, dass ich Schlösser anders (ohne die damalige Bemalung) gewöhnt bin. Trotzdem war mir das zu viel Farbe. Die Holzdecke in der großen Halle gefiel mir aber sehr gut und auch die Vorhänge an der Wand passten eher in meine Vorstellung wie ein Königspalast auszusehen hat.
Great Hall

Zimmer des Königs
Die Räumlichkeiten von James V sind nie fertig gestellt worden, weil er vorher starb. Die der Königin aber schon und da ihre Räume architektonisch die des Königs spiegeln, kann man sich schon vorstellen, wie die Räume des Königs ausgesehen hätten. Ich kann mich nicht erinnern, ob die Decken in den Gemächern der Königin auch so knallbunt waren, aber wenn das der Fall war, nahmen die reichbestickten Wandteppiche und die prunkvollen Möbel den Farben die Kraft. In diesen Räumen standen Mitarbeiter von Historic Scotland in  historischen Kostümen und machten dem Audioguide Konkurrenz. 
Das prächtige Bett, so der Mann im Schlafzimmer der Königin, habe nur eine symbolische Bedeutung gehabt und sei zum Kinder gebären da gewesen. Das eigentliche Bett der Königin habe in einem kleinem Nebenraum gestanden. Außerdem ist in diesem intimsten Raum der Königin ein Fußball gefunden worden, was zu der Vermutung geführt hat, dass die kleine Mary noch-nicht-Queen of Scots in den Räumen getobt hat. Sie war später auch eine gute Reiterin und Bogenschützin. Das Audienzzimmer war größer als das Schlafzimmer. Die Wandteppiche zeigten eine Einhornjagd. Dieses Motiv steht metaphorisch für die Passionsgeschichte Jesu, wie ich Freitag gelernt habe. Im ganzen Schloss sieht man ziemlich viele Einhörner, weil der schottische königliche Wappen einen Löwen und ein Einhorn zeigt.
Die Führung des Audioguides endete mit dem Königspalast, aber es gab noch viele verschiedene Stationen und Geschichten, die ich mir anhören und ansehen konnte. Die Küchen (die echt gut nachgestellt sind), Deckenschnitzereien, die einfach alles und jeden (von römischen Kaisern bis Frauen in der aktuellen Mode) zeigen, Mord und Totschlag in einem sonst ziemlich ruhigen Garten, ein Mann, der dachte, er könne sich selbst Flügel basteln und davon fliegen... Aber irgendwann lässt die Aufmerksamkeit nach.
Ich wollte auch eigentlich nicht mehr in das Argyll's Lodging gehen. Das Haus aus dem 17. Jahrhundert gehörte dem neunten Earl of Argyll, Archibald Campbell. Aber es war im Ticket zum Schloss enthalten und die Mitarbeiter haben mich mehr oder weniger reingezogen. Im Vergleich zum Schloss ist das Haus natürlich winzig, aber teilweise fand ich es prächtiger eingerichtet als den Palast. Aber auch das lag vermutlich daran, dass Teile des Königspalast nie fertig gestellt wurden. 
Nach einem langen Tag voller Bildung bin ich dann wieder zurück nach Glasgow gefahren.